Ist das sinnvoll kurz vor der Wahl?

Steinbrücks Stinkefinger: "Klartext" ohne Worte

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Peer Steinbrück

Berlin - Ist das sinnvoll eine Woche vor der Wahl? SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zeigt auf einem Foto den „Stinkefinger“. Darin kulminiert letztlich eine Frage: Wie viel Direktheit und Ironie verträgt dieser Wahlkampf?

Die lustigsten Wahlkampf-Pannen der Politiker

Angela Merkel
Keine Zeit wird von den Politstrategen so durchgeplant wie der Wahlkampf - und dennoch passieren in dieser Phase immer wieder Pannen. Was in den Parteizentralen für Ärger sorgt, erheitert das politische Publikum - auch die vergangenen Wochen brachten solche Patzer. © Bild: dpa/Text: AFP
Sigmar Gabriel
Der rasende Gabriel: SPD-Chef Sigmar Gabriel hält ein generelles Tempolimit von 120 Stundenkilometern auf Autobahnen aus Sicherheitsgründen für sinnvoll. Von seinem Chauffeur ließ sich Gabriel selbst aber kürzlich mit 180 Sachen zu einem Wahlkampftermin bringen, wie Reporter bemerkten. Obwohl keine Geschwindigkeitsbegrenzung vorlag, zahlte Gabriel selbstkritisch 500 Euro an die Verkehrswacht. © Bild: dpa/Text: AFP
Philip Rösler
Die NPD-Familie der FDP: Die FDP bebilderte in einem Fernsehfilm das Versprechen einer guten Zukunft mit einer durch eine sommerliche Allee radelnden Familie. Dumm nur, dass auch die rechtsextreme NPD in einem Film mit der Familie Werbung machte. Beide Parteien hatten die Bilder bei einer Agentur gekauft - die multifunktionale Familie radelte zudem in Finnland für Quarkwerbung. © Bild: dpa/Text: AFP
Rainer Brüderle
Brüderles Nix-Rauskommt-Liberale: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle versuchte in einer Fernsehdebatte, das Wort Wahlversprechen zu definieren: "Wenn man viel sagt, Erwartungen hat und nix rauskommt." Das Publikum assoziierte die Beschreibung aber anders und rief im Chor "FDP" - der FDP-Spitzenmann konnte immerhin darüber lachen. © Bild: dpa/Text: AFP
Jürgen Rüttgers
Wahlwerbung mit Rentner Rüttgers: Nordrhein-Westfalens früherer Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ist längst Politik-Rentner. Doch in Mönchengladbach feierte der CDU-Mann ein überraschendes Comeback. An mehreren Stellen standen Plakatwände, auf denen "unser Ministerpräsident" für die CDU warb. Die Plakate stammten noch von der Landtagswahl 2010, die zuständige Firma hatte sie nicht überklebt. Ein anderes Plakatproblem hatte SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück: Dessen Wahlplakate erwiesen sich zum Teil als nicht wetterfest und lösten sich auf. © Bild: dpa/Text: AFP
Angela Merkel
Merkels-Raute wird Simpsons-Raute: Die CDU sorgte am Berliner Hauptbahnhof mit einem gigantischen Plakat mit der als Merkel-Raute bekannt gewordenen Handhaltung ihrer Parteichefin Angela Merkel für viel Aufsehen. Im Internet nahmen viele das Motiv zum Anlass für Spott. In einer satirischen Umgestaltung verpasste etwa ein Nutzer dem bösartigen Atomkraftwerksbetreiber Montgomery Burns aus der US-Comicserie "Die Simpsons" die Hände - eine Anspielung auf Merkels vor der Atomkatastrophe von Fukushima atomfreundliche Haltung. © Bild: dpa/Text: AFP
Peer Steinbrück
Steinbrück als "Luser": Im Wahlkampf wandern Politiker gerne, das Erklimmen von Berggipfeln bringt oft schöne Bilder. Das dachte sich auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Allerdings ließ der sich von der bayerischen SPD ausgerechnet auf den Berg Lusen einladen. Bei dem großen Abstand des Herausforderers auf die Kanzlerin fühlten sich da manche an das englische Wort "lose" erinnert - also ans Verlieren. © Bild: dpa/Text: AFP
Jürgen Trittin
Trittin geht baden: Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin wollte auf der Werra in Hessen mit Mitstreitern bei einer Paddeltour Wahlkampf machen. Das Boot kenterte allerdings und Trittin ging baden - Bildaufnahmen dokumentierten den Reinfall. Statt über das von den Grünen geforderte Verbot von Salzeinleitungen in den Fluss zu sprechen, ging es danach ausschließlich um das unfreiwillige Bad. Immerhin trug der Grüne vorbildlich eine Rettungsweste. © Bild: dpa/Text: AFP
Andrea Nahles
Nahles schiefer Gesang: Oft ist es schwer, mit einer Bundestagsrede Aufmerksamkeit zu bekommen. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles schaffte es sogar, tagelang zum Gesprächsthema zu werden - allerdings immer mit Spott: Nahles sang das Gute-Nacht-Lied für ihre zweijährige Tochter. Es ist die von Pippi Langstrumpf bekannt gewordene Textzeile "Ich mache mir die Welt, wide wide wie sie mir gefällt", die Nahles an die Politik Merkels erinnert. Allerdings sang die SPD-Frau diese so schräg, dass es mehr Mitleidsbekundungen für ihr Töchterchen gab als Zustimmung zur Kritik an Merkel. © Bild: dpa/Text: AFP

