WM: Merkel verbringt G20-Gipfel vor dem Fernseher

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Fußball statt Politik: Trotz G20-Gipfel verfolgte Angela Merkel das Spiel der Deutschen Nationalmannschaft.

Toronto - In der zweiten Halbzeit hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel nichts mehr beim G20-Gipfel. Zusammen mit dem britischen Premierminister Cameron schaute sie im einem Hinterzimmer das WM-Spiel.

Damit konnte Angela Merkel nach den vielen ätzenden Pressekommentaren der letzten Wochen weiß Gott nicht rechnen: Beim Medientermin auf dem G-20-Gipfel in Toronto begrüßte der deutsche Journalistentross die Kanzlerin mit lautem Jubel. Anlass war natürlich der kurz zuvor errungene 4:1-Sieg der Fußball-Nationalelf gegen England. Aber auch politisch verbuchte Merkel am Sonntag einen überraschend klaren Erfolg: Die wichtigsten Wirtschaftsnationen und Schwellenländer beschlossen ehrgeizige Vorgaben zum Schuldenabbau, mit denen kaum einer gerechnet hatte.

Die entwickelten Industriestaaten sollen bis 2013 ihre Haushaltsdefizite halbieren und spätestens 2016 ausgeglichene Etats ohne neue Schulden aufstellen, heißt es nun in der Abschlusserklärung. Merkel sagte erfreut, mit einer so strikten Vereinbarung habe sie nicht gerechnet. Die CDU-Chefin sieht sich nun in ihrem Sparkurs bestätigt, an dem besonders die USA vor dem G-20-Gipfel wochenlang herumgenörgelt hatten. Dem Argument der US-Regierung, drastisch schrumpfende Staatsausgaben in der EU könnten die Weltkonjunktur abwürgen, wollte die Riege der Staatenlenker nicht folgen. Die USA standen am Ende mit ihrem Ansatz, weiter Wachstum über schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme zu befeuern, ziemlich allein da.

Mit Cameron gemeinsam vor dem Fernseher

Für die zweite Halbzeit des WM-Duells verließen Merkel und der britische Premierminister die G-20-Beratungen und verzogen sich mit einigen Begleitern in einen Nebenraum vor den Fernseher. Dabei ging es lebhaft zu: Abwechselnd riss es mal die Kanzlerin und mal den Briten vom Sessel. Wie ein Teilnehmer berichtete, offenbarte sich nach Abpfiff die sprichwörtliche britische Fairness. Der deutsche 4:1-Sieg wurde neidlos als hochverdient anerkannt, trotz eines nicht gegebenen Treffers für Frank Lampard. In der Runde der Regierungschefs bekam Merkel anschließend reihenweise anerkennende Glückwünsche, unter anderem vom türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Mit gerötetem Gesicht trat Merkel begeistert vor die Journalisten und sprach von einem “tollen Spiel“ und einem “tollen Sieg“. Sie schien nach Worten zu ringen und sagte: “Ich bin noch ganz bewegt. Der Mannschaft kann man nur gratulieren. Ich kann nur sagen: Weiter so!“ In den Beinen und in Köpfen habe alles gestimmt, schwärmte sie. Diese Leistung der jungen deutschen Elf werde sich nun “weltweit rumsprechen“. Bevor es zurück in die Schlussberatungen ging, sagte Merkel: “Ich hoffe auf Nachsicht der übrigen Staats- und Regierungschefs, dass wir in der zweiten Halbzeit draußen waren“. Einen Rückschlag gab es aber auch. Der G-20-Gipfel erteilte der Forderung Merkels nach einer globalen Bankenabgabe und einer neuen Finanztransaktionsteuer eine Absage.

Beim Thema Transaktionssteuer will Europa nun allein tätig werden, um die Finanzindustrie an den Kosten künftiger Krisen zu beteiligen. Frankreich und Deutschland planen, der EU schon bald Vorschläge für eine solche, gering bemessene Steuer auf einzelne Geldgeschäfte vorzulegen. Sollte dies wegen der britischen Skepsis nicht in der EU durchsetzbar sein, sei eine Lösung nur im Euro-Raum denkbar, sagte Merkel. Die in Toronto ebenfalls überwiegend abgelehnte Bankenabgabe wollen London, Paris und Berlin nun jeweils national im Alleingang einführen. In Deutschland ist geplant, dass die Geldhäuser ab 2011 jährlich 1,0 bis 1,2 Milliarden Euro in einen neuen Stabilitätsfonds einzahlen.

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