Großdemo in Tripolis: Milizen schießen auf Oppositionelle

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Muammar al Gaddafi (hier bei der UN in New York) hat angekündigt, er werde in Libyen "leben und sterben".

Tripolis/Genf - Bei der ersten Großdemonstration in Tripolis haben Milizen auf Oppositionelle geschossen. Die Zahl der Toten ist unklar, der UN-Menschenrechtsrat berät über den Ausschluss Libyens:

Regimetreue Milizen haben am Freitag mit Schüssen in die Menge versucht, die erste große Oppositionskundgebung in der libyschen Hauptstadt Tripolis aufzulösen. Ein Augenzeuge berichtete telefonisch der Nachrichtenagentur AP, er habe Tote und Verwundete in den Straßen liegen sehen. In anderen Städten gingen Zehntausende Libyer gegen Staatschef Muammar al Gaddafi auf die Straße und bekundeten ihre Solidarität mit den Demonstranten in Tripolis.

Nach dem Freitagsgebet strömten Demonstranten aus einer Moschee im Zentrum der Hauptstadt und versuchten, den Grünen Platz zu erreichen, wie ein Augenzeuge sagte. Milizionäre hätten zunächst Warnschüsse in die Luft abgefeuert, um sie daran zu hindern, sagte ein weiterer Augenzeuge. Viele Demonstranten hätten die Flucht ergriffen. “Die Lage ist in Teilen von Tripolis chaotisch“, sagte er. Auch andere Bewohner der Hauptstadt meldeten Gewehrfeuer aus mehreren Vierteln. AP berichtete, der andere Augenzeuge habe seine Angaben ins Telefon geschrien, während im Hintergrund Schüsse zu hören waren. Er könne nicht sagen, wie viele Tote und Verletzte es gegeben habe.

Einwohner von Tripolis hatten zuvor berichtet, die Opposition habe per SMS zu Demonstrationen gegen Staatschef Muammar al Gaddafi aufgerufen. In den SMS-Botschaften an Einwohner der Hauptstadt hieß es: “Lasst uns diesen Freitag zum Freitag der Befreiung machen.“ In Tripolis lebt ein Drittel der libyschen Bürger.

Dessen Sohn Saif al Islam sagte, die Herrscherfamilie werde in Libyen “leben und sterben“. In einem Interview mit dem Sender CNN Turk sagte er, seine Familie werde in Libyen “leben und sterben“. Befragt zu Alternativen angesichts der zunehmenden Protestbewegung sagte er: “Plan A ist es, in Libyen zu leben und zu sterben, Plan B ist es, in Libyen zu leben und zu sterben, Plan C ist es, in Libyen zu leben und zu sterben.“ Gaddafi werde nicht zulassen, das “eine Bande von Terroristen“ an die Macht kommt.

Gaddafis Truppen haben die Kontrolle über den Osten Libyens weitgehend verloren, halten bisher aber Tripolis und Umgebung mit äußerster Härte. Am Donnerstag wurden in zwei Städten nahe der Hauptstadt mindestens 17 Demonstranten erschossen. Gaddafi machte unterdessen das Terrornetzwerk Al Kaida und dessen Führer Osama bin Laden für den Aufstand gegen seine 42-jährige Herrschaft verantwortlich.

Der UN-Menschenrechtsrat beriet in Genf über einen Ausschluss Libyens aus dem Gremium. Die EU-Initiative, die auch die Berufung eines Sonderermittlers vorsieht, wird von den USA unterstützt. Widersprüchliche Angaben gab es über die Zahl der Opfer der Unruhen, die am 15. Februar begannen: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sprach von 300 Toten, der italienische Außenminister Franco Frattini hat erklärt, Schätzungen über mehrere tausend Tote seien glaubwürdig.

Auch die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, verwies am Freitag in Genf auf Berichte über Tausende getötete und verwundete Zivilisten. Die internationale Gemeinschaft müsse energisch einschreiten, um das brutale Vorgehen Gaddafis zu stoppen. Die Bundesregierung in Berlin sprach sich für ein Waffenembargo als eine der möglichen Sanktionen gegen Libyen ein. Außenminister Guido Westerwelle erklärte im Deutschlandfunk: “Ich denke, Sanktionen sind unvermeidbar.“

In Libyen saßen nach Angaben der EU-Kommission bis zum Freitag noch 3.600 EU-Bürger fest. 3.400 seien seit Beginn der Gewalteskalation bereits zurück in ihre Heimat gebracht worden, sagte Kommissionssprechern Maja Kocijancic in Brüssel.

Die Evakuierung mit Flugzeugen und Schiffen wurde von stürmischem Wetter behindert. Hunderte Ausländer strandeten in Häfen und Flughäfen. Es waren aber auch Schiffe mit mehreren hundert Ausländern nach Malta und Griechenland unterwegs. Die Türkei brachte nach eigenen Angaben bis Freitag 8.300 ihrer Bürger nach Hause, China leitete die Evakuierung von 15.000 seiner 30.000 in Libyen arbeitenden Bürger ein.

dapd

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