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Gauck bei „Lanz“: Ex-Pastor rügt Pazifismus und Precht – und lobt Habeck

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Joachim Gauck – ehemaliger Bundespräsident – zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF).
Joachim Gauck – ehemaliger Bundespräsident – zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF). © Cornelia Lehmann/ZDF

Joachim Gauck spricht bei „Lanz“ im ZDF über Putin und was Merkel. Pazifismus führe „zu nichts Gutem“ urteilt der Theologe erstaunlich klar.

Hamburg – In der Woche vor seiner Sommerpause begrüßt Markus Lanz jeden Abend nur einen Gast in seiner Talkshow. Ein würdiger Rahmen also für Joachim Gauck, den elften deutschen Bundespräsidenten und Vorgänger von Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Wenig überraschend gibt sich Gauck auch nach seiner Amtszeit staatsmännisch. Immer wieder verliert sich der 82-Jährige in minutenlangen Monologen über verschiedene Staatsformen. „Wir schweifen ab, zurück zu Putin“, lässt Lanz seinen Gast einmal wissen – nachdem er ihn zunächst fünf Minuten lang ausreden lässt. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Gauck über das gesamte Gespräch verteilt scharfe Analysen vornimmt und sich auch nicht mit Kritik zurückhält. Alt-Kanzlerin Angela Merkel und die Ampel-Regierung müssen dabei einstecken. Vizekanzler Robert Habeck (Grüne) bekommt dagegen reichlich Lob von Gauck.

„Markus Lanz“ im ZDF: Gauck nennt Putin „besessen“

Schon zu Beginn der Sendung wird Gauck sehr deutlich, bezeichnet Wladimir Putin als „besessen“. Er habe sich vor Kriegsausbruch die Frage gestellt, ob der russische Präsident wirklich „so dumm“ sein kann. Nicht so deutlich, aber trotzdem kritisch begegnet Gauck auch Richard David Precht und dem sogenannten offenen Brief einiger Intellektuellen an die Regierung. „Ich bin dezidiert anderer Meinung als Precht“, sagt Gauck, der nun von seiner staatsmännischen Art ablässt. Es ist deutlich spürbar, wie sehr er sich über den Inhalt des Schreibens ärgert.

Der Brief löse in ihm „zwei unangenehme Gefühle aus“: Zum einen den Eindruck der Anmaßung, den Opfern in der Ukraine zu erklären, was sie zu tun haben; zum anderen das Fehlen einer Zielperspektive. Die offenen Briefe zum Umgang mit dem Ukraine-Krieg waren bei Lanz zuletzt häufiger emotionaler Debattengegenstand.

Ukraine-Krieg: Gauck fordert bei „Lanz“ Waffen, „die denen wirklich helfen“

Gauck meint, dass sich die Mehrheit der Deutschen aktuell für die Lieferung schwerer Waffen in die Ukraine ausspreche. Das sei mal anders gewesen, als in Deutschland noch die „German Angst“ vorgeherrscht habe. Die Ampel-Koalition habe es durch ihre Arbeit aber geschafft, die Sorgen zu beseitigen. Profiteur der Angst sei in diesem Fall stets Putin. „Der Verzicht auf Waffenlieferungen ist im Prinzip eine Begünstigung des Aggressors.“

Ein imperialistisch denkender Mensch gebe sich niemals zufrieden, wenn man ihm Zugeständnisse mache, fügt Gauck hinzu. Im Gegenteil, Folge sie das Streben nach „mehr“. In diesem Zusammenhang kritisiert Gauck dann auch die Ampel-Regierung: „Ich glaube, dass wir die Ukraine stärker unterstützen müssen, als wir es jetzt tun.“ Und das „auch mit Waffen, die denen wirklich helfen“.

Lanz übernimmt wieder das Kommando und möchte einen anderen Aspekt beleuchten. Der Moderator verweist auf seinen Militärdienst in Italien: „Dabei dachte ich mir“, sagt Markus Lanz, „wenn es wirklich mal ernst wird, bin ich der Erste, der davonläuft.“ Er stellt klar: „Das hat sich komplett geändert.“ Durch das Geschehen in der Ukraine sei die Situation nun greifbarer. „Wenn ich mir vorstelle, Berlin wird angegriffen ...“, sagt Lanz, allerdings ohne den Satz zu beenden. Gut möglich, dass er sich kurz vor dem Aussprechen über die mögliche Resonanz klar wurde.

