Streit um Entschädigung von Missbrauchsopfern

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Kurienkardinal Walter Kasper.

Hamburg - Nach den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche gewinnt die Auseinandersetzung um eine mögliche Entschädigung der Opfer an Schärfe. Vor allem zwischen der FDP und der Kirche kam es am Mittwoch zu Kontroversen.

Der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper widersprach am Mittwoch einem Bericht, wonach er sich dafür ausgesprochen habe. Dies sei eine juristische Frage außerhalb seiner Zuständigkeit, sagte Kasper.

Die FDP erneuerte dagegen ihre Forderung nach Entschädigung und sieht darin eine moralische Pflicht. Der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) warf Kasper vor, sie habe einen “völlig falschen Zungenschlag“ in die Debatte gebracht und sie kenne das Kirchenrecht nicht. Leutheusser hatte angesichts der Vielzahl der Fälle, die derzeit ans Licht kommen, den Aufklärungswillen der Kirche bezweifelt.

Chronologie der Missbrauchsfälle

Chronologie der Missbrauchsfälle

28. Januar 2010 - Bistum Berlin: Am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten werden erste Verdachtsfälle bekannt, es folgen Dutzende weitere. © dpa
1. Februar - Bistum Hamburg: Ehemalige Schüler von Sankt Ansgar in Hamburg geben an, Opfer eines Jesuiten-Paters geworden zu sein. © dpa
1. Februar - Bistum Freiburg: Ein zuvor in Berlin tätiger Lehrer soll auch am Jesuiten-Kolleg St. Blasien Schüler missbraucht haben. © dpa
1. Februar - Bistum Hildesheim: Vorwürfe gegen Pater in Hildesheim und Göttingen werden bekannt, es folgen Fälle in Hannover. Im Bild: Die Basilika in Hannover, in der Regionaldechant Propst Martin Tenge eine Erklärung von Bischof Norbert Trelle zu den Missbrauchsfällen durch Jesuiten-Pater verliest. © dpa
5. Februar - Bistum Köln: Es wird erstmals über Missbrauchsfälle am Bonner Aloisius-Kolleg berichtet. Im Bild: Eine Nachtaufnahme des Kölner Doms. © dpa
9. Februar - Bistum Aachen: Ein Sonderbeauftragter der Kirche ermittelt nach Missbrauchs-Anschuldigungen gegen zwei Priester. Im Bild: Der Dom von Aachen © dpa
12. Februar - Bistum Paderborn: Die Kirche bestätigt, dass Geistliche in Werl Kinder missbraucht haben sollen. Im Bild: Die Gau-Kirche der Liborius Pfarrei im Bistum Paderborn © dpa
19. Februar - Bistum Mainz: Am Internat Biesdorf der Missionare von der Heiligen Familie wird Missbrauch durch einen Ordensmann bekannt. Im Bild: Der Mainzer Dom im nächtlichen Nebel © dpa
21. Februar - Bistum Augsburg: Gegen Mitarbeiter des ehemaligen Heims der Salesianer Don Bosco in Augsburg gibt es Missbrauchsvorwürfe. © dpa
21. Februar - Bistum Rottenburg: In Oggelsbeuren soll es in einem Kinderheim der Vinzentinerinnen Missbrauchsfälle gegeben haben. Im Bild: Gebäude der Stiftung Liebenau im Bistum Rottenburg © dpa
21. Februar - Bistum Essen: Frühere Mitarbeiter der Behinderten- Einrichtung Franz-Sales-Haus Essen sollen Zöglinge missbraucht haben. Im Bild: Ein Gottesdienst im Dom in Essen © dpa
22. Februar - Bistum München: Der Leiter der Schule im oberbayerischen Benediktinerkloster Ettal räumt Missbrauchsfälle ein. © dpa
22. Februar - Bistum Würzburg: Nach Missbrauchsvorwürfen wird ein Priester im Würzburger Franziskanerkloster beurlaubt. Im Bild: Der Turm der Neubau-Kirche in Würzburg © dpa
23. Februar - Bistum Speyer: Ein Pater soll am Gymnasium Johanneum in Homburg/Saar sexuelle Handlungen an Jungen vorgenommen haben. Im Bild: Der Dom zu Speyer © dpa
28. Februar - Bistum Münster: Ein Pater in Münster-Hiltrup gesteht den sexuellen Missbrauch an Internatsschülern. Im Bild: Die Sankt Clemens-Kirche in Münster-Hiltrup © dpa
3. März - Bistum Limburg: Mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester werden bekannt. Im Bild: Gottesdienst im Georgs-Dom in Limburg © dpa
4. März - Bistum Fulda: Verdachtsfälle betreffen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Im Bild: Der Dom in Fulda mit Schildern im Vordergrund © dpa
4. März - Bistum Regensburg: Nach Mitteilung des Bistums hatte es auch Fälle bei dem weltberühmten Knabenchor Regensburger Domspatzen gegeben. Im Bild: Ein Konzert der Regensburger Domspatzen in der Sacred Heart Cathedral in Pretoria. © dpa

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, reiste unterdessen am Mittwoch nach Rom. Dort will er am Freitag Papst Benedikt XVI. treffen, um mit ihm über das Vorgehen im Missbrauchsskandal zu beraten.

