Foreign Policy

Hässlicher Rechtsruck in Südkorea: Unter jungen Männern ist der Hass auf Feminismus weit verbreitet

 Lee Jun-seok hinter dem Rednerpult mit Maske
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Südkorea: Lee Jun-seok, Vorsitzender der People Power Party (PPP) wirft politischen Gegnern vor, eine zu frauenfreundliche Politik zu machen.

Junge südkoreanische Männer verlieren immer mehr ihrer Privilegien. Der junge Lee Jun-seok, Oppositionspolitiker, macht jetzt eine frauenfeindliche Politik hoffähig.

  • Junge südkoreanische Männer haben konservativere Ansichten als Männer über 60. Noch vor vier Jahren unterstützte eine Mehrheit unter ihnen die liberale Regierung.
  • Einer der Gründe für den plötzlichen Rechtsruck ist die hohe Jugendarbeitslosigkeit. Doch das Phänomen erklärt sich nicht davon.
  • Experten gehen davon aus, dass ausgerechnet Elemente des Bildungssystems zu einer neuen Frauenfeindlichkeit führen.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 23. Juni 2021 das Magazin „Foreign Policy“.

Washington - In vielen Ländern geht man davon aus, dass junge Wähler eher liberal eingestellt sind. Bis vor kurzem war das auch in Südkorea der Fall. In den letzten Jahren sind die jungen männlichen Wähler in Südkorea jedoch stark nach rechts gewandert. Bei den Nachwahlen zum Bürgermeister von Seoul im April stimmte eine überwältigende Mehrheit von 72,5 Prozent der männlichen Wähler in ihren Zwanzigern für die Konservativen – ein Anteil, der sogar höher liegt als bei den männlichen Wählern über 60 (70,2 Prozent).

Angetrieben von aggressiver Frauenfeindlichkeit und einer verzerrten Verehrung der angeblichen Meritokratie, läuten junge koreanische Männer ein unheilvolles neues Kapitel in der konservativen Politik Südkoreas ein – zumal einer der neuen konservativen Parteiführer frauenfeindliche Rhetorik aufgreift.

Südkoreas „Sewol-Generation“: Wie ein Schiffsunglück eine politische Wende herbeiführte

Junge Wähler waren bei den Kerzen-Demonstrationen 2016-2017, die zur Amtsenthebung und zum Sturz der konservativen südkoreanischen Präsidentin Park Geun-hye führten, stark vertreten. Der politische Diskurs in Südkorea sprach damals von der „Sewol-Generation“, die durch den falschen Umgang der Park-Regierung mit dem Sewol-Fährenunglück, bei dem mehr als 300 Passagiere – viele von ihnen Schüler einer Sekundarschule auf einem Ausflug – auf dem sinkenden Schiff ums Leben kamen, wachgerüttelt wurde.

Die starke Unterstützung der jungen Menschen übertrug sich auf den frühen Teil der liberalen Regierung, die auf Parks Amtsenthebung folgte. In der ersten monatlichen Umfrage von Gallup Korea zur Regierung von Moon Jae-in, die im Juni 2017 durchgeführt wurde, unterstützten 90 Prozent der Personen in ihren Zwanzigern den Präsidenten – mehr als die allgemeine Zustimmungsrate von 81 Prozent.

In Südkorea vertreten Männer in den Zwanzigern konservativere Ansichten als Männer über 60

Aber nur vier Jahre später lag der Wert für die Unterstützung durch junge Menschen in der monatlichen Umfrage von Gallup Korea in diesem Mai bei nur 31 Prozent, verglichen mit einer allgemeinen Zustimmungsrate von 34 Prozent. Insbesondere junge männliche Wähler haben sich komplett von den Liberalen abgewandt. Bei den Frauen in ihren Zwanzigern lag die Unterstützung für den liberalen Moon bei 37 Prozent, immer noch ein wenig über der allgemeinen Zustimmungsrate. Bei den Männern in ihren Zwanzigern lag dieser Wert wiederum bei mickrigen 17 Prozent – der niedrigste Wert unter allen nach Alter und Geschlecht aufgeschlüsselten demografischen Gruppen. Mit anderen Worten: Südkoreanische Männer in ihren Zwanzigern vertreten konservativere Ansichten als Männer über 60, von denen 24 Prozent den Präsidenten gutheißen.

