Nazi-Terror: Im Ozean der Unkenntnis

Karlsruhe - Gehen weitere Taten auf das Konto der Zwickauer Terrorzelle? Die Ermittler überprüfen rund 1000 ungeklärte Fälle. Doch die Ermittlungen stehen erst am Anfang.

“Heute ist nicht alle Tage, ich komm' wieder, keine Frage“ - mit dieser Ankündigung endet das Bekennervideo der mutmaßlichen Neonazi-Terroristen aus Zwickau. Das Video stammt aus dem Jahr 2007 - dem Jahr, in dem die Terroristen den Mordanschlag auf die Polizisten in Heilbronn verübten. Danach hört die Serie der terroristischen Taten auf - oder nicht?

“Für weitere Straftaten gibt es bislang keine belastbaren Hinweise“, heißt es bei der Bundesanwaltschaft. Konkreter möchte man nicht werden. Bislang werden den drei mutmaßlichen Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) neun Morde an Gewerbetreibenden ausländischer Herkunft zugeordnet - alle ausgeführt mit derselben Waffe, einer Ceska mit Schalldämpfer.

Die rechte Terrorzelle - Chronologie der Ereignisse in Bildern

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Hinzu kommen - neben den Banküberfällen, die zur Finanzierung des Lebens im Untergrund dienten - zwei Sprengstoffanschläge in Köln und der Mordanschlag auf die Polizisten. Die Tat passt nicht in die Reihe; auch wurden erstmals andere Waffen verwendet. Es könnte also sein, dass die Täter neue Varianten ausprobierten.

In den Bundesländern werden ungeklärte Fälle überprüft - etwa 1000 Gewalttaten, die möglicherweise einen rechtsextremistischen Hintergrund haben könnten. Bis Mitte Januar sollen die Landesbehörden ihre Abschlussberichte vorlegen.

In der Bundesanwaltschaft stellt man sich auf längere Ermittlungen ein. Nach sechs Monaten sieht das Gesetz eine erste Haftprüfung vor - doch dass bis dahin eine Anklageschrift fertig ist, gilt als unwahrscheinlich. Rund 3000 Asservate sind zu sichten - vom Papierschnipsel bis zu Datenträgern mit insgesamt 4 Terabyte Kapazität. Dazu kommen mittlerweile 640 Hinweise aus der Bevölkerung.

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

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Die Spuren an den verschiedenen Tatorten müssen verglichen werden mit den Erkenntnissen aus der angezündeten Wohnung in Zwickau und dem Wohnmobil, in dem sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt am 4. November töteten. Ein Sinnspruch kursiert in Reihen der Bundesanwälte: “Je größer die Insel des Wissens im Ozean der Unkenntnis, desto länger ist die Küste des Zweifels.“

Die Ermittler versuchen, 13 Jahre Leben im Untergrund zu rekonstruieren. Direkt nach dem Untertauchen im Jahr 1998 hatten die drei noch Kontakte zu ihrem alten Umfeld, dem rechtsradikalen “Thüringer Heimatschutz“. Dann aber, nach dem ersten Mord im Jahr 2000, scheint sich die Gruppe zunehmend abzuschotten; Spuren verflüchtigen sich. Dennoch scheint sicher: Die drei Abgetauchten müssen Unterstützer gehabt haben. Gegen sieben Personen führt die Bundesanwaltschaft Ermittlungsverfahren. Insgesamt hat sie ein gutes Dutzend weitere Personen im Blick, die jedoch bislang nicht als Beschuldigte geführt werden.

Für Aufklärung sorgen könnte vermutlich Beate Zschäpe. Doch die einzige Überlebende des Trios sitzt in der JVA Köln-Ossendorf in Untersuchungshaft und schweigt. Die 36-Jährige ist auch insofern eine zentrale Figur der Ermittlungen, als dass nach der Rechtsprechung eine terroristische Vereinigung aus mindestens drei Mitgliedern bestehen muss. Wäre Zschäpe die Mitgliedschaft nicht nachzuweisen, würde auch für die möglichen Helfer des NSU der Vorwurf der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung in sich zusammenfallen.

“Nach dem, was wir bislang an Akten zur Einsicht bekommen haben, halten wir den Vorwurf der Gründung oder Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung für nicht beweisbar“, sagt der Kölner Strafverteidiger Wolfgang Heer, der gemeinsam mit seinem Koblenzer Kollegen Wolfgang Stahl die Verteidigung übernommen hat.

Bei der Bundesanwaltschaft hat man allerdings keine Zweifel, dass man Zschäpe auch ohne Geständnis die Mitgliedschaft nachweisen kann. Immerhin lebte sie 13 Jahre lang mit ihren mutmaßlichen Komplizen im Untergrund - und zündete, als die beiden aufflogen, die gemeinsame Wohnung an. “Sie wird ihre Gründe dafür gehabt haben“, meint ein Ermittler.

dpa

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