Merkel auf dem Kirchentag - Das kleine Pflänzchen Hoffnung

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Beifall für Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Kirchentag in München.

München - Es ist nicht nur die Situation der Kirchen, die die Menschen verunsichert. Auch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse bereiten ihnen zunehmend Sorge. Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte sich auf dem Kirchentag als Hoffnungsträgerin.

Gemessen an der überfüllten Halle und am herzlichen Applaus kann Angela Merkel eigentlich zufrieden sein: Der Auftritt auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag in München gehörte sicherlich zu den weitaus angenehmsten Terminen der Bundeskanzlerin in den vergangenen Wochen.

Vor über 6000 Kirchentagsbesuchern, die zum größten Teil bereits mehr als eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung ihre Sitzplätze erobert hatten, entwickelte die evangelische Pfarrerstochter ihre Überzeugungen von der Formel für gesellschaftlichen Zusammenhalt. „Hoffnung kann man nicht verordnen“, machte die Regierungschefin gleich zu Beginn ihres frei gehaltenen Vortrags klar.

Der Zusammenhalt in der Gesellschaft könne nicht von der Politik allein garantiert werden – die Grundlage müsse immer von neuem erarbeitet werden. Als Fundament bezeichnete sie das Christentum. „An diesem Fundament müssen wir gemeinsam immer wieder arbeiten, das hält nicht einfach so für drei oder fünf Jahrhunderte“, sagte sie.

hrhunderte“, sagte sie. Doch sie ging auch auf die aktuelle Wirtschaftssituation ein. Es gebe Akteure auf den internationalen Finanzmärkten, die nur an der Maximierung ihrer Gewinne interessiert seien. „Denen muss das Handwerk gelegt werden. Da hilft Zusammenhalt nichts, da fliegt die Gesellschaft auseinander“, betonte sie unter dem Beifall der Zuhörer. Deswegen müssten global verankerte Regeln aufgestellt werden, „damit nicht Einzelne alles zerstören“. Merkel räumte ein, dass dieser ganze Prozess langwierig sei. „Es geht verdammt langsam. Ja, das stimmt! Aber wir haben eine Situation, wo ein Land allein nichts machen kann“, warb sie um Verständnis.

Spannend wurde es, als die Moderatorin Bettina Schausten (ZDF) die Kanzlerin fragte, ob es in den vergangenen Wochen Situationen gegeben habe, in denen sie gedacht habe: Es gibt keine Hoffnung mehr?

„Nein, um Gottes Willen! Das wäre ja ganz schlimm“, antwortete Merkel. Es habe aber Minuten und Stunden gegeben, wo der Weg nicht klar war. „Hoffnung hatte ich immer. Dass es schiefgehen könnte, habe ich nie geglaubt.“ Es zeige sich jetzt in aller Deutlichkeit, dass Europa Regeln brauche, die eingehalten werden – „sonst glauben die Menschen nicht an Europa“. Ob sie denn den Kampf schon als gewonnen betrachte, wurde die Kanzlerin gefragt. „Viele Länder müssen starke Sparanstrengungen machen. Der Erfolg ist nicht garantiert“, kam als Antwort.

Auch die Deutschen bereitete Angela Merkel auf einen schmerzhaften Sparkurs vor. „Wir müssen darauf achten, dass wir nicht dauernd über unsere Verhältnisse leben. Deutschland hat das leider seit vielen Jahrzehnten getan.“ In den nächsten Wochen müsse darüber gesprochen werden, wo gespart werden kann. „Daran wird sich der Zusammenhalt zeigen.“

Gewisse Linien zeigte Merkel auf, die den Sparkurs charakterisieren können: Dass diejenigen gestärkt werden sollen, die für Steuereinnamen sorgen, die Arbeitsplätze schaffen, die Handwerker, die Leistungsträger. „Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir Geld haben, um denen zu helfen, die Hilfe brauchen.“ Aber auch in den Bereichen Forschung, Bildung und Kindergärten soll offenbar nicht zu sehr gespart werden. „Da liegt unsere Zukunft. Da dürfen wir nichts verschlafen.“

Doch sie deutete auch an, dass diejenigen, die sich selber helfen können, stärker in die Pflicht genommen werden sollen. Zwischen 2011 und 2015 müssen laut der Kanzlerin 60 Milliarden Euro eingespart werden. Man habe noch keinen abschließenden Plan – doch es werde nicht nach dem Rasenmäherprinzip gehen. Es müsse aber auch geprüft werden: „Haben wir effiziente Methoden, Arbeitslose in Arbeit zu bringen?“

Nach den jüngsten schlechten Umfrageergebnissen konnte die Kanzlerin am Freitag in München ein wenig Punkte sammeln. Zumindest Erika Habben aus Hannover ist zufrieden. „Sie hat die Zusammenhänge für die Laien gut erklärt.“ Jetzt fühle sie sich ein wenig beruhigter.

Margit Dürrbeck-Mayer (46) aus Kaufering ist sogar richtig begeistert. „Man kann das ernstnehmen, was sie sagt“, ist die 46-Jährige überzeugt. Vorher hatte sie sich nicht ganz so wohlgefühlt in diesem komplexen Themengewirr wie Finanzkrise, Sparkurs, Rettungsschirm für Griechenland. Merkel hat ihr offenbar wieder etwas Hoffnung geschenkt, denn nach dem Auftritt der Kanzlerin stellte sie ganz erleichtert fest: „Die schmeißt das Geld nicht einfach raus.“

Bei den Jüngeren allerdings herrscht auch nach den Ausführungen von Merkel weiterhin Skepsis. Markus Ott (21), Mechatronik-Student aus Erlangen, ist nicht überzeugtvon ihren Ausführungen. Seine Zuversicht, so meinte er knapp, hänge nicht davon ab, was die Kanzlerin sagt. Er wollte sie eigentlich nur mal reden hören – nicht mehr und nicht weniger.

Claudia Möllers

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