Jugendarbeitslosigkeit ist einer der Gründe für diesen starken Rechtsruck. Insgesamt hat die Moon-Regierung die Arbeitslosenquote niedrig bei rund 4 Prozent gehalten. Die Arbeitslosigkeit der unter 30-Jährigen, die in den 2000er Jahren zwischen 7 und 8 Prozent lag, begann allerdings 2014 auf über 9 Prozent zu klettern und ist bis heute etwa auf diesem Niveau geblieben. Aber der wirtschaftliche Faktor erklärt noch nicht, warum es einen so großen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt, wenn der härtere Arbeitsmarkt junge Frauen sogar stärker trifft als junge Männer.

Junge Männer haben wenig Ahnung von historischen Kämpfen wie dem Koreakrieg oder dem Kampf für Demokratie

Südkoreanische Experten, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben, weisen auf zwei Tendenzen unter jungen koreanischen Männern hin: die Anbetung der Vorstellung einer Meritokratie und Frauenfeindlichkeit. Junge Südkoreaner, die in den späten 1990er Jahren geboren wurden, als Südkorea schon eine wohlhabende liberale Demokratie war, haben wenig Ahnung von den historischen Kämpfen wie dem Koreakrieg oder dem Kampf gegen Militärdiktatoren für die Demokratie, die die älteren Generationen geprägt haben.

Stattdessen besteht ihr Kampf in einer langen Reihe von Prüfungen: Aufnahmeprüfungen für Sekundarschulen, Aufnahmeprüfungen für Hochschulen und Aufnahmeprüfungen für gut bezahlte, sichere Arbeitsplätze. Sie ist die Generation, die den Großteil ihres Lebens mit dem Ablegen von und Vorbereiten auf Prüfungen in den als zermürbend bekannten Hagwon- oder Cram-Schulsystemen zugebracht hat. Infolgedessen haben jüngere Südkoreaner die Logik dieser Prüfungen verinnerlicht und sie zu einer Art verzerrtem moralischen Empfinden erhoben, in dem die Armen an ihrem eigenen Leid schuld sind.

Umfrage zu Werten bei unter jungen Männern: Vorstellung von Fairness hat reaktionäre Form

Der Sozialwissenschaftler Oh Chan-ho war einer der ersten, der in seinem 2013 erschienenen Buch We are in Favor of Discrimination auf den leistungsorientierten moralischen Kompass der jungen Generation Südkoreas hinwies. Oh erinnerte sich daran, wie sehr ihn die Reaktion seiner Studenten auf die Katastrophe von 2009 im Seouler Stadtteil Yongsan überraschte, wo ein Feuer ausbrach, als Kleinunternehmer gegen ihre Vertreibung aus einem abbruchreifen Gebäude protestierten. Anstatt sich auf die wirtschaftliche Notlage der Unternehmer, die an der Existenzgrenze lebten, oder die übermäßige Gewaltanwendung der Polizei zu konzentrieren, sagten Ohs Studenten, die Unternehmer hätten „zu viel verlangt“ und „das Risiko“ einer Zwangsräumung in Kauf genommen, denn, so ihre Logik, die Unternehmer hätten sich in der Schule mehr anstrengen und sich einen anderen Job suchen können, wenn sie nicht wollen, dass ihr Lebensunterhalt abrupt endet.

In ihrem 2019 erschienenen Buch Men in 20s charakterisieren der Journalist Cheon Gwan-yul und der Datenwissenschaftler Jeong Han-wool dieses meritokratische Empfinden als eine Vorliebe für „dekontextualisierte Fairness“. Für das Buch führten Cheon und Jeong eine ausführliche Umfrage zu den Werten koreanischer Männer in ihren Zwanzigern durch. Die Autoren fanden heraus, dass die junge Generation Südkoreas die Meritokratie verehrt und dabei die Unterscheidung zwischen internen Determinanten (wie Anstrengung und Motivation) und externen Determinanten (wie sozioökonomischer Klasse) vermischt. Obwohl „Fairness“ ein wichtiges Schlüsselwort für die jungen Menschen in Korea ist, nimmt ihre Vorstellung von Fairness in der Praxis eine reaktionäre Form nach dem Motto „Macht vor Recht“ an.

