Thüringen

Verspäteter Rücktritt nach tiefem Fall

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Nach seinem Rücktritt sind die Rolläden in Dieter Althaus‘ Haus in Heiligenstadt geschlossen.

Erfurt - Dieter Althaus ist als Ministerpräsident von Thüringen zurück getreten - zu spät sagen viele. Mögliche Nachfolgerinnen könnten seine Sozial- oder die Finanzministerin sein.

Die Entscheidung zum Rücktritt traf Dieter Althaus offenbar nur im engsten Kreis. Die Partei war vorab zumindest nicht informiert. “Am Donnerstag teilte der Herr Ministerpräsident dem Chef der Staatskanzlei seinen Entschluss mit, anschließend informierte er die Bundeskanzlerin und die Partei“, sagt Regierungssprecher Fried Dahmen. Am späten Vormittag habe Althaus die Staatskanzlei verlassen. Der Öffentlichkeit hinterließ er den dürren Satz: “Mit sofortiger Wirkung trete ich als Ministerpräsident des Freistaats Thüringen und als Landesvorsitzender der CDU Thüringen zurück.“

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Seitdem kein Wort mehr von dem Mann, der die Thüringer Politik über Jahre entscheidend prägte. An den Fenstern des Hauses der Familie Althaus in Heiligenstadt nahe der Grenze zu Niedersachsen sind die Jalousien heruntergelassen. Reporter und Kamerateams stehen davor wie vor einer Wagenburg. Sie hoffen darauf, dass ihnen Althaus vielleicht doch noch ein Statement gibt oder seine späte, für viele zu späte Entscheidung begründet. Die Zahlen sprechen aber für sich: Bei der Landtagswahl am Sonntag stürzte die CDU von 43 auf 31,2 Prozent - ein Schock für die Partei, die zehn Jahre in Thüringen allein regieren konnte und jetzt wie in den 90er Jahren auf die SPD angewiesen ist, obwohl sie mit unter 20 Prozent äußerst schwach ist.

“Seit dem Unfall aus dem Tritt geraten“

Schon nach dem Skiunfall am Neujahrstag, bei dem die Mutter eines Kleinkindes ums Leben kam, verprellte Althaus viele Anhänger mit der Bemerkung, dass er damals nicht eine Minute daran gezweifelt habe, wieder ins Amt zurückzukehren. Für Verdruss sorgte auch, dass er in Interviews mit Boulevardzeitungen Auskünfte über seine Genesungsfortschritte und über die neu entflammte Liebe zu seiner Frau gab. Aus seinem Umfeld kam aber nicht der geringste Widerspruch an die Öffentlichkeit.

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Beobachter halten das für kein Wunder, da Althaus vor gut einem Jahr in einer überraschenden Kabinettsumbildung die Grundlagen dafür legte. Geschlossenheit demonstrierte die CDU auch nach der Landtagswahl. So war es kein Wunder, dass Althaus nicht gleich zurücktrat. Stattdessen erklärte er mit verkniffener Miene nach der Verkündung des Ergebnisses: “Rücktritt ist keine Option.“ Experten wie der Bremer Politologe Lothar Probst sehen in dem schweren Skiunfall einen Grund für den Rückzug. “Seit dem Unfall ist er aus dem Tritt geraten“, erklärt Probst. Die Ereignisse seien nicht spurlos an ihm vorübergegangen, und er sei nicht mehr so überzeugend gewesen. “Er tut sich vielleicht jetzt selber einen Gefallen.“

Weg freigemacht für CDU/SPD-Koalition

Doch eine entscheidende Rolle dürfte gespielt haben, dass Althaus das größte Hindernis in einem Bündnis mit der SPD war. Schon vor der Wahl hatten die Sozialdemokraten klargemacht, dass es mit ihm zu keiner Koalition kommen kann. “Althaus hat mit seinem Rücktritt dieses Problem beiseite geräumt.

Der Ball ist jetzt bei der SPD“, sagt Probst. Eine erste Vorentscheidung könnte am Samstag fallen, wenn sich Union und SPD zu ersten Sondierungsgesprächen treffen. Dann zumindest könnte zumindest eine Entscheidung fallen, ob die Parteien weiterverhandeln und schließlich offizielle Koalitionsverhandlungen aufnehmen, an denen Althaus wohl nicht mehr teilnehmen wird.

Lieberknecht und Diezel als mögliche Nachfolger gehandelt

Als mögliche Nachfolger werden Sozialministerin Christine Lieberknecht und Finanzministerin Birgit Diezel gehandelt, die zugleich stellvertretende Ministerpräsidentin ist. Den beiden Politikerinnen traut man am ehesten zu, die abgestürzte Partei aus dem Tief herauszuführen.

Lieberknecht war stets loyal zu Althaus. Bis zuletzt stärkte sie dem Ministerpräsidenten und CDU-Landesvorsitzenden in der Öffentlichkeit den Rücken. Die 51-jährige CDU-Politikerin hat sich in vielen Ämtern ausprobiert. Zurzeit ist sie Ministerin für Soziales, Familie und Gesundheit in Erfurt. Diezel übernahm bereits zu Jahresanfang nach dem schweren Skiunfall von Althaus kommissarisch die Regierungsgeschäfte. Da die Finanzministerin auch CDU-Landesvizechefin ist, vertrat sie Althaus ebenso in der Partei.

AP

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