Kritik nach Äußerung über WDR-Team

Missachtet Seehofer die Pressefreiheit?

+
Horst Seehofer hat mit seiner Äußerung über ein Team des WDR eine kontroverse Debatte entfacht (Archivbild).

München - Der Deutsche Journalisten-Verband wirft CSU-Chef Horst Seehofer nach dessen Kritik an einem WDR-Fernsehteam Missachtung der Pressefreiheit vor. Auch auf unserem Portal diskutieren die User heftig über die Seehofer-Äußerung.

Manchmal macht CSU-Chef Horst Seehofer es seinen Kritikern ziemlich einfach. „Die müssen raus aus Bayern“, schimpfte er am Freitag am Rande einer CSU-Wahlveranstaltung über ein WDR-Fernsehteam, von dem sich Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) bedrängt fühlte. Das klingt so, als wolle Seehofer missliebige Journalisten aus dem Freistaat ausweisen. Die Folge war eine vorhersehbare Welle der Empörung.

Der Deutsche Journalisten-Verband warf Seehofer am Dienstag „Missachtung der Pressefreiheit“ vor. SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher forderte eine Entschuldigung Seehofers für seine „wiederholten Fußtritte gegen die Pressefreiheit“. Doch der CSU-Chef ist kein Politiker, der in einer solchen Situation klein beigibt. Er macht seinerseits Druck auf den Sender: „Der CSU-Vorsitzende wird zur Klärung dieses Vorfalls den Intendanten des WDR einschalten“, erklärte ein Parteisprecher.

Nicht der erste Konflikt

Es ist keineswegs der erste Konflikt Seehofers mit den Medien. Der bayerische Ministerpräsident hat ein zwiespältiges Verhältnis zu ihnen. Denn einerseits redet Seehofer so gern, so häufig und so offen mit Journalisten, dass die Parteifreunde in CDU und CSU regelmäßig zittern. Immer wieder werden sie von Seehofers neuesten Verlautbarungen überrascht.

Bundesweite Berühmtheit erlangte 2012 Seehofers Interview mit dem ZDF („Sie können alles senden“), in dem er über den CDU-Politiker Norbert Röttgen lästerte, Verlierer der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen.

Seehofer verteidigt sich

Für die Journalisten ist das ein gefundenes Fressen, für die betroffenen Politiker verstörend. Dementsprechend verteidigte sich Seehofer im Bayerischen Rundfunk nun mit einer sonnigen Selbsteinschätzung in Sachen Pressefreiheit: „Da bin ich wahrscheinlich der Großzügigste und Toleranteste in der aktuellen Politik.“

Seehofer produziert gelegentlich sogar absichtlich Schlagzeilen mit nicht ernst gemeinten Scherzen. In seinem Sprachgebrauch sind das „Knochen zum Abfieseln“. Dann sagt er Dinge, von denen der CSU-Chef ganz genau weiß, dass die Medien sich tagelang aufgeregt daran abarbeiten - und freut sich, wenn die Pressevertreter wie auf Knopfdruck reagieren. Zu besagten Knochen zählte etwa im Sommer 2012 die überraschende Ankündigung, dass er noch nicht über seine Spitzenkandidatur für die Landtagswahl entschieden habe.

Der CSU-Chef, der selbst so gern Schlagzeilen produziert, wirft Medienvertretern gelegentlich vor, absichtlich Zwietracht in CSU und Staatsregierung säen zu wollen. „Ich weiß genau, mit wem Sie reden“, sagt der Parteichef zu Journalisten, wenn er sich über Durchstechereien in der CSU ärgert.

#rausausbayern

Im Internet lieferte Seehofers „Raus aus Bayern“-Aussage sofort Stoff für Witzbolde. #rausausbayern wurde am Dienstag zum Schlagwort im Kurznachrichtendienst Twitter. Und auf der Webseite tumblr veröffentlichte ein kreativer Kopf sofort Fotomontagen: „Seehofer wirft Dinge aus Bayern“ - Kamerateams, Windräder und ausländische Autofahrer.

Doch aus Sicht des CSU-Chefs ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Waffengleichheit zwischen Journalisten und Politikern herrscht: Wenn die Medien tagtäglich Politiker scharf kritisieren, sollten sie sich nicht selbst für sakrosankt erklären und auf jede Kritik beleidigt reagieren. Im Laufe der Verwandtenaffäre - um die es auch dem WDR-Kamerateam ging - fühlten sich manche CSU-Politiker als Freiwild für die Medien. Aus Seehofers Sicht ist es ein Gebot der Selbstbehauptung, in solchen Konfliktfällen nicht klein beizugeben.

Kontroverse User

Auch im Internet schlägt die Äußerung von Horst Seehofer hohe Wellen: "Jetzt zeigt er sein wahres Gesicht! Es geht immer nur um den Machterhalt der Partei und nicht um die Bürger, sondern darum, dass man den Wählern möglichst viel vor der Wahl vorgaukelt", schreibt etwa Nasowas bei merkur-online. Und Gast fragt: "Warum sagt man sowas?" Seine eigene Antwort liefert er gleich mit. "Herr Seehofer hat diesmal so richtig Angst, dass es nicht klappt bei der Wahl. Zu viele Parteien sind aus seiner Sicht am Start, die allesamt der CSU das Fürchten lehren."

Die Wahlprogramme der Parteien im Vergleich

Landtagswahl: Die Wahlprogramme der Parteien im Vergleich

Verständnis für die Aussage des bayerischen Ministerpräsidenten zeigt hingegen Wadlbeissa: "Diese Reporter meinen sie können sich alles erlauben. Es ist gut wenn denen mal ihre Grenzen aufgezeigt werden." Ähnlich medienkritisch äußert sich Oberpfalz auf tz-onlie: "ARD-Fernsehteams vom Politmagazin Monitor, die sind nun wirklich nicht für Überparteilichkeit und neutrale Berichterstattung bekannt.

Stamm beschwert sich beim WDR

Landtagspräsidentin Stamm hat sich inzwischen in einem Brief bei WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn über das Kamerateam beschwert. Der WDR-Redakteur habe ein sofortiges Interview an Ort und Stelle gefordert, schrieb Stamm in einem Brief, der der dpa vorliegt. Selbst als sie sich abwandte, habe der Redakteur weiter gedrängt, sie hätte hier und jetzt Rede und Antwort zu stehen. „Mich hat dieses Verhalten massiv irritiert. Einen professionellen, respektvollen Umgang zwischen Politikern und Journalisten halte ich für unverzichtbar“, schrieb Stamm dem Chefredakteur.

ole/dpa

Auch interessant

Meistgelesen

Abschaffung von „Obamacare“: Debakel für Trump
Abschaffung von „Obamacare“: Debakel für Trump
Bundesfinanzminister Schäuble vergleicht die Türkei mit der DDR
Bundesfinanzminister Schäuble vergleicht die Türkei mit der DDR
„Linke Saubande“: CSU-Politiker fordern Schließung der Roten Flora 
„Linke Saubande“: CSU-Politiker fordern Schließung der Roten Flora 
Schulz wird konkret: Mit diesen zehn Punkten will er Merkel einholen
Schulz wird konkret: Mit diesen zehn Punkten will er Merkel einholen

Kommentare