Grüne: Nach Höhenflug droht harte Landung

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Auf dem Kurs nach oben: Cem Özdemir und Claudia Roth von den Grünen.

Berlin - 24 Prozent in Baden-Württemberg, 27 in Berlin - wer bietet mehr? Die Grünen erleben in Umfragen einen beispiellosen Höhenflug. Die Frage ist, wie sich der Zuwachs auf Dauer mit dem Image als Querdenker verträgt.

Viele sehen in der einstigen Sponti-Partei eine Stimme der Vernunft. Doch die Landung könnte hart werden.

Cem Özdemir vermeidet jede Euphorie. “Wir nehmen das entgegen mit Demut“, sagt der Grünen-Chef über den aktuellen Umfrage-Hype für seine Partei. 30 Jahre nach ihrer Gründung scheint der Zuspruch für die Grünen keine Obergrenze zu haben. Doch ob das der nach wie vor kleinsten Oppositionskraft etwas nützt, ist offen.

Die Demoskopen sehen die Grünen in Berlin bei 27 Prozent - sie wären damit erstmals stärkste Kraft in der Hauptstadt. In Baden- Württemberg liegen sie mit 24 Prozent gleichauf mit der SPD. Im Bund würden sie aktuellen Umfragen zufolge von 10,7 Prozent bei der Wahl 2009 auf 16 bis 19 Prozent zulegen.

“Unser Job ist es, dauerhafte Grünen-Wähler aus ihnen zu machen“, sagt Özdemir. “Wir haben solche Ergebnisse bislang nicht erreicht“, mahnt der Realo-Abgeordnete Omid Nouripour. Deshalb müsse nun weiter an realistischer Finanz-, Sozial- und Steuerpolitik gefeilt werden. Die Grünen stehen vor einem Spagat: Sie wollen die, die nun mit ihnen liebäugeln, tatsächlich gewinnen und binden - ohne uneinlösbare Versprechungen zu machen.

Das Chaos-Image von Schwarz-Gelb, die Selbstbeschäftigung von SPD und Linken und das Versprechen einer weitgehend schmerzfreien ökologischen Modernisierung der Wirtschaft - das ist Treibstoff für den grünen Höhenflug. In Sachen Ökologie sehen sich die Grünen als unverwechselbares Original. “Wir glauben, dass wir 100 Prozent Erneuerbare Energie erreichen können, ohne auf Kohle wie die SPD oder auf Atom wie die CDU zurückgreifen zu müssen“, sagt Özdemir.

In Hamburg hat Schwarz-Grün den Abgang von Ole von Beust zunächst unbeschadet überstanden - und Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen steigert bei den Grünen die Hoffnung auf die Möglichkeit neuer Zweierbündnisse ohne die ungeliebte FDP oder die Linken.

Doch in den derzeit machtpolitisch spannendsten Ländern drohen die Grünen Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden. In Baden-Württemberg profitieren sie vom breiten Widerstand gegen den gigantischen Bahnhofsumbau Stuttgart 21. Doch die Perspektive Schwarz-Grün rückt damit in weite Ferne, weil Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) unbedingt an dem Bau festhalten will - ebenso wie die Landes-SPD. “Die SPD wird es sich nicht auf Dauer leisten können, gegen ihre Basis Politik zu machen“, sagt Özdemir. SPD-Landes-Generalsekretär Peter Friedrich keilt zurück: “Offensichtlich machen die Umfragewerte Herrn Özdemir besoffen.“

Auch in Berlin droht ein verschärfter Kampf Grün versus Rot. Wenn - wie bei den Berliner Grünen immer sehnlicher erwartet - die Bundestags-Fraktionschefin Renate Künast gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit antritt, könnte die vergrätzte SPD am Ende an der Seite der CDU in einer Koalition landen. Was würde dann aus einer Kandidatin Künast? Zur möglichen Kandidatur will sie sich im Herbst äußern. Trotz steigenden Drucks bleibe es bei diesem Zeitplan, hieß es am Freitag lediglich.

Welche Koalitionen die Grünen überhaupt eingehen wollen, ist in der Partei weiter umkämpft. “Lagerübergreifende Koalitionen schaden der Demokratie“, sagte der linke Jungstar der Partei Arvid Bell in einem Interview. Bell verlässt zwar nun wegen eines Auslandsaufenthalts den Parteirat - doch ist seine schwarz-grün- kritische Haltung in der Partei verbreitet.

Wie können die Grünen ihre Flughöhe halten, ohne ihr Bild als Querdenkerin unter den Parteien zu gefährden? Özdemir will, dass die Grünen als “die etwas andere Partei“ wahrgenommen werden. “Das ist die Weiterentwicklung der Anti-Parteien-Partei.“ Parteimitbegründerin Petra Kelly beschrieb es einst so: “Anti-Parteien-Parteien üben nicht Macht im alten Herrschaftssinn aus.“ Derzeit stellt sich den in der Mitte angekommenen Grünen eher die Frage, ob sie überhaupt mehr Macht bekommen.

dpa

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