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Lanz und Precht streiten zu Ukraine-Waffen: „Was das an Krise auslöst, davor muss sich jeder Kanzler fürchten“

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Philosoph Richard David Precht zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF) am 12.07.2022.
Philosoph Richard David Precht zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF) in der Sendung vom Dienstag, 12. Juli. © Cornelia Lehmann/ZDF

Im Talk mit Markus Lanz: Richard David Precht. Der Philosoph findet Kinder der Wohlhabenden zu lethargisch, fordert mehr „hungrige Leute“ und Migration als „Blutauffrischung“

Hamburg – Richard David Precht bei Markus Lanz: Bereits Stunden, bevor die Sendung beginnt, sind die sozialen Netzwerke in heller Aufregung. Gleich nach #HabeckRuecktritt liegt der Hashtag #HeissluftPrecht auf Platz zwei der Twitter-Charts.

Markus Lanz (ZDF): Bedeutungsloses Geplänkel ohne Inhalt?

Markus Lanz erscheint ohne Anzug, stattdessen im dunklen Look. Sein Gast überraschenderweise ebenfalls. Die beiden sind offenbar nicht nur Buddys mit einem gemeinsamen Podcast (berühmte Eröffnungsfrage: „Hallo Richard, wo erreiche ich dich heute?“).

Lanz stellt Precht vor, und der genießt es wie sonst kaum ein Gast: mit einem optischen Wechselbad der Gefühle, seinem typischen, sympathischen Stirn-Tennis zwischen Runzeln und Raunen. Bisweilen reißt er dabei derart lang die Augen auf, dass man glaubt, er habe bei Karl Lauterbach Mimik studiert.

„Die Frage, wo du steckst, brauche ich dir heute nicht zu stellen, aber was geht dir durch den Kopf?“ – mit der dünnen Eröffnungsfrage schwebt die Angst im Raum, dass diese Sendung keine nennenswerten Schwerpunkte haben könnte. Doch es soll anders kommen.

Precht verteidigt bei Lanz die diplomatische Linie im Ukraine-Konflikt

Denn Precht hat gerade einen Appell unterzeichnet, der sich für eine diplomatische Lösung des Ukraine-Kriegs ausspricht. Mit der Idee hat Markus Lanz seit Wochen erhebliche Probleme. Nur wenige Sendungen ist es her, dass er die Politologin Ulrike Guerot für genau diese These mit versammelter Gästeschar in Grund und Boden redete. Für dieses Verhalten war Lanz heftig kritisiert worden.

Precht genießt den Kumpel-Vorteil, er darf aussprechen. Und er sieht wie Guerot keine Lösung durch noch mehr Waffen. „Der Punkt ist der, dass du es für denkbar hältst, dass das überhaupt geht“, sagt er. Am Ende müsse man einsehen, dass diese Strategie nicht funktioniert.

„Als Haltung dem Leben gegenüber ist mir das ein bisschen zu billig“, erwidert Lanz. Der Satz trifft den Philosophen spürbar. Precht redet nun ungewohnt schnell und laut, er unterbricht Lanz sogar. „Das wird enorm blutig werden, ohne dass wir am Ende etwas gewonnen haben.“ „Warum wir?“, fragt Lanz. Der Einwurf zeigt, dass er die Lage ganz strategisch aus der Ferne betrachtet: Die Moral bleibt in Deutschland, die Folgen trägt die Ukraine. Lanz erzählt von den Gräueltaten im Kriegsgebiet. Precht nippt an seinem Wasser, hält das Glas zittrig mit beiden Händen wie ein Kind. Die Worte berühren ihn.

Precht: „Die Zeit, wo wir auf der Insel der Seligen gelebt haben, die ist vorbei.“

Schon zuvor hat es bedrückende Momente gegeben, als Precht über den aktuellen Wohlstandsverlust in Deutschland philosophierte. Er sieht darin auch Vorteile, denn die neuen Werte seien „Zeit und Raum, nicht Gegenstände“. Eine „ungebremste Wohlstandsmehrung wird es nicht mehr geben können. Die Zeit, wo wir auf der Insel der Seligen gelebt haben, ist vorbei“. Jetzt bräuchten endlich die Chinesen und Inder eine Perspektive.

