Der tragische Vorsitzende - Seehofer kämpft

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Geht in die Offensive: CSU-Chef Horst Seehofer.

München - Horst Seehofer kämpft. Kämpft um sich, sein Renommee und seinen Führungsanspruch. Der CSU-Parteitag ist sein Forum, um aus wochenlanger Defensive wieder in die Offensive zu kommen.

Seehofer beansprucht für sich einen maßgeblichen Teil am Wiederaufstieg der deutschen Wirtschaft aus der Krise: “Das war ein großes Gemeinschaftswerk, und ich war dabei.“ Eine Personaldebatte um seinen Nachfolger will Seehofer - verständlicherweise - erst gar nicht führen: “Über Wahlen reden wir dann, wenn sie anstehen.“ Gemeint sind damit auch die CSU-Vorstandswahlen und Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, den alle Welt bereits jetzt als Seehofers Nachfolger sieht. In der Partei herrscht tatsächlich die sehr weit verbreitete Erwartung, dass Guttenberg Chef werden wird - aber eben nicht jetzt oder in umittelbarer Zukunft.

Doch die Medien sind inzwischen der Diskussion in der CSU weit vorausgaloppiert. “Sehr gut“ fühle er sich, sagt Seehofer. Er blinzelt dabei in die strahlende Sonne. Ihm droht ein lang dauernder Erosionsprozess wie weiland Edmund Stoiber. Die Umfragewerte sind schlecht, und wenn es der CSU weiter nicht gelingt, deutlich über 40 Prozent zu kommen, könnte es 2011 eng für Seehofer werden. Aber ein Putsch gegen ihn zum jetzigen Zeitpunkt ist ausgeschlossen.

Die dauernden Angriffe auf Seehofer haben derzeit eher den Effekt, dass sich die Reihen hinter dem bedrängten Chef schließen. “Das ist bei uns immer so“, sagt ein Mitglied der Parteiführung. Die CSU-Spitze - ob Gegner oder Untersützer Seehofers - hat ein kollektives Interesse an einem erfolgreichen Parteitag. Guttenberg selbst nennt die Debatte “bizarr“. Eingekreist von Kameras und Fotografen, bemüht sich der Baron nach Kräften, Seehofer nicht die Schau zu stehlen. Guttenberg gibt keine langen Interviews und schüttelt Seehofer lang die Hand, damit die Fotografen ein Bild der Eintracht schießen können. “Es sind alle begeistert von ihm, und er wird seinen Weg machen. Aber nicht heuer“, sagt die Allgäuer Landtagsabgeordnete Angelika Schorer stellvertretend für viele Delegierte über Guttenberg.

Und Seehofer sagt das zwar nicht, doch deutet vieles darauf, dass auch er die Diskussion für bizarr hält. Seehofers Tragik liegt in der Spaltung zwischen Selbstwahrnehmung und Beobachtung durch Parteifreunde und Medien. Er selbst ist ebenso ehrlich verwundert wie verärgert über den Ruf der Sprunghaftigkeit und Quertreiberei.

Doch nicht nur die Medien, auch viele CSU-ler werfen ihm vor, dass kein klarer Kurs zu erkennen sei. Eigentlich kann sich Seehofer auf dem Parteitag auf einen Erfolg freuen. Aller Voraussicht nach werden die Delegierten die von Seehofer seit seinem Amtsantritt vorangetriebene Umwandlung der CSU zur “Mitmachpartei“ absegnen. Sogar die ungeliebte Frauenquote wird wohl eine Mehrheit erhalten, wenn auch keine große, sondern in abgespeckter Form. Doch alle Welt wird wieder über Guttenberg reden und schreiben.

Von Carsten Hoefer

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