Missbrauch-Skandal: Druck auf Vatikan wächst

+
Papst Benedikt XVI. und der Vatikan geraten im Zusammenhang mit den Fällen von sexuellem Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche zunehmend unter Druck.

Hamburg - Auch Papst Benedikt XVI. soll Farbe bekennen im Missbrauchsskandal katholischer Einrichtungen - das fordert die Reformbewegung “Wir sind Kirche“.

“Denn Joseph Ratzingers Amtszeit als Münchner Erzbischof von 1977 bis 1982 gehört genau zu den Jahren, um die es bei den Missbrauchsfällen geht“, sagte “Wir sind Kirche“- Sprecher Christian Weisner in München der Deutschen Presse-Agentur dpa. Es dränge sich die Frage auf, ob er damals Kenntnis von solchen Übergriffen gehabt habe - und falls ja, wie er damit umgegangen sei.

Auch außerhalb der katholischen Kirche wurden Missbrauchsfälle bekannt - an der renommierten Odenwaldschule in Heppenheim (Hessen). Betroffene berichteten, sie seien in der Zeit von 1970 bis 1985 von Lehrern als “sexuelle Dienstleister“ fürs Wochenende eingeteilt worden. “Wir haben die große Befürchtung, dass es tatsächlich mehr sind als die Namen, die wir bis jetzt kennen“, sagte Schulleiterin, Margarita Kaufmann, im Gespräch mit dem Audiodienst der Deutschen Presse-Agentur dpa. Am Montag würden Briefe an alle Altschüler versandt, die zur fraglichen Zeit an der Schule waren.

Chronologie der Missbrauchsfälle

Chronologie der Missbrauchsfälle

28. Januar 2010 - Bistum Berlin: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt, es folgen Dutzende weitere. © dpa
1. Februar - Bistum Hamburg: Ehemalige Schüler von Sankt Ansgar in Hamburg geben an, Opfer eines Jesuiten-Paters geworden zu sein. © dpa
1. Februar - Bistum Freiburg: Ein zuvor in Berlin tätiger Lehrer soll auch am Jesuiten-Kolleg St. Blasien Schüler missbraucht haben. © dpa
1. Februar - Bistum Hildesheim: Vorwürfe gegen Pater in Hildesheim und Göttingen werden bekannt, es folgen Fälle in Hannover. Im Bild: Die Basilika in Hannover, in der Regionaldechant Propst Martin Tenge eine Erklärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater verliest. © dpa
5. Februar - Bistum Köln: Es wird erstmals über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg berichtet. Im Bild: Eine Nachtaufnahme des Kölner Doms. © dpa
9. Februar - Bistum Aachen: Ein Sonderbeauftragter der Kirche ermittelt nach Missbrauchs-Anschuldigungen gegen zwei Priester. Im Bild: Der Dom von Aachen © dpa
12. Februar - Bistum Paderborn: Die Kirche bestätigt, dass Geistliche in Werl Kinder missbraucht haben sollen. Im Bild: Die Gau-Kirche der Liborius Pfarrei im Bistum Paderborn © dpa
19. Februar - Bistum Mainz: Am Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie wird Missbrauch durch einen Ordensmann bekannt. Im Bild: Der Mainzer Dom im nächtlichen Nebel © dpa
21. Februar - Bistum Augsburg: Gegen Mitarbeiter des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco in Augsburg gibt es Missbrauchsvorwürfe. © dpa
21. Februar - Bistum Rottenburg: In Oggelsbeuren soll es in einem Kinderheim der Vinzentinerinnen Missbrauchsfälle gegeben haben. Im Bild: Gebäude der Stiftung Liebenau im Bistum Rottenburg © dpa
21. Februar - Bistum Essen: Frühere Mitarbeiter der Behinderten- Einrichtung Franz-Sales-Haus Essen sollen Zöglinge missbraucht haben. Im Bild: Ein Gottesdienst im Dom in Essen © dpa
22. Februar - Bistum München: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. © dpa
22. Februar - Bistum Würzburg: Nach Missbrauchsvorwürfen wird ein Priester im Würzburger Franziskanerkloster beurlaubt. Im Bild: Der Turm der Neubau-Kirche in Würzburg © dpa
23. Februar - Bistum Speyer: Ein Pater soll am Gymnasium Johanneum in Homburg/Saar sexuelle Handlungen an Jungen vorgenommen haben. Im Bild: Der Dom zu Speyer © dpa
28. Februar - Bistum Münster: Ein Pater in Münster-Hiltrup gesteht den sexuellen Missbrauch an Internatsschülern. Im Bild: Die Sankt Clemens-Kirche in Münster-Hiltrup © dpa
3. März - Bistum Limburg: Mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester werden bekannt. Im Bild: Gottesdienst im Georgs-Dom in Limburg © dpa
4. März - Bistum Fulda: Verdachtsfälle betreffen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Im Bild: Der Dom in Fulda mit Schildern im Vordergrund © dpa
4. März - Bistum Regensburg: Nach Mitteilung des Bistums hatte es auch Fälle bei dem weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben. Im Bild: Ein Konzert der Regensburger Domspatzen in der Sacred Heart Cathedral in Pretoria. © dpa

