Bei Strom-Blackout droht "nationale Katastrophe"

Berlin - Die Gefahr ist den Netzbetreibern zufolge wegen der AKW-Abschaltungen gar nicht so abstrakt. Im Bundestag diskutieren Politiker und Experten für Bevölkerungsschutz über die Folgen eines massiven Blackouts. Fazit: Es droht eine Katastrophe.

Wie schnell das öffentliche Leben lahmzulegen ist, zeigten zu Wochenbeginn linke Chaoten in der Hauptstadt. Ein paar angezündete Kabel am S-Bahnknotenpunkt Berlin-Ostkreuz reichten, um den Nahverkehr, Ampeln, das Internet und Mobilfunknetze lahmzulegen. Hunderttausende Menschen waren betroffen. Nach Meinung der vier Übertragungsnetzbetreiber könnte das alles nichts sein im Vergleich zu großen Blackouts, wenn das veraltete Netz wegen zu wenig Atomstrom kollabiert. Besonders im Süden könnte die Lage im Winter dramatisch werden, es bestehe zudem die massive Gefahr eines Spannungskollapses.

Keiner kann derzeit einschätzen, ob es wirklich so weit kommt, wenn die Regierung das Abschalten von bis zu acht Kernkraftwerken beschließen und so mit einem Schlag den Atomstromanteil halbieren sollte - derzeit sind es noch rund 22 Prozent an der Gesamtproduktion. Viele Blackout-Warnungen sind mit Sicherheit interessengeleitet, um möglichst viele AKW zu retten. Das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) hat seit Monaten mit Bevölkerungsschutzexperten analysiert, wie man für einen solchen Krisenfall gerüstet ist. Als Ursachen für einen Blackout wurden Netzprobleme, Naturkatastrophen oder Terrorattacken angenommen. Auslöser für die Analyse waren die Versorgungsausfälle der letzten Jahre, etwa durch umgeknickte Masten im Münsterland 2005 oder durch den Sturm Kyrill 2007.

Folgen eines Blackouts dramatisch

Am Mittwoch standen die Ergebnisse im Bundestag auf der Tagesordnung. Zentrales Fazit für einen großflächigen Blackout: “Die Analysen des TAB zeigen, dass die Folgen eines solchen Stromausfalls einer nationalen Katastrophe zumindest nahekommen könnten. Es bedürfte einer Mobilisierung aller internen und externen Kräfte des Bevölkerungsschutzes, um die Auswirkungen zumindest zu mildern.“ Allein der Zusammenbruch der Telekommunikation, des Internets, von Rundfunk und Fernsehen hätte dramatische Folgen, heißt es. Das batteriebetriebene Radio würde zum wichtigsten Kommunikationsmedium. Auch der Bahnverkehr wäre massiv betroffen, Hunderte von Zügen und U-Bahnen würden liegenbleiben, zehntausende Menschen eingeschlossen seien. In Häfen wie Hamburg könnten Schiffe nicht mehr be- und entladen werden. Düster auch das Bild auf der Straße: “Aufgrund ausgefallener Ampelanlagen, Verkehrsleitsysteme und Straßenbeleuchtungen kommt es unmittelbar zu starken Behinderungen vor allem in städtischen Gebieten.

Es ist eine deutliche Zunahme an Verkehrsunfällen zu beobachten - mit Verletzten und vereinzelten Todesopfern“, wird in dem Bericht ausgeführt. Die Wasserversorgung, aber auch viele der 10 000 Kläranlagen, könnten mangels Strom für die Pumpen ebenfalls kollabieren. Besonders dramatisch: Die Versorgung mit Lebensmitteln würde kaum noch klappen. “Um Lebensmittellieferungen, ausgegebene Essensrationen oder knappe Lebensmittel in den wenigen noch betriebenen Filialen entbrennen Streitigkeiten und heftige, oft körperliche Auseinandersetzungen, die nicht immer von den Ordnungskräften geregelt werden können“, heißt es. Alte, Kranke oder Kleinkinder, würden unter der Lage leiden.

Notstand in Krankenhäusern

Zudem können die rund 2000 Krankenhäuser sich nur kurze Zeit selbst mit Strom über Generatoren versorgen. Bereits nach 24 Stunden wäre das Gesundheitswesen massiv beeinträchtigt. Geldautomaten stünden sofort mit Beginn des Stromausfalls nicht mehr zur Verfügung. Kosten sind in solchen Fällen schwer zu ermitteln. Als Beispiel wird ein großer Blackout am 14. August 2003 in Nordamerika aufgeführt, der sich auf acht Bundesstaaten der USA und Teile Kanadas erstreckte, über 50 Millionen Personen betraf und bis zu drei Tage andauerte. Der Schaden wurde mit 6,8 bis 10,3 Milliarden US-Dollar (4,8 bis 7,3 Mrd. Euro) beziffert. Als Lösung wird empfohlen, Notfallkonzepte auf den Prüfstand zu stellen - es gibt ein unübersichtliches System des Krisenmanagements in Bund und Ländern, monieren die Grünen.

Zudem könnte ein Ausbau stationärer und mobiler Notstromanlagen die dramatischen Folgen etwas mildern. Und, besonders interessant mit Blick auf den Ausbau der dezentralen Stromversorgung mit erneuerbaren Energien und den Atomausstieg: “Unter Nutzung dezentraler vernetzter Stromerzeuger könnten regional begrenzte Inselnetze nach einem Stromausfall weiterhin Strom erzeugen“, betonen die Experten.

dpa

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