Auch am Mittwoch wurden wieder mehrere Fälle bekannt. Kasper sagte in einem Interview mitRadio Vatikan, er habe nie ein Wort zu Entschädigungen gesagt. Am Samstag hatte die Zeitung “La Repubblica“ den im Vatikan für die Einheit der Christen zuständigen Kasper mit den Worten zitiert: “Die Schuldigen müssen verurteilt und die Opfer entschädigt werden.“ Dies nannte der Kardinal am Mittwoch eine “sehr freie“ Wiedergabe seiner Äußerungen.

Aus Sicht der FDP-Bundestagsfraktion ist eine Entschädigung der Opfer jedoch keine juristische, sondern eine moralische Frage, wie deren rechtspolitischer Sprecher und parlamentarischer Geschäftsführer Christian Ahrendt in Berlin sagte. Außerdem sollten Wiedergutmachungsleistungen unabhängig von Verjährungsvorschriften gewährt werden.

Die Deutsche Bischofskonferenz ist in der Entschädigungsfrage nach eigenen Angaben um eine angemessene und gerechte Lösung bemüht. “Wir haben längst angefangen, an diesem Thema zu arbeiten und gehen davon aus, dass wir das auch zügig abschließen und uns dann umfassend in dieser Frage äußern können“, sagte eine Sprecherin in Bonn.

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann sprach sich gegen direkte Entschädigungszahlungen der katholischen Kirche aus. Bisherige Erfahrungen hätten gezeigt, dass das oft als “Schweigegeld“ gedeutet werde, sagte Hofmann der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er plädierte ebenso wie sein Bamberger Amtskollege Ludwig Schick für längere Verjährungsfristen.

Wie schon in den Tagen zuvor wurden auch am Mittwoch erneut Missbrauchs- oder Verdachtsfälle bekannt. So sollen in einem früheren Jungen-Internat des Bistums Mainz im hessischen Bensheim in den 60er und 70er Jahren Schüler sexuell missbraucht und misshandelt worden sein. Im oberschwäbischen Attenweiler (Baden-Württemberg) ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ein ehemaliges Kinderheim der Stiftung Piuspflege. Es sei ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt eingeleitet worden, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Ravensburg. Die Polizei soll über die zuständige Diözese Rottenburg- Stuttgart das Opfer finden, das sich beim Nachrichtenmagazin “Spiegel“ gemeldet hatte.

Die “Leipziger Volkszeitung“ berichtete von einem ersten Fall in Sachsen. Nach Angaben eines ehemaligen Bewohners des Eilenburger Ernst-Schneller-Heims für sogenannte erziehungsauffällige Kinder kam es dort in den Jahren 1970 bis 1980 täglich zu sexuellen Übergriffen.

Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesjustizministerium, Max Stadler (FDP), hält derweil an einem Runden Tisch im Bundesjustizministerium zur strafrechtlichen Aufarbeitung der Missbrauchsfälle fest. Der für den 23. April geplante Runde Tisch von Bundesfamilien- und Bundesbildungsministerium zur Prävention von Missbrauch an Schulen sei zwar berechtigt. Aber er ersetze nicht das Vorhaben des Bundesjustizministeriums zu einem Runden Tisch mit Vertretern der Kirche und den Betroffenen, sagte Stadler der “Berliner Zeitung“. Der FDP-Politiker plädierte zudem für längere Verjährungsfristen für die Entschädigung von Missbrauchsopfern, die derzeit drei Jahre beträgt.

Die Missbrauchsfälle werden auch den 2. Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) in München beschäftigen. Das kündigten die beiden ÖKT- Präsidenten Alois Glück und Eckard Nagel in München an. Zu dem Missbrauchsskandal sind zwei Podiumsveranstaltungen vorgesehen. Zu dem Kirchentag unter dem Motto “Damit Ihr Hoffnung habt“ werden vom 12. bis 16. Mai mindestens 100 000 Gläubige erwartet. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird zu einer Podiumsdiskussion zum Thema “Werte für die Gemeinschaft. Hoffnung in Zeiten der Verunsicherung“ erwartet.

dpa

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