Seit 2009 besuchen mehr Frauen als Männer eine Hochschule - Frauen sind noch immer diskriminiert

Das andere Merkmal südkoreanischer Männer in ihren Zwanzigern ist ihre aggressive Frauenfeindlichkeit. Natürlich ist Sexismus in Südkorea schon lange ein Thema. Doch die gekränkte Version des Sexismus dieser Generation hat einen anderen Charakter angenommen als die traditionellere Version des Sexismus ihrer Väter, die von Machotum und strengen Geschlechterrollen geprägt war. Wohingegen ältere koreanische Männer sich als Patriarchen sehen, die Frauen überwachen, sehen sich jüngere koreanische Männer als Opfer des Feminismus. Cheon, einer der beiden Autoren von Men in 20s, stellte fest, dass die Umfrageergebnisse zeigten, dass junge Männer sowohl die männliche Privilegien als auch Pflichten ablehnten, die typischerweise mit der patriarchalen Form des Sexismus einhergehen. Stattdessen zeigte die Umfrage, dass ihre Version von Sexismus von übertriebener Feindseligkeit gegenüber dem Feminismus geprägt ist: 58,6 Prozent der koreanischen Männer in ihren Zwanzigern gaben an, dass sie Feminismus stark ablehnen, wobei 25,9 Prozent die Intensität ihrer Ablehnung mit 12 auf einer Skala von 0 bis 12 bewerteten.

Das Zusammenspiel zwischen der Verehrung der Meritokratie und der Frauenfeindlichkeit südkoreanischer Männer in ihren Zwanzigern liefert eine klarere Erklärung für die Geschlechterkluft und den Zeitpunkt der konservativen Entwicklung der jungen Generation. Koreanische Frauen werden immer noch in erheblichem Maße diskriminiert. So belegt Südkorea laut einer aktuellen Studie von The Economist im „Glass-Ceiling-Index“, der die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Bildung, Lohn und Führungspositionen misst, den letzten Platz unter den Industrienationen. Doch Koreas junge Frauen sind in den letzten Jahren stetig weitergekommen. Der Anteil der Frauen, die eine Hochschule besuchen, ist zum Beispiel seit 2009 höher als unter den Männern. Gebildete junge Frauen haben neue Energie in Südkoreas feministische Bewegung gebracht, die Anfang 2018 in Koreas eigener #MeToo-Bewegung gipfelte, als die Staatsanwältin Seo Ji-hyeon die sexuelle Belästigung durch einen leitenden Staatsanwalt öffentlich machte. Einige junge Frauen machen sich persönlich über frauenfeindliche Männer lustig, z. B. durch die Verwendung eines Hand-Emojis, mit dem sie sich über deren Genitaliengröße lustig machen.

„Frauen verdienen weniger, weil sie sich weniger um ihre Karriere bemühen“

Junge Männer wiederum sehen ihre weiblichen Pendants als Bedrohung an, die (in ihrer verfehlten Sicht) trotz bereits erreichter Gleichberechtigung weiterhin bevorzugt behandelt werden, was ihren Sinn für vermeintliche Meritokratie verletzt. In ihrer Studie fanden die Autoren von Men in 20s keine anderen Kräfte, durch die junge Männer konservativer geworden wären: mit anderen Worten, die jungen Männer wurden nicht in dem Sinne konservativ, dass sie den freien Markt unterstützten, den Wohlfahrtsstaat ablehnten oder sogar gegen die Amtsenthebung von Park waren. Das einzige politische Thema, das Südkoreas junge Männer in besonderer Weise bewegte, war laut Cheon und Jeong der Berührungspunkt von Geschlecht und Macht, das heißt, die Bereiche, in denen Männer glaubten, aufgrund ihres Geschlechts strukturell benachteiligt zu werden.

Heutzutage werden Männer stärker diskriminiert als Frauen.

Dieser Aussage stimmt ein Großteil der südkoreanischen jungen Männer zu.

