Neu-Umweltminister an der Copacabana

Peter Altmaier beim UN-Umweltgipfel

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Umweltminister Peter Altmaier

Rio de Janeiro - Umweltminister Altmaier betritt die große internationale Bühne. Beim UN-Umweltgipfel in Rio will er für grünes Wirtschaften und die Energiewende werben. Einen großen Wurf dürfte Rio kaum bringen.

Peter Altmaier fühlt sich gerade wie einer der zwei Frösche, die einer Fabel zufolge in ein Milchglas gefallen sind und um ihr Überleben kämpfen. Während der eine Frosch aufgibt, sich zu Boden sinken lässt und ertrinkt, strampelt der zweite so lange, bis sich ein Butterklumpen bildet und er aus dem Glas rausspringen kann. Altmaier sieht sich als den zweiten Frosch.

Der neue CDU-Bundesumweltminister hat praktisch nur ein Jahr, um Erfolge vorzuweisen, dann startet der Bundestagswahlkampf 2013. So strampelt er sich durch einen eng getakteten Terminkalender. Nun geht es zur ersten großen internationalen Konferenz. 20 Jahre nach dem UN-Umwelt- und Nachhaltigkeitsgipfel soll beim Rio+20-Gipfel nach Wegen aus der sich zuspitzenden Umwelt- und Klimakrise gesucht werden. "Meine Erwartungen sind geerdet", stapelt Altmaier tief.

Eigentlich wollte auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach Rio, doch die Eurokrise macht eine längere Abwesenheit unmöglich, zumal sie die nächsten Tage schon in Mexiko beim G20-Gipfel ist. Die Hauptverhandlungen in Rio schließen sich von Mittwoch bis Freitag an. Kritiker werfen Merkel vor, dass die einstige Klimakanzlerin das Interesse an diesen Themen verloren habe. Und tatsächlich könnte ihr Fehlen mit dazu beitragen, dass nur Formelkompromisse herauskommen. Auch US-Präsident Barack Obama und Großbritanniens Premierminister David Cameron fehlen an der Copacabana beim Treffen von 200 Staaten.

Für Deutschland wäre es schon ein Erfolg, wenn zumindest das UN-Umweltprogramm institutionell und finanziell gestärkt wird und es ein Bekenntnis zur sogenannten green economy gibt. Das Problem: Schulden- und Bankenkrise sowie der Rohstoffhunger einer wachsenden Weltbevölkerung lassen diese Themen in den Hintergrund treten.

Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) kritisiert in einem Positionspapier: "In vielen Teilen der Welt sind Wirtschafts- und Sozialsysteme sowie die darauf aufbauenden Wohlstandsmodelle weiterhin auf ein ungebremstes Wachstum von Produktion und Konsum ausgerichtet." Trotz zahlloser Deklarationen würden die Ausbeutung natürlicher Ressourcen, der Anstieg der Treibhausgasemissionen und der unumkehrbare Verlust der biologischen Vielfalt voranschreiten.

"Ich glaube, dass das Mindestziel sein muss, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder stärker für Umwelt- und Klimathemen zu finden", sagt Altmaier. Dafür will er in Rio auch Allianzen mit Nichtregierungsorganisationen suchen - und für mehr Sonnen- und Windenergie werben. "Denn das enorme Wachstum der chinesischen und anderer Volkswirtschaften führt zu einem derartigen Bedarf an Energie, dass Kohle, Öl und Gas sehr viel teurer werden dürften, als sie es heute sind", betont der Nachfolger von Norbert Röttgen.

Altmaier sieht sich zusammen mit Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) in Brasilien als Botschafter für ein grüneres Wirtschaften. Allerdings geschieht dies nicht ohne Hintersinn, schließlich ist Deutschland bei Umwelttechnologien führend, somit sind die beiden auch Handelsreisende. Das Ministerium schätzt in einem Memorandum, dass sich das globale Marktvolumen bis 2025 auf 4400 Milliarden Euro verdoppeln kann - bei jährlichen Wachstumsraten von 6,5 Prozent. Deutschland will gerade Entwicklungsländern maßgeschneiderte Konzepte für den Umbau zu einer green economy anbieten.

Die Lage im Schatten der Schuldenkrise ist dramatisch, auch wenn sich der Wandel schleichend vollzieht. Die Fische in den Meeren werden immer weniger. Dafür ist das Wasser vielerorts mit kleinsten Plastikpartikeln verseucht, die die Menschen - Ironie des Schicksals - über die Fische selbst verspeisen. Weltweit gehen Vögel- und Tierarten zurück. Und die Treibhausgasausstöße erreichten 2011 einen Rekord. Die Erde wird immer wärmer, die Meeresspiegel steigen.

Oft überwiegt weiter das kurzfristige Interesse: Indien und China zum Beispiel wollen wachsen, ohne sich durch Klimaschutzauflagen zu sehr einschränken zu lassen. Saudi-Arabien will weiter Öl verkaufen -und Kanada riesige Waldgebiete roden und ausbeuten, um dreckiges Öl aus Ölsanden zu gewinnen. An diesen Gegensätzen wird auch ein deutscher Umweltminister in Rio wenig ändern. Oft würden nur Kosten statt Chancen gesehen, klagt Altmaier und betont: "Eine globale Umweltkrise können wir aber nur vermeiden, wenn wir hier umsteuern".

dpa

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