Griechen müssen sparen: Krawalle in Athen

Athen - Die Griechen müssen sparen. Erstmals werden die Löhne bei staatlichen Unternehmen gekürzt. Die Gewerkschaften antworten mit einem neuen Streik - und die Autonomen mit Brandflaschen.

“Wir setzen Reformen in die Tat um, an die sich niemand in den vergangenen Jahrzehnten getraut hat“, sagt Ministerpräsident Giorgos Papandreou. “Entweder diese Reformen oder der Bankrott“, fügt er immer wieder hinzu. “Fragt sich, wie viel das Volk noch ertragen kann“, sagt der Rentner Giorgos Kelepouris am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. Er arbeitet schwarz als Bote, um einige Euro dazu zu verdienen. Er hat Angst vor der Zukunft.

Am Nachmittag brachen abermals Ausschreitungen in Athen aus. Autonome warfen Brandflaschen in den Eingang des Finanzministeriums und vor dem Parlament. Die Polizei setzte massiv Tränengas ein, um die Demonstranten auseinander zu treiben. Mehrere Autos wurden zerstört und dutzende Schaufenster eingeschlagen. Die Lage beruhigte sich am Nachmittag. Zuvor hatten mehrere tausend Menschen gegen die harte Sparpolitik der Regierung friedlich demonstriert.

In der Nacht zum Mittwoch hatte das Parlament neue, noch härtere Sparmaßnahmen und Änderungen im Arbeitsrecht gebilligt. Unter anderem werden die Abfindungen bei Entlassungen halbiert und die Löhne der Angestellten der staatlichen Unternehmen zwischen zehn und 25 Prozent gekürzt. “Mit anderen Worten, die eigentlichen Lenker unserer Wirtschaft (IWF, EU und Europäische Zentralbank) haben Neues diktiert: Schafft die Privilegien ab und macht die Arbeit billiger - oder es gibt kein Geld mehr.“ So kommentierte ein Radiosender die jüngsten Maßnahmen der Regierung.

Betriebe, bei denen die Löhne jetzt gekürzt werden, wie die Athener Bahn (ISAP) oder die staatliche Elektrizitätsgesellschaft (DEI) sind Elite-Unternehmen, die ihren Angestellten das zwei- bis dreifache dessen zahlen, was die Tarife im Privatbereich in Griechenland vorsehen. Löhne bis zu 80 000 Euro brutto im Jahr sind keine Seltenheit. In diesen Firmen wurden seit Jahrzehnten die treuesten Parteigenossen untergebracht. Dort arbeiten privilegierte Mitglieder der zwei großen Parteien, der Konservativen und der Sozialisten, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten regierten und an den Rand des Bankrotts geführt haben. Mit diesen Leuten legt sich jetzt die Regierung in Athen an.

Das Ergebnis: Wieder fegt ein Sturm von Streiks und Protesten über Griechenland. Am Mittwoch ging fast nichts mehr. Alle Flüge wurden gestrichen, die Fähren blieben in den Häfen, Busse und U- Bahnen wurden bestreikt, sogar Taxifahrer legten die Arbeit nieder. Und überall lag Müll herum, weil auch die Arbeiter der Städte und Gemeinden streikten. “Wir werden bis zuletzt kämpfen. Koste es was es wolle“, droht der Gewerkschaftschef der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft, Nikos Fotopoulos.

Griechen müssen sparen: Krawalle in Athen

Griechen müssen sparen: Krawalle in Athen

Unterdessen steigt wegen der Krise der Wirtschaft die Arbeitslosigkeit unaufhaltsam. Im September kletterte die Quote auf 12,6 Prozent, ein Jahr zuvor lag sie noch bei 9,3 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im dritten Quartal um 4,6 Prozent. Und die Aussichten für das neue Jahr sind noch schlimmer: Die Griechen müssen durch Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen über sechs Milliarden Euro mehr aufbringen als bislang geplant war. Nach Einschätzungen der Fachpresse handelt es sich um den härtesten Etat seit Jahrzehnten. “Wie im Winter 1941“ titelte das Boulevardblatt “Avriani“ vergangenen Montag und verglich die Lage in Griechenland mit der Besatzungszeit während des Zweiten Weltkrieges.

Die Zahlen sind knallhart und belegen den Zwang zum Sparen. Nur sie spiegeln nicht unbedingt das, was viele Menschen spüren. “Ich bin Rentnerin, wir müssen zu zweit mit 430 Euro im Monat auskommen“ sagt Evangelia Papadopoulou. Sie lebt mit ihrem kranken Mann in einer 45 Quadratmeter kleinen Miet-Wohnung in Patissia, einem Armenviertel Athens. Staatliche Unterstützung bekommt sie nicht. Die Nachbarn müssen helfen, sonst kann sie die Miete nicht zahlen. Die Folgen der Krise haben aber auch die höheren Einkommensschichten erreicht. In der Nacht zum Mittwoch nahmen sich zwei Kleinunternehmer in Athen und auf Kreta wegen hoher Schulden das Leben. “Die Selbstmorde sind gestiegen. Die finanzielle Aussichtslosigkeit führt immer mehr sensible Menschen zu solchen Taten“, sagte ein Verantwortlicher der Telefonhilfe “1018“ der griechischen Presse.

Rubriklistenbild: © AP

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