Gauck: „Der pazifistische Ansatz führt zu nichts Gutem“

Gauck, wohlgemerkt ehemals evangelischer Pastor, springt in die Bresche. Auf die Frage, ob er zur Waffe greifen würden, sagt Gauck: „Ich würde mir wünschen, dass ich es nicht tun muss, aber in einem solchen Fall würde ich es tun.“ Damit nicht genug: „Der pazifistische Ansatz führt zu nichts Gutem.“ Diese Haltung sei zwar „ehrenvoll“, führe aber zur Dominanz des Bösen, der Verbrecher und der Zementierung des Unmenschlichen.

Für pazifistisch denkende Menschen gebe es bloß gleich schlechte Kriegsparteien, meint Gauck. Das sei im Ukraine-Konflikt aber grundlegend anders, „es gibt hier Schwarz und Weiß“; einen Aggressor und ein Opfer. Jede andere Darstellung sei eine „Verzerrung der Wahrnehmung“.

Merkel habe die wirklichen Ziele des russischen Präsidenten schon vor langer Zeit durchschaut, sagt Gauck. „Bei Merkel ist es so, dass sie genau wusste, dass er log.“ Trotzdem habe sie als Kanzlerin, dem Gebot der Demokratie folgend, mit Putin gesprochen. Gauck hätte sich trotzdem eine klare Linie gewünscht, „irgendwo ist die Grenze“. Man hätte erkennen müssen, dass „Nord Stream 2 keinesfalls nur ein privatwirtschaftliches Unternehmen ist“.

Lob findet Gauck für die schon jetzt historische „Zeitenwende-Rede“ von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Fast schon überschwänglich fällt die Bewertung der Arbeit Habecks aus. Den Grünen empfindet Gauck als Vorbild für junge Menschen mit politischen Ambitionen. „Politik machen heißt eben nicht nur, Ziele zu definieren und Inhalte zu beschreiben und dann Kampagnen zu machen, sondern Politik zu machen heißt auch zu vermitteln, was wir für richtig halten.“ Viele Politikerinnen und Politiker verließen sich darauf, dass die Medien diese Funktion übernehmen, sagt der frühere Bundespräsident.

„Markus Lanz“ - dieser Gast diskutierte am 13. Juli:

Nahezu entspannt wirkt Gauck mit Blick auf den Herbst. Aktuell wisse niemand, ob die Energieversorgung flächendeckend gewährleistet sein werde. Und noch weniger, wie die Bevölkerung auf einen solchen Missstand reagieren könnte. „Aber ich teile nicht die düsteren Prognosen, dass wir Unruhen auf den Straßen haben werden.“ Hier kommt wieder Habeck ins Spiel: Gauck ist der Überzeugung, dass Politiker wie er erklären können, „warum wir was machen“.

Dabei holt Gauck – dann wieder in der Rolle des Staatsmanns – die Bürgerinnen und Bürger mit ins Boot. „Wir sind nicht nur die, die Wirtschaftswunder können. Wir sind auch die, die auch mal die Zähne zusammenbeißen, wenn wir damit anderen Menschen helfen können.“ Es gehe nicht um die Furcht, das Leben könne misslingen, sondern darum, dass vielleicht ein paar Träume nicht verwirklicht werden könnten, „wo wir vielleicht nur einmal statt zweimal in den Urlaub fahren können“.

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Auch wenn das Gespräch mit Joachim Gauck einige Längen hat, präsentiert der ehemalige Bundespräsident überraschend deutliche Thesen. Dabei hält sich Gauck mit Kritik an der Bundesregierung nicht zurück. Sogar Lanz-Stammgast Richard David Precht bekommt sein Fett weg. Überraschend ist jedoch, wie unbeschwert Gauck dem Herbst entgegenblickt. (Christoph Heuser)

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