Merkel sieht deutsche Einheit als Wunder

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Kanzlerin Angela Merkel

Berlin - 20 Jahre nach der Wiedervereinigung zieht jeder Bilanz. Kanzlerin Merkel spricht von einem “Wunder“, der Innenminister von einer “Erfolgsbilanz“.

Zwanzig Jahre nach der Einheit hat jeder so seine Sicht der Dinge. Lothar de Maizière, erster freigewählter und auch letzter DDR-Ministerpräsident, will nicht als Marionette von Helmut Kohl oder von anderen Politikern aus dem Westen gesehen werden. “Da fiel die Mauer, dann gaben sich die Großen dieser Welt die Hand, und dann war die deutsche Einheit da.“ Eine solche Sichtweise hält er für falsch. Als er sein Buch zur Geschichte der deutschen Einheit am Mittwoch in Berlin vorstellt, betont de Maizière, “dass uns die Demokratie nicht von außen verordnet wurde“.

Das Verhältnis zwischen den CDU-Politikern Lothar de Maizière und Helmut Kohl war gespannt. Das weiß auch Kanzlerin Angela Merkel, die unter de Maizière stellvertretende Regierungssprecherin war. Am Mittwoch ist die CDU-Vorsitzende die Laudatorin für das Buch des letzten DDR-Regierungschefs und freut sich, frühere Weggefährten zu sehen. Merkel ist sich nicht in allem einig mit de Maizière. Während dieser in seinem Buch “Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen“ schreibt, Kohl habe die DDR als sein Operationsgebiet gesehen, will die Kanzlerin das historische Vermächtnis Kohls für die Einheit nicht geschmälert sehen.

Auch wenn sie die DDR-Bürgerbewegung mit eigenen Augen erlebt hat und deren Anteil an der Einheit würdigt. “Ich glaube, es ist nicht auszudenken, Helmut Kohl wäre 1989/90 nicht Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland gewesen“, sagt Merkel. “Das hervorzuheben schmälert aber - davon bin ich überzeugt - in keiner Weise die Leistung der Regierung de Maizière 1990 oder die der Ostdeutschen während der friedlichen Revolution 1989.“

Merkel ruft die Bürger auf, die Einheit nicht zu vergessen. “Ich glaube, damals kam es einem Wunder gleich, und ein bisschen von diesem Wunder sollten wir uns auch in unseren Herzen und Köpfen bewahren.“ Aufräumen will Merkel mit dem Streit, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht. “Unfreiheit und Depression prägten das Leben in der DDR. Deshalb glaube ich auch, dass es zum Teil etwas müßig ist, wenn wir einen bestimmten Streit führen, was denn nun die DDR war“, sagt sie. “Lothar de Maizière hat selber gesagt, sie war auf Unrecht gegründet.“

Dieser sagte in einem Interview allerdings: “Die DDR war kein vollkommener Rechtsstaat. Aber sie war auch kein Unrechtsstaat.“ Während Merkel das Buch des letzten DDR-Ministerpräsidenten vorstellt, zieht dessen Cousin, Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU), Bilanz über 20 Jahre Einheit. “Die deutsche Einheit ist erwachsen geworden. Wir können selbstbewusst mit ihr umgehen.“ Auf die Frage, warum sich die Menschen im Osten dann nach wie vor häufig als Deutsche zweiter Klasse fühlten, antwortet er: “Das ist inzwischen mehr eine Generationenfrage.“ Bei der jungen Generation im Osten gebe es diese Haltung “wenig bis gar nicht“. Der Innenminister erinnert daran, dass die ältere Generation die “dramatische ökonomische Schwäche“ der neuen Länder 1990 erlebte und den folgenden Ansturm auf die Westprodukte.

Dann habe es den Wunsch nach Hilfe gegeben, und die Hilfe sei auch gekommen. Es sei “politisch-taktisch“ zwar klug gewesen, bis in die 90er Jahre hinein von Nachholbedarf zu sprechen, um an Fördermittel zu kommen. All dies habe das Selbstbewusstsein im Osten aber nicht gestärkt. Vor 20 Jahren versprach Kanzler Kohl blühende Landschaften im vereinten Deutschland - die Worte hängen ihm bis heute nach. So heißt es in dem am Mittwoch vom Kabinett verabschiedeten Bericht zum Stand der deutschen Einheit, der Blick habe sich darauf verengt, inwieweit die ostdeutschen Bundesländer gegenüber dem Westen aufgeholt hätten. “Dies ist nicht zuletzt den extrem hohen Erwartungen aus der Vereinigungseuphorie des Jahres 1990 geschuldet“, schreiben die Verfasser. Dazu habe auch “das politisch formulierte Bild der “blühenden Landschaften“ beigetragen“.

dpa

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