Immer wieder hat er sich geärgert, wie Medien über ihn berichten - habe das Land keine wichtigeren Probleme als sich über vermeintliche Fehltritte von ihm zu echauffieren? Bisher ist der „Stinkefinger“ von Stefan Effenberg Richtung deutsche Fans bei der Fußball-WM 1994 besonders in Erinnerung - Steinbrück spielt nun in dieser Liga mit. Sein Sprecher wollte das Bild in Erwartung der möglichen Aufwallung nicht freigeben. Steinbrück antwortete nur: „Nein, das ist okay so“.

Die berühmtesten Mittelfinger-Skandale

Mittelfinger-Skandale
Das Phänomen des "Stinkefingers" tauchte schon in der ausgehenden Antike auf. Damals sollen die Ärzte dazu übergegangen sein, Salbe mit dem Zeigefinger aufzutragen - der Mittelfinger galt zunehmend als obszön. Er wurde als der digitus impudicus, der schamlose Finger, bezeichnet. Der Grund für dieses obszöne Empfinden war das Ansehen des längsten Fingers als Phallussymbol. Die Griechen sprachen vom Mittelfinger als "dem geilen" Finger. Belegbar ist, dass die erst in der neueren Zeit als "Stinkefinger" bezeichnete Geste sich ab den 1960er Jahren als Beleidigungsgeste ausbreitete. (AFP) © dpa
Mittelfinger-Skandale: Wolfgang Clement
Peer Steinbrück ist nicht der erste Politiker, der mit der Geste schockt - Wolfgang Clement sorgte bereits im Jahr 2000 für Schlagzeilen. Als ihn Jugendliche fragten, wer er sei, antwortete Clement mit erhobenem Mittelfinger. © dpa
Mittelfinger-Skandale: Stefan Effenberg
Legendär: Stefan Effenbergs Mittelfinger während der WM 1994. Nachdem Fans während des Spiels die Auswechslung gefordert und "Effenberg raus!" gerufen hatten, zeigte der damalige Mittelfeld-Spieler der Nationalelf deutlich, was er davon hielt. Die Folge: Effenberg musste seine Koffer packen und die WM verlassen. © dpa
Mittelfinger-Skandale: Ottmar Hitzfeld
Auch Ottmar Hitzfeld, seit 2008 Schweizer Nationaltrainer, ließ seinen Emotionen während eines Qualifikationsspiels gegen Norwegen im Oktober 2012 freien Lauf: Aus Ärger über den spanischen Schiedsrichter hatte Hitzfeld den Mittelfinger in die Luft gereckt. Die FIFA sperrte den Coach für die folgenden zwei Spiele.  © dpa
Mittelfinger-Skandale: Frank Bsirske
Verdi-Chef Frank Bsirske regte sich 2010 bei einer Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes über die Regierung auf. Das Land sei eine Steueroase für Vermögende, schimpfte Bsirske - und betonte seine Worte mit zwei ausgestreckten Mittelfingern. © dpa
Mittelfinger-Skandale: Sebastian Vettel
Sebastian Vettel sorgte im März 2012 für einen Mittelfinger-Skandal: Als ihm Konkurrent Narain Karthikeyan beim Überrunden den Hinterreifen aufschlitzte und Vettel deswegen auf den elften Platz zurückfiel, schimpfte der Formel-1-Rennfahrer über die "fahrende Gurke" aus Indien und zeigte Karthikeyan wütend den Mittelfinger. © dpa
Mittelfinger-Skandale: Robbie Williams
Politiker und Sportler sind selbstverständlich nicht die einzigen, die gelegentlich mit obszönen Gesten für Aufsehen sorgen - Sänger Robbie Williams zeigte 2013 zum Auftakt seiner Take The Crown Stadium Tour 50.000 Fans in Gelsenkirchen den Mittelfinger. © dpa

