Gutachter bewertet Risiko für “Stuttgart 21“-Tunnel

Stuttgart 21
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Die Verhandlungsrunde um Stuttgart 21 am Samstag.

Stuttgart - In der sechsten Runde der Schlichtungsgespräche um das Bahnprojekt “Stuttgart 21“ hat sich am Samstag ein Gutachter zu den Risiken beim Tunnel-Bau geäußert.

Die geologischen Risiken für die Tunnelbauten des Bahnprojekts sind nach Darstellung des Experten zu vernachlässigen.

Stuttgart 21: Argumente Pro und Contra

Stuttgart 21: Argumente Pro und Contra

Das Bahnprojekt Stuttgart 21 (Foto: Modellzeichnung) gilt als größtes Infrastrukturprojekt Europas. Seit Monaten laufen Bürger Sturm gegen das Projekt. Wir zeigen die Argumente der "S21"-Befürworter und die der Gegner. © dpa
DAS IST STUTTGART 21: Der Stuttgarter Hauptbahnhof soll vom Kopf- zum Durchgangsbahnhof umgebaut und "tiefergelegt" werden. Die Gleise werden unterirdisch verlegt. Der Flughafen Stuttgart bekommt eine ICE-Haltestelle. Außerdem wird ein neuer Bahnhof Flughafen/Messe gebaut. Dieser soll die Stuttgarter Innenstadt, den Flughafen und das Messegelände besser miteinander verbinden. Auch wird ein Tunnelnetz gebaut, um den gesamte Stuttgarter Raum an das Schienennetz anzubinden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bringt Baden-Württemberg näher zusammen: So wird die Fahrzeit von Stuttgart nach Ulm fast halbiert (von 54 auf 28 Minuten). Auch die Fahrtzeit zwischen Hauptbahnhof und Flughafen von derzeit 27 auf 8 Minuten verkürzt. © dpa
PRO: Ohne Stuttgart 21 wird Baden-Württemberg vom internationalen Bahnverkehr abgehängt. Das Projekt ermöglicht den Lückenschluss in der europäischen Magistrale Paris-Budapest. Außerdem werden Flughafen und Landesmesse an die Schnellbahnstrecke nach Ulm angebunden. © dpa
PRO: Stuttgart 21 bildet einen Anreiz für Autofahrer, auf dieser Strecke vom Auto auf den Zug umzusteigen. © dpa
PRO: Auch der Schienenregionalverkehr profitiert von Stuttgart 21. © dpa
PRO: Stuttgart schafft auf Dauer 10.000 neue Arbeitsplätze und zusätzlich 7000 während der Bauzeit. © dpa
PRO: Im neuen Durchgangsbahnhof können mit halb so vielen Gleisen deutlich mehr Züge in den Bahnhof ein- und ausfahren, weil sie sich nicht mehr gegenseitig blockieren. © dpa
PRO: Bei einem Aus für Stuttgart 21 gehen Millionenzuschüsse von Bund und Bahn für das Land Baden-Württemberg verloren. Die Gelder fließen dann in die Infrastruktur eines anderen Bundeslandes. © dpa
PRO: Auf den Flächen, die derzeit noch mit Gleisen bedeckt sind, werden Parkanlagen erweitert. Außerdem wird neuer Wohn- und Arbeitsraum im Stadtzentrum geschaffen. © dpa
PRO: Die Kosten für Stuttgart 21 werden nicht aus dem Ruder laufen. In der aktuellen Kalkulation von 4,088 Milliarden Euro sind bereits 323 Millionen Euro für weitere Baupreissteigerungen eingerechnet. Für alle Fälle steht zudem ein Risikofonds von 438 Millionen Euro bereit. © dpa
PRO: Der Bau des unterirdischen Bahnhofs bringt deutlich weniger Probleme für die Fahrgäste mit sich als die Modernisierung des Kopfbahnhofes während des laufenden Zugbetriebs. © dpa
PRO: Stuttgart 21 ist sorgfältig geplant. Damit sind Risiken beim Bau weitgehend ausgeschlossen. © dpa
PRO: Die historische Bausubstanz des Stuttgarter Bahnhofsgebäudes bleibt trotz des Abrisses der Seitenflügel erhalten. © dpa
CONTRA: Eine jahrelang bestehende Großbaustelle im Zentrum Stuttgarts führt zu Verkehrsbehinderungen und Belästigungen durch Abgase der Baustellenfahrzeuge. © dpa
CONTRA: Die Kosten für Stuttgart 21 laufen aus dem Ruder. Das Geld könnte besser in Bildung, sowie das Gesundheits- und Sozialwesen gesteckt werden. © dpa
CONTRA: Die Modernisierung des Kopfbahnhofes (K21) ist mehrere Milliarden Euro billiger - in erster Linie, weil weniger Tunnelkilometer gebaut werden müssen. © dpa
CONTRA: Die Bauarbeiten für Stuttgart 21 gefährden die Mineralwasserquellen der Stadt. © dpa
CONTRA: Im Stuttgarter Schlossgarten werden hunderte alte Bäume abgeholzt. Der Park wird durch die hohen Lichtaugen des unterirdischen Bahnhofs verschandelt. © dpa
CONTRA: Weil es bei Stuttgart 21 nur noch vier Bahnsteige gibt, wird es für die Reisenden eng. Vor allem, weil die Anzahl der haltenden Züge pro Bahnsteig ansteigt. © dpa
CONTRA: Ein integrierter Taktungsplan lässt sich nicht realisieren. Somit werden die Umsteigezeiten länger. © dpa
CONTRA: Die Zahl der Gleise sinkt von 17 auf 8. Auch einige Zubringergleise werden verschwinden. Deswegen werden sich Züge vor dem Bahnhof stauen. © dpa
CONTRA: Das Klima im Stuttgarter Kessel heizt sich künftig auf. Bislang kühlen sich die unbebauten Flächen des Gleisvorfeldes nachts stark ab. Dadurch halten sie die Temperaturen in Grenzen. © dpa
CONTRA: Dem Ausbau und der Verbesserung des Regionalverkehrs wird durch das Mammutprojekt Stuttgart 21 Geld entzogen. © dpa
CONTRA: Auch bei einer Modernisierung des Kopfbahnhofes kann der Bahnhof an die Schnellbahntrasse angeschlossen werden - und zwar über das Neckartal und einen Tunnel auf die Filder. © dpa
CONTRA: Teile des denkmalgeschützten Stuttgarter Bahnhofsgebäudes von Paul Bonatz werden abgerissen. © dpa
CONTRA: Auf dem Stuttgart-21-Gelände müssen alte Bäume gefällt werden. Darin leben aber seltene Tiere, zum Beispiel der vom Aussterben bedrohte Juchtenkäfer. © dpa