Der Vatikan will Klarheit und Gerechtigkeit für Missbrauchsopfer in katholischen Einrichtungen. Das geht aus einer Notiz der vatikanischen Tageszeitung “Osservatore Romano“ (Samstag) hervor, die sich auf die Missbrauchsfälle in Deutschland und dabei vor allem auf die betroffenen Regensburger Domspatzen bezieht. Der Heilige Stuhl unterstütze die Diözese in deren Bemühungen, im Sinne der Vorgaben der Deutschen Bischofskonferenz “die schmerzliche Frage entschieden und in offener Weise zu untersuchen“, heißt es darin. Hauptziel sei die “Gerechtigkeit für mögliche Opfer“.

Nach Angaben des kirchlichen Sonderbeauftragten und Trierer Bischofs Stephan Ackermann soll für sie nun eine Hotline eingerichtet werden. Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper forderte kirchenintern eine “ernsthafte Reinigung“. Es sei gut, dass der Papst null Toleranz verlange, meinte er der römischen Zeitung “La Repubblica“ zufolge.

Am Freitag waren Details zu den Jahre zurückliegenden Missbrauchsfällen im oberbayerischen Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen bekanntgegeben worden. Ähnliche Fälle gab es auch bundesweit in etlichen anderen Bistümern. Das Bistum Hildesheim teilte am Wochenende mit, einen Wolfsburger Pfarrer suspendiert zu haben, weil dieser vor mehr als 30 Jahren einen Jungen missbraucht habe. Das Opfer habe bis vor kurzem aus Scham geschwiegen.

Auch der Bruder des Papstes, Georg Ratzinger (86), müsse sich Fragen zum Missbrauchsskandal gefallen lassen, sagte Weisner. Der Kirchenmusiker Georg Ratzinger hatte die Regensburger Domspatzen von 1964 bis 1994 geleitet. “Ich habe nichts davon gewusst“, betonte der Papst-Bruder jedoch bereits am Sonntag in einem Interview mit der römischen Tageszeitung “La Repubblica“. Auch der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller im “Osservatore Romano“ (Samstag) erklärte, dass die “in Erinnerung zurückgerufenen“ Missbrauchsfälle seit Ende der 50er Jahre nicht Georg Ratzingers Amtszeit beträfen.

Dennoch stünde er als Zeuge eventuellen Ermittlungen zur Verfügung, sagte Georg Ratzinger. Er bedauerte aber eine gewisse “Feindseligkeit“ hinter einigen Behauptungen: “Ich spüre teilweise eine Feindseligkeit der Kirche gegenüber, die bewusste Intention, schlecht über die Kirche zu reden.“

In Italien hatten die deutschen Missbrauchsfälle schlagartig mehr Aufmerksamkeit erlangt, als bekannt wurde, dass es auch um die Regensburger Domspatzen geht, die vom Papst-Bruder geleitet wurden.

