Nach Rücktritt: Tunesien hat neuen Regierungschef

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Mohamed Ghannouchi

Tunis - Nach dem Rücktritt des tunesischen Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi hat das Land nun einen neuen Regierungschef. Der Jurist Béji Caïd Essebsi wurde zu seinem Nachfolger ernannt.

Nach erneuten blutigen Krawallen in Tunesien ist Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi am Sonntag zurückgetreten. Er gab seinen Schritt auf einer Pressekonferenz in Tunis bekannt. Ghannouchi zog damit die Konsequenzen aus den anhaltenden Protesten gegen ihn. Am Abend stand sein Nachfolger, der Jurist Béji Caïd Essebsi, fest. Bei schweren Straßenkämpfen am Wochenende hatte es mindestens drei Tote sowie zahlreiche Verletzte gegeben.

Der Technokrat Ghannouchi war nach der Flucht des früheren autoritären Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali Mitte Januar Chef der Übergangsregierung geworden, die das Land innerhalb von sechs Monaten auf Neuwahlen vorbereiten soll. Die einflussreiche Gewerkschaft UGTT hatte stets signalisiert, dass sie ihn nicht unterstützen, aber immerhin tolerieren würde. Ghannouchi hatte bereits unter Ben Ali mehrere einflussreiche Posten inne.

Tunesien war das erste nordafrikanische Land, in dem der Staatschef nach Massenprotesten abtreten musste. Ben Ali floh nach Saudi-Arabien.

In der Hauptstadt Tunis waren die schweren Straßenkämpfe am Wochenende wieder aufgeflammt. Seit Freitag hat es bei den Zusammenstößen nach offiziellen Angaben mindestens drei Tote und rund 200 Verletzte gegeben. Die Demonstration richtete sich gegen die Übergangsregierung. Sie gilt nach Ansicht vieler Tunesier mittlerweile als kompromittiert. Vor allem Ghannouchi wurde dabei immer wieder zur Zielscheibe des Unmuts der meist jugendlichen Demonstranten.

Die angespannte Lage im Lande wird zur Zeit verschärft durch den Exodus aus Libyen. Das Rote Kreuz in Tunesien warnte bereits vor einer humanitären Katastrophe. Seit dem 20. Februar seien mindestens 40 000 Menschen vor den Kämpfen im Nachbarland geflohen. Die libyschen Grenzbeamten am wichtigsten Übergang Ras Jedir hätten ihre Posten mittlerweile verlassen. Allein am Samstag seien dort 10 000 Menschen - überwiegend Ägypter - nach Tunesien geflohen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ging am Sonntag bereits von 50 000 Flüchtlingen in Tunesien aus.

dpa/dapd

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