Der auf Geotechnik spezialisierte Bauingenieur Walter Wittke erläuterte am Samstag in der sechsten Schlichtungsrunde im Stuttgarter Rathaus, dass beim Bau der Tunnel, die durch quellfähige Gipskeuperschichten führten, mit doppelter Absicherung gearbeitet werde. “Wir haben Sorge getragen, dass Risiken vermieden werden“, sagte der Gutachter der Bahn für “Stuttgart 21“. Diese Bodenschichten beginnen bei Feuchtigkeit wie Hefe zu quellen. Dies könnte zur Ausdehnung des Gesteins und zu Bodenhebungen führen wie in Staufen (Breisgau). Dass trotz der Vorkehrungen Wasser zu den Gipskeuperschichten durchdringen könnte, hält Wittke kaum für möglich. Ganz ausschließen wollte er dies aber nicht. Der Experte der Projektgegner hatte zuvor bezweifelt, dass sichergestellt werden kann, dass bei den Bohrungen Feuchtigkeit auf den Gipskeuper trifft. 

Doppelte Abdichtung der Tunnel

Bahngutachter Wittke stellte dar, wie beim Bau von insgesamt zwei Mal 25 Kilometer Tunnel für “Stuttgart 21“ und zwei Mal 27 Kilometer Tunnel das Risiko durch potenziell druckausübende Gesteinsschichten umgegangen werden soll. Durch Gipskeuper führten im Bereich Stuttgart vier Tunnel: Der Fildertunnel, der nach Ober-Untertürkheim, nach Feuerbach und nach Bad Cannstadt. Der Fildertunnel und der Tunnel nach Ober- und Untertürkheim würden tief genug gebaut, um sie von Wassereinfluss fernzuhalten. An den zwei Stellen, wo durch wasserführende Schichten gebohrt werden müsse, würden jeweils Abdichtungsbauwerke gebaut. Hier gebe es außer einer Außen- und Innenschale eine Kontrolldränage außerdem werde mit Kunstharz abgedichtet. Im Fall der beiden anderen Tunnel werde mit einer Knautschzone gearbeitet, damit es keine Hebungen unter den Tunneln gebe. Außerdem gebe es wieder eine doppelte Absicherung durch mehrere Tunnelschalen. 

Projektgegner sehen unkalkulierbare Mehrkosten

Der Experte der Projektgegner, Jakob Sierig, hielt dem entgegen: “15 Kilometer Tunnel im Gipskeuper bringen unkalkulierbare Mehrkosten mit sich.“ “Stuttgart 21“ sei mit seiner Tunnelbauweise noch im “Pionierstadium“, sagte der Geologe. Bei der Mehrzahl der im Gipskeuper gebauten Tunnel müsse wegen Quellungen immer wieder saniert werden. Es sei zu erwarten, dass es bei “Stuttgart 21“ zu reparaturbedingten Tunnelsperrungen kommen werde. Dem widersprach Wittke. Die möglichen Schäden seien bei den geplanten Vorkehrungen gering. Im Bauwesen werde generell nach dem Vier-Augen-Prinzip gearbeitet, in diesem Fall mit dem Sechs-Augen-Prinzip. Die geologischen Verhältnisse seien zudem mit 1.500 Bohrungen untersucht worden, weit mehr als der Standard, sagte Wittke. 

160 Jahre Erfahrung mit Gipskeuper

In Stuttgart habe man zudem 160 Jahre Erfahrung mit Tunnelbau, sagte Wittke. Der Hasenbergtunnel etwa durchquere alle hier vorkommenden Schichten. Hier sei nicht mit der geplanten Abdichtung gebaut worden. “Es hat auch ohne funktioniert. Wir möchten das sicherer machen“, sagte Wittke. In der Schlichtung besprochen werden sollen auch der Schutz der Stuttgarter Mineralquellen und des Grundwassers bei der Tunnelbohrung sowie der Bauablauf. Das Schlichtungsgespräch wird erneut im Fernsehen und Internet live übertragen. Gegen “Stuttgart 21“ wird seit Monaten heftig protestiert. Die Schlichtung war angeregt worden, nachdem bei einem Polizeieinsatz zur Einrichtung einer Baustelle für “Stuttgart 21“ über hundert Menschen verletzt worden waren.

dapd

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