Empörung über Guttenberg wächst - Protestbrief an Merkel

Berlin - In der Wissenschaft wächst die Empörung über die Plagiatsaffäre von Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Ruf nach politischen Konsequenzen wird lauter und auch die Kanzlerin steht zunehmend in der Kritik.

In der Plagiatsaffäre um die Doktorarbeit von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) wird die Kritik auch in der Professorenschaft immer lauter. Der Bayreuther Jura-Professor Oliver Lepsius hält sogar einen Rücktritt des Verteidigungsminister für unerlässlich. “Er kann eine zweite Chance haben. Die muss er sich aber erarbeiten, die fällt ihm nicht in den Schoß“, sagte der Professor am Montagabend im ZDF-“heute journal“: “Eine zweite Chance kriegt Herr zu Guttenberg nur durch seinen Rücktritt.“

Guttenberg: Die besten Sprüche zur Plagiats-Affäre

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Die Wissenschaft könne sich mit diesem Verhalten nicht abfinden, sagte Lepsius. “Wenn keine Konsequenzen gezogen werden, eben auch von der Kanzlerin, von der Bundesregierung, dann ist das Verhältnis von Wissenschaft und Politik nachhaltig gestört. Es entsteht durch diese Affäre ein Flurschaden, der noch ungeahnte Ausmaße haben kann.“

Thierse unterstellt Merkel “Schizophrenie“

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gerät zunehmend in die Kritik. Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) schloss sich den Vorwürfen von tausenden Doktoranden am Umgang der CDU-Chefin mit den Plagiatsvorwürfen an. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) unterstellte Merkel “Schizophrenie“.

Biedenkopf kritisierte Merkels Aussage, sie habe keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt, sondern einen Minister: “Der Mensch wird gemessen, nicht das Amt. Und der Mensch ist auch nicht teilbar“, sagte Biedenkopf. Der frühere sächsische Regierungschef teilte die Einschätzung des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU), dass die Plagiatsaffäre weitreichende Folgen habe: “Das ist ein Sargnagel an der Glaubwürdigkeit der politischen Klasse.“

Thierse: Merkel macht einen großen Fehler

Bundestagsvizepräsident Thierse kritisierte Merkel für ihr Festhalten an Guttenberg. “Die Bundeskanzlerin macht einen großen Fehler, wenn sie glaubt, dass Guttenbergs Betrug und sein geistiger Diebstahl nicht das öffentliche Amt des Verteidigungsministers berühren“, sagte der SPD-Politiker. Die Kanzlerin teile Guttenberg in die Privatperson einerseits und den Minister andererseits. “Diese Art von Schizophrenie ist absolut unzulässig.“

Protestbrief an Kanzlerin: 50.000 Unterschriften

Der Wissenschaftsstandort Deutschland nehme schweren Schaden, sagte Thierse. Es sei “ein erstaunlicher Vorgang“, dass Merkel als Regierungschefin dies für irrelevant halte und auch das Aufbegehren Zehntausender Doktoranden und Wissenschaftler ignoriere, sagte Thierse mit Blick auf einen Protestbrief an die Bundeskanzlerin. Den im Internet veröffentlichten Brief haben nach Angaben der Initiatoren bislang mehr als 51.500 Bürger unterschrieben.

Das sagt Guttenbergs Doktorvater

Am Montag hatte sich auch Guttenbergs Doktorvater an der Universität Bayreuth, Professor Peter Häberle, wegen schwerer Mängel von der Arbeit seines Doktoranden distanziert. Die Aberkennung des Doktortitels sei die notwendige Folge gewesen. Dass er die Vorwürfe erst zurückgewiesen hatte, sei vorschnell gewesen, hieß es in einer auf der Homepage der Universität veröffentlichten Erklärung des emeritierten Professors. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sicherte Guttenberg hingegen weiter Unterstützung zu.

Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Margret Wintermantel, die im Namen der über 400 deutschen Universitätsrektoren spricht, sagte der “taz - die tageszeitung“ (Dienstag): “Wissenschaftliches Fehlverhalten ist kein Kavaliersdelikt und darf nicht als solches behandelt werden.“

Die Plagiatsaffäre sorgt für Unruhe an vielen Hochschulen in Deutschland. Der Rektor der Tübinger Universität, Bernd Engler, schrieb er in dem jüngsten Newsletter der Hochschule: “Das Ächten von Plagiaten versteht sich für uns wissenschaftlich Tätige von selbst.“ Es treffe die Wissenschaft “ins Mark, wenn Quellen nicht sauber angegeben, wenn aus nicht nachvollziehbaren Quellen abgeschrieben wird und diese mit eigenen Gedanken lediglich zu einer Collage zusammengestellt werden“.

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Scharfe Worte findet auch das Karlsruher Institut für Technologie KIT. “Sollten Plagiate in erheblichem Umfang politisch gebilligt werden, besteht aus unserer Sicht die Gefahr, dass die deutsche Wissenschaft Schaden nimmt und im Ausland an Ansehen verliert“, heißt es in einer Stellungnahme.

“Wer fälscht, wird bestraft“, so lautet die Leitlinie von Ulrich von Alemann, Prorektor für Lehre und Studienqualität an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. In den Augen des Politikwissenschaftlers wäre Guttenberg gut beraten, “wenn er eine Auszeit von zwei bis drei Jahren nehmen würde“. Danach könne er immer noch Karriere machen, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Der Deutsche Kulturrat kritisiert die Haltung der Bundesregierung. “Hier wird mit zweierlei Maß gemessen“, sagte Kulturrats-Geschäftsführer Olaf Zimmermann im Südwestrundfunk. “Die Bundesregierung hat für Raubkopierer Gefängnisstrafen von bis zu fünf Jahren durchgesetzt - andererseits duldet sie, wenn der Verteidigungsminister bei seiner Doktorarbeit abschreibt.“ Merkel müsse nun öffentlich sagen, dass niemand geistiges Eigentum stehlen dürfe - auch nicht ihr Verteidigungsminister.

dpa

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