Youtuber vs. CDU

CDU-Ministerin Klöckner wegen Nestlé-Video am Pranger - Youtuber Rezo erhebt Vorwürfe

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Julia Klöckner (CDU) ist wegen eines Videos mit dem Nestlé-Deutschlandchef Marc Aurel Boersch in die Kritik geraten.

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, postet ein Video auf Twitter mit dem Nestlé-Deutschlandchef. Das ruft Empörung hervor, auch vom Youtuber Rezo.

Frankfurt - Nachdem Annegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU, laut darüber nachdachte, die Meinungsfreiheit einzuschränken, ist eine CDU-Polikerin erneut in die Kritik geraten. Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, postete ein Video auf Twitter. Darin stellt sie den Deutschlandchef von Nestlé, Marc Aurel Boersch, als Vorreiter dar, Salz, Zucker und Fett in Lebensmitteln zu reduzieren. 

„Wir haben in den letzten Jahren zehn Prozent an Salz, Zucker und Fetten reduzieren können“, sagt Marc-Aurel Boersch. In Zukunft kämen sicher nochmal fünf Prozent dazu, versichert er. „Ich glaube, es muss schneller gehen“, gibt er zu. „Weniger Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten – dafür setzt sich Julia Klöckner mit der Reduktions- und Innovationsstrategie ein“, kommentiert das Ministerium unter dem Tweet von Klöckner.  „Das dies geht, zeigt Nestlé Deutschland", heißt es weiter. 

Klöckner lobt Nestlé in Twitter-Video - für Rezo ist es Schleichwerbung

Klöckner lobt das umstrittene Unternehmen in dem Video. „Die Frage ist, ist es mit unserer Umwelt gut vereinbar und ist es vor allen Dingen gut für die Gesundheit. Und deshalb freue ich mich, dass wir uns heute über die Philosophie von Nestlé unterhalten haben“, erklärt die Bundesministerin. Nestlé habe Produkte, „die die Bürger gerne mögen“.

Problematisch ist, dass Boersch keine Pressekonferenz ausrichten oder einen teuren Werbesport drehen musste, um sein Productplacement zu transportieren. Vielmehr konnte er den offiziellen Twitter-Kanal des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft als seine Plattform nutzen. 

Das bemerkten auch die Twitter-Nutzern - entsprechend fiel der Shitstorm aus. „Hätte ich exakt diesen Tweet mit genau so einem Video gepostet, hätte ich es als Werbung kennzeichnen müssen", sagt beispielsweise Youtuber Rezo. Rezo bekannt aus dem Video „Die Zerstörung der CDU“, hatte die CDU bereits vor kurzem öffentlichkeitswirksam kritisiert.

Katrin Göring-Eckardt: "Werbevideo für Nestlé"

Doch auch Politiker kritisieren Klöckner. Katrin Göring-Eckardt (Grüne) sagt: „Was die Ernährungsministerin tun könnte: Nährwertampel einführen / konkrete Zucker-, Fett- & Salzreduktionsziele bestimmen / klare Regeln für Lebensmittelwerbung, die sich an Kinder richtet, festlegen. Was die Ernährungsministerin tut: Werbevideo für Nestle drehen“. Rund 10.000 Likes und Retweets gab es für diesen Post bis Mitternacht. Kein anderer Tweet eines Politikers stieß in den letzten 30 Tagen auf so viel Resonanz

SPD-Politiker Karl Lauterbrach sieht das ähnlich. „Vorgang ist peinlich, ja bitter. Klöckner lässt sich von Nestle Lobbyisten erst die Zuckersteuer und die Lebensmittelampel abverhandeln und tritt dann bei PR-Event von Nestle auf, einem Konzern, der in Afrika noch Profit mit dem Verkauf des Trinkwassers an die Ärmsten macht.”

Klöckner verteidigt Video mit Nestlé

Klöckners hingegen verteidigt das Video und präsentiert ihre Reduktionsstrategie für Salz, Zucker und Fett in Lebensmitteln als Erfolg. Nestlé dient ihr als positives Beispiel: „Erst unterstellen, dass nichts geschieht. Dann durchdrehen, wenn man was erreicht.“ 

Klöckner selbst geht nach Meinung ihrer Kritiker zu sehr auf Interessen von Lobby-Gruppen ein. Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch rügt beispielsweise „Klöckners Klüngelei mit der Lebensmittelindustrie“. Einer Studie der Uni Bremen zufolge haben aktuell 85 Prozent der Unions-Mitglieder im Agrarausschuss des Bundestags einen direkten Bezug zur Agrar- und Landwirtschaft. Fast jeder zweite von ihnen bekleidete demnach in den vergangenen Jahren mindestens ein Amt im Deutschen Bauernverband.

Trinkwasserverknappung und Regenwaldzerstörung: Nestlé mitverantwortlich?

Nestlé ist häufig dem Vorwurf ausgesetzt, die Trinkwasserversorgung in armen Regionen mit Tiefbrunnen, wie beispielsweise in Pakistan zu verknappen. Auch der Dokumentarfilm „Bottled Life“ wirft dem Konzern diese Praktik vor. Nestlé antwortete darauf, man habe in der Region Lahore nur zwei Tiefbrunnen. 

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace prangert an, dass das Unternehmen durch den Gebrauch von Palmöl zur Zerstörung des Regenwaldes beitrage. Nestlé versprach daraufhin, ab 2020 nur noch Palmöl aus nachhaltiger Produktion zu nutzen.

Christoph Lauer, früherer Piraten- und heutiger SPD-Politiker, teilte auf Twitter mit, dass er das Video des Ministeriums der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg wegen unzulässiger Schleichwerbung gemeldet habe. Diesem Vorwurf geht die Behörde nun nach. 

Von Moritz Serif

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