Lanz erzählt überrascht, dass er den Grünen-Politiker Anton Hofreiter nicht nur als neuen Waffenexperten kennengelernt hat, sondern auch als Klimakenner. „Hinter den Kulissen“ habe Hofreiter gesagt, es seien bereits zehn bis 15 Meter Meeresanstieg in den Modellberechnungen. Er schränkt ein, dass die Gelehrten über derart krasse Zahlen und das ganze Klimawandel-Modell noch streiten, aber Precht nimmt den Ball sofort auf. „Unsere Lebensweise ist in gewisser Hinsicht ein Genozid an der Bevölkerung in Afrika.“

In Richtung Bundesregierung hat er konkrete Forderungen. Es sei dringend ein „Ministerium für globale Zusammenarbeit“ nötig. Deutschland müsse die Ungerechtigkeiten der ganzen Welt bekämpfen. „Es verhungern 25.000 Menschen pro Tag, und die allermeisten davon in Afrika.“ Die Länder dort hätten auch beim Thema Ukraine-Krieg „einen guten Grund, nicht auf unserer Seite zu stehen“. Die G7 nennt er einen Anachronismus. „Es sollen die sieben größten Wirtschaftsnationen der Welt sein, und China ist nicht dabei?“, fragt er, lehnt sich in seinem Sessel zurück und zitiert Goethe: „Krieg, Handel und Piraterie. Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.“

Precht bei Lanz: Moderator fragt kleinlaut, Philosoph legt noch einen drauf

Lanz beklagt, dass „ein echter Riss durch dieses Land“ geht zwischen der öffentlichen Meinung und der veröffentlichten Meinung in den Medien. Precht sieht es noch extremer. Bei Fernseh-Diskussionen stellt er fest, dass die gegensätzliche Position „in der Minderheit ist“. Es dürfe nicht passieren, „dass die veröffentlichte Meinung so weit von der öffentlichen Meinung abweicht“. Womit er erneut den Fall Ulrike Guerot hochkocht, die immerhin für knapp die Hälfte der Bundesbürger gesprochen habe. „Hast du das Gefühl, dass das so ist?“, fragt Lanz kleinlaut. Und Precht setzt noch einen drauf: „Ich habe nicht nur das Gefühl, ich könnte das auch mit Tabellen, Zahlen und Statistiken belegen.“

Zu den Waffenlieferungen hat Precht eine provokante Frage: „Was glaubst du eigentlich, wer das am Ende entscheidet. Glaubst du wirklich, die Ukrainer? Zu viele Leute haben dort zu viele Interessen.“ Die Ukrainer gebe es so pauschal sowieso nicht, sondern „die ukrainische Regierung und all die Ukrainer, die überhaupt nicht gefragt werden“.

Precht zu Waffenlieferungen: „Was das an Krise auslöst, davor muss sich jeder deutsche Bundeskanzler fürchten.“

Doch Lanz will weiter Waffen. Precht warnt, der Schuss werde nach hinten losgehen. Am Ende werde Putin das Gas abdrehen. „Was das an Krise auslöst, davor muss sich jeder deutsche Bundeskanzler fürchten.“ Hinter den Kulissen werde daher sicher längst gesprochen. „Aber Scholz würde von den Massenmedien erschossen, wenn er sich da ehrlich macht.“

„Ich find das nicht gut“, sagt Lanz. Die Deutschen sollten sich „moralisch gerade machen“. Precht hält die Vereinigten Arabischen Emirate dagegen, die den Krieg im Jemen unterstützt haben. „Katar hat alle denkbaren Terrororganisationen unterstützt. Das sind jetzt unsere guten Freunde.“ Annalena Baerbock spreche von wertegeleiteter Außenpolitik, und gleichzeitig fahre Robert Habeck nach Katar – „Wollen wir die Leute veralbern?“

Habecks Pirsch auf der Fährte des guten Gases ist für Precht nur Schmerzmittel, keine Heilung. „Wir leben in einer Bedarfsweckungsgesellschaft, nicht in einer Bedarfsdeckungsgesellschaft. Deshalb haben wir ein Problem mit Verzicht.“

Migration ist „letztlich auch eine Art Blutauffrischung“

Wenn die Gier der Menschen nach neuen Dingen nicht nachlasse, würden wir „sehenden Auges in tatsächliche Untergangs-Szenarien“ gehen. Man müsse mit weniger zufrieden sein. Bei den Rentnern sieht Precht den zufriedenen Teil der Gesellschaft. Flaschensammeln kommt in seinem Umfeld nicht vor. Alle, die er kenne, seien „sehr zufrieden“ mit dem Ruhestand.

Die Jugend allerdings ist ihm entschieden zu lethargisch. Man brauche neue Ideen. Migration sei daher „auch eine Art Blutauffrischung“. „Wir brauchen mehr hungrige Leute, nicht die satten Kinder der Wohlhabenden.“

Fazit des Talks bei Markus Lanz:

Eine Sendung wie eine Weltendiagnose. Lanz und Precht diskutieren die Komplexität von Waffensystemen ebenso wie Platon, Sokrates und Goethe. Als das Thema auf die junge Generation kommt, ist die Sendung leider schon vorbei: Über die „satten Kinder der Wohlhabenden“ will Lanz eine eigene Sendung machen. Es könnte der erste Talk sein, bei dem Gäste mit Superkleber erscheinen, um sich am Stuhl zu fixieren. (Michael Görmann)

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