Nun gibt es zwei Denkrichtungen: Steinbrück inszeniert sich als ein Rock'n'Roller der Politik, selbst sagte er erst kürzlich: „Bei mir rockt es“. SPD-Chef Sigmar Gabriel nannte ihn eine „coole Sau“. Sozusagen das Gegenstück zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die ihre zur Raute geformten Hände zum Markenzeichen erkoren hat. Deutschlands größtes Wahlplakat (2378 Quadratmeter) am Berliner Hauptbahnhof zeigt die Merkel-Raute - dieses Bild steht nun gegen den „Stinkefinger“.

Das Bild ist ohne Zweifel ironisch gemeint - der Umgang mit dem 66-Jährigen wirft sicher auch die Frage auf: wie viel Augenzwinkern vertragen Politik und Öffentlichkeit? Gerade, wo sich immer wieder über gestanzte und stromlinienförmige Worte mokiert wird. Für den politischen Gegner ist es natürlich ein willkommener Anlass, an seinen Qualitäten zu zweifeln. „Die Geste verbietet sich als Kanzlerkandidat. So etwas geht nicht“, meint FDP-Chef Philipp Rösler.

Steinbrück hat diesem Wahlkampf seinen Stempel aufgedrückt, am 16. Juni kulminierte der ganze Druck beim Parteikonvent nach berührenden Schilderungen seiner Frau („Und dann wird er nur noch verhauen“) darin, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Er ist halt eine Marke.

An der SPD-Basis dürfte der Fingerzeig Richtung Medien auf Zustimmung stoßen - immer wieder wurde er bei Veranstaltungen aufgefordert, doch mal mehr klare Kante gegen „diese Berliner Edelfedern“ zu zeigen. Aber die Geste hat es in sich, Wähler könnten abgeschreckt werden. Seine persönlichen Werte hatten nach dem TV-Duell zugelegt, die Botschaften kommen langsam an - und Steinbrück konnte die Kanzlerin etwa beim Thema Pkw-Maut in die Enge treiben.

Er hätte gerne mehr solcher Duelle - doch sie weicht ihm aus. Die „kognitive Dissonanz“ sei durch das TV-Duell aufgelöst worden, sagt ein Mitglied aus Steinbrücks Kompetenzteam. Will heißen: Die 17,6 Millionen TV-Zuschauer hätten sich überzeugen können, dass viele der bisherigen Medienzuschreibungen gar nicht auf Steinbrück passten. Doch sollte er es irgendwie doch noch ins Kanzleramt schaffen - dieses Bild dürfte dann gegen Steinbrück verwendet werden. Es könnte zum Beispiel gut das Bild von ihm in der Schweiz illustrieren, der er als Bundesfinanzminister etwas großspurig mit der Kavallerie drohte.

dpa

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