Die Zusammensetzung der Überzeugungen der 25,9 Prozent, die eine überdurchschnittliche Feindseligkeit gegenüber dem Feminismus aufweisen, ist besonders alarmierend. Innerhalb dieser Gruppe stimmten 100 Prozent der Aussage „Heutzutage werden Männer stärker diskriminiert als Frauen“ zu und 95,7 Prozent lehnten die Aussage „Geschlechterdiskriminierung ist der Grund dafür, dass koreanische Frauen weniger verdienen als Männer“ ab. 78,3 Prozent stimmten der Aussage „Frauen verdienen weniger, weil sie sich weniger um ihre Karriere bemühen“ zu und 58,3 Prozent lehnten die Aussage „In einer fairen Gesellschaft haben Männer und Frauen ungefähr das gleiche Einkommen“ ab. Die Antworten auf Fragen zu diesem Thema waren so einheitlich, dass Cheon und Jeong diese 25,9-Prozent-Gruppe junger südkoreanischer Männer als eine Identitätsgruppe bezeichneten, deren politische Einstellung in erster Linie durch die Ablehnung des Feminismus motiviert ist. Es überrascht nicht, dass diese Gruppe ein entschiedener Gegner der liberalen Regierung ist. 83,3 Prozent lehnten die Moon-Regierung ab, die sie als zu feminismusfreundlich ansehen, da sie versucht hat, die „gläserne Decke“ zu durchbrechen, beispielsweise durch das Schaffen von Anreizen für Unternehmen, die Zahl ihrer weiblichen Führungskräfte zu erhöhen, oder durch das Versprechen, mindestens 30 Prozent der Kabinettsposten mit Frauen zu besetzen.

Oppositionspolitiker Lee Jun-seok wettert gegen Initiativen, die Frauen ins Kabinett berufen

Südkorea: Lee Jun-seok (Mitte), hat die Wahl um den Vorsitz der wichtigsten Oppositionspartei People Power Party (PPP) gewonnen.

Diese Identitätsgruppe hat nun einen politischen Verfechter. Am 11. Juni wählte Gungminui-him, Südkoreas wichtigste konservative Oppositionspartei, den 36-jährigen Kritiker Lee Jun-seok zu ihrem Parteivorsitzenden. Selbst wenn man sein junges Alter außer Acht lässt, war Lees Auswahl höchst unorthodox. Die Position des Parteivorsitzenden gehört zu den höchsten politischen Ämtern in Südkorea und wird in der Regel an einen Abgeordneten mit mehreren Amtszeiten und einer starken Unterstützerbasis innerhalb der Partei vergeben. (Lees demokratisches Pendant Song Young-gil zum Beispiel ist seit fünf Jahren Mitglied der Nationalversammlung und ehemaliger Bürgermeister von Incheon, der drittgrößten Stadt Südkoreas.) Lee hingegen hat trotz dreimaligem Versuch nie einen Wahlsieg errungen. Aber seine Weltanschauung ist stark an die seiner männlichen Altersgenossen angelehnt. In einem Kommentar zur Analyse des Siegs seiner Partei bei den Nachwahlen zum Bürgermeister von Seoul schrieb Lee, die Demokraten hätten verloren, weil sie voll auf Feminismus gesetzt und dabei die Stimmkraft von Männern in ihren Zwanzigern und Dreißigern unterschätzt hätten, und wetterte gegen radikalen Feminismus und Regierungsinitiativen, durch die mehr Frauen ins Kabinett berufen oder ihnen Bonuspunkte auf dem Arbeitsmarkt gegeben werden.

Nach der Amtsenthebung von Park haben Südkoreas Konservative vier nationale Wahlen in Folge verloren, bevor sie die Nachwahl zum Bürgermeister von Seoul gewannen. Mit der ungewöhnlichen Wahl von Lee zum Vorsitzenden hat sich die konservative Partei für eine Politik der Kränkung gegen Frauen entschieden, um sich zu verjüngen – ein unheilvolles Zeichen für die Zukunft der südkoreanischen Politik.

Lesen Sie auch: Wenn Kinder für den Amoklauf üben: Amerika braucht keine Helden

von S. Nathan Park

S. Nathan Park ist Rechtsanwalt und Non-Resident Fellow des Sejong-Instituts. Er lebt in Washington.

Dieser Artikel war zuerst am 23. Juni 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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