Der “Bild“-Zeitung (Samstag) sagte Ratzinger: “Bei uns ging es streng zu, aber das war nötig, weil ja Leistung gefordert wurde.“ Damit stößt er auf Widerspruch: “Warum der Papstbruder Georg Ratzinger, der seit 1964 Domkapellmeister war, davon nichts mitbekommen haben soll, ist mir unerklärlich“, sagte Regisseur und Komponist Franz Wittenbrink, der im Regensburger Internat der Domspatzen bis 1967 lebte, dem Magazin “Der Spiegel“. Er sprach von einem “ausgeklügelten System sadistischer Strafen verbunden mit sexueller Lust“. Der damalige Internatsdirektor habe sich “abends im Schlafsaal zwei, drei von uns Jungs ausgesucht, die er in seine Wohnung mitnahm“. Dort habe es Rotwein gegeben, der Priester habe mit Minderjährigen masturbiert.

Indes pocht die heutige Leitung der Domspatzen darauf, dass der Geist des Hauses nichts mehr mit den früheren Vorkommnissen zu tun habe. “Vorfälle von vor 50 oder 60 Jahren spiegeln nicht die aktuelle Lebenswirklichkeit der Domspatzen wieder“, sagte Internatsdirektor Rainer Schinko einer Mitteilung zufolge. Darin heißt es über den schon seit längerem geplanten Tag der offenen Tür am Wochenende: “Die Eltern zeigten (...) keinerlei Irritationen.“

“Wir sind Kirche“-Sprecher Weisner verlangt von den Bischöfen ein sichtbares Zeichen der Reue. “Eine auf einer Pressekonferenz abgelesene Entschuldigung reicht nicht aus.“ Stattdessen solle die Deutsche Bischofskonferenz etwa eine gut dotierte Stiftung zur Vorbeugung gegen sexuellen Missbrauch gründen, sagte Weisner.

Einen Runden Tisch aller Betroffenen hält dagegen der Staatssekretär im Bundesjustizministerium, Max Stadler (FDP), für dringender denn je. Wenn sich alle Beteiligten darauf verständigten, dann könne auch über Entschädigungen bereits verjährter Fälle geredet werden, sagte Stadler der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin. Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins “Focus“ ist der oberste Benediktiner, Abtprimas Notker Wolf, nach den Fällen in Ettal verärgert über die Aktivitäten des Münchner Erzbistums. Es müsse geklärt werden, “ob die Erzdiözese so mit einer Abtei umgehen kann, wie sie es jetzt tut, beispielsweise die Schließung der Schule anzudrohen, falls der Schulleiter nicht zurücktritt, ohne dass diesem das Geringste vorgeworfen werden kann“, sagte Wolf. Ettal liegt im Erzbistum München und Freising, ist als Kloster jedoch autark.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Corona-Impfpflicht für alle? Lauterbach zeichnet im Bundestag „einzigen Weg“ und kontert Vorredner scharf
POLITIK
Corona-Impfpflicht für alle? Lauterbach zeichnet im Bundestag „einzigen Weg“ und kontert Vorredner scharf
Corona-Impfpflicht für alle? Lauterbach zeichnet im Bundestag „einzigen Weg“ und kontert Vorredner scharf
Holocaust-Gedenktag: Antisemitismus schürt große Sorgen
POLITIK
Holocaust-Gedenktag: Antisemitismus schürt große Sorgen
Holocaust-Gedenktag: Antisemitismus schürt große Sorgen
Festnahmen: 62.000 französische Impfpässe gefälscht
POLITIK
Festnahmen: 62.000 französische Impfpässe gefälscht
Festnahmen: 62.000 französische Impfpässe gefälscht
Linken-Politikerin Wagenknecht positiv auf Corona getestet – sie ist ungeimpft
POLITIK
Linken-Politikerin Wagenknecht positiv auf Corona getestet – sie ist ungeimpft
Linken-Politikerin Wagenknecht positiv auf Corona getestet – sie ist ungeimpft

Kommentare