Welche Politiker von der DFB-Elf profitieren wollten 

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Der damalige Kapitän der Fußball-Nationalmannschaft Jürgen Klinsmann (l) und Jürgen Kohler (r) überreichen Bundeskanzler Helmut Kohl (M) 1998 einen Fußball mit Autogrammen der DFB-Elf.

Berlin - Politiker sonnen sich gerne im Erfolg der Fußball-Nationalelf. Das Problem: Die Wirkung ist nicht planbar - alles steht und fällt mit dem Ergebnis. Welche Politiker von der DFB-Elf profitieren wollten:

Als Diego Maradona den goldenen WM-Pokal küsste, schaute Helmut Kohl etwas betreten nach unten. Das Bild des Kanzlers der unterlegenen Deutschen prägte sich ein, Kohl galt fortan nicht gerade als Glücksbringer. Vor dem WM-Finale 1990 in Rom, erneut gegen Argentinien, sagte Teamchef Franz Beckenbauer: “Ob Kohl kommt oder nicht, muss er selber wissen.“ Kohl kam, Deutschland siegte 1:0, und Kohl versuchte sich auf Bilder mit den Siegern zu drängen. Der WM- Erfolg wurde von der Politik als Symbol für das wiedervereinigte Deutschland gepriesen.

Auch wenn es kaum jemand zugeben mag: Viele Politiker hoffen durch Anteilnahme - vor allem während der Weltmeisterschaften - eigene Popularitätswerte zu erhöhen oder sehen den Fußball als Projektionsfläche. So sagt der neue Bundespräsident Christian Wulff, dass sich Deutschland bei der Integration vom Beispiel der Nationalelf inspirieren lassen sollte.

Bundesinnenminister Thomas de Maiziére (CDU) will beobachtet haben, dass es beim Public Viewing in Deutschland Jubel gab, wenn Kanzlerin Angela Merkel am Samstag beim 4:0-Triumph gegen Argentinien auf der Tribüne in Kapstadt eingeblendet wurde. Die Bilder könnten neue Sympathie bringen - hätte die Löw-Elf verloren, wäre Merkel aber von vielen Fan als Pechbringerin eingestuft worden.

Besonders die WM 2002 in Japan und Südkorea, die in den Bundestagswahlkampf hineinfiel, geriet zu einem Aufmerksamkeits- Wettbewerb. Als Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) beim Endspiel gegen Brasilien in eine Deutschland-Fahne gehüllt neben Fußballidol Pelé Platz nahm, wurde dies als anbiedernde Überinszenierung kritisiert.

SPD-Kanzler Gerhard Schröder kokettierte mit seinem Kicker-Spitznamen “Acker“ und nutzte den Fußball zur Betonung seines hemdsärmeligen Images.

Ein Nebeneffekt der WM-Euphorie für die Politik ist, dass eine schmerzhafte Entscheidung für weniger Aufschrei sorgt. Waren es 1990 die hohen Kosten für die Einheit, hält sich 2010 der Ärger über die Erhöhung der Krankenkassenbeiträge in Grenzen. Schon während des WM- Sommermärchens 2006 war der Beitrag für die rund 50 Millionen gesetzlich Versicherten um rund 0,5 Punkte angehoben worden. Und schon damals sollte der Fußball helfen, heftigen Koalitionszwist - damals von Union und SPD - zu übertünchen.

Die Erfahrung zeigt, dass Demokratien den positiven Nebeneffekt erfolgreicher Nationalmannschaften gerne für sich zu nutzen versuchen - Diktaturen und Autokratien aber neigen dazu, den Fußball politisch zu überhöhen. Sie können damit aber auch auf die Nase fallen. In Nordkorea etwa rang sich die Führung nach dem 1:2 gegen Brasilien dazu durch, bei der Partie gegen Portugal erstmals eine Live- Übertragung zu erlauben. Was folgte, war ein 0:7-Debakel.

Die bisher deutlichste Instrumentalisierung einer ganzen WM war das Turnier 1978 in Argentinien, wo eine Militärjunta herrschte. Es halten sich Gerüchte, dass das für den Finaleinzug entscheidende Spiel gegen Peru gekauft wurde - mit mindestens 4:0 musste der spätere Weltmeister Argentinien gewinnen, es gab ein 6:0. Ein damaliges Regierungsmitglied ist sich sicher, dass die Militärs mit Geld nachhalfen, um die positive WM-Grundstimmung zu erhalten.

Besonders den Nationalsozialisten brachte der Fußball kaum Glück. Was lag näher, als Länderspiele als Vorstufe eines Krieges zweier Nationen zu sehen und den sportlichen Sieg als Beleg für die Überlegenheit des eigenen Volkes zu interpretieren. Bei der WM 1934 verlor Deutschland aber im Halbfinale gegen die Tschechoslowakei mit 1:3. Der “Völkische Beobachter“ versuchte die Niederlage so zu erklären: “(...) kommt der Gegner auf billige Art in der 20. Minute zu seinem 1. Tor. Dass wir einem Gegner unterlegen waren, dem wir drei Fünftel der Zeit feldüberlegen waren, (...) das hat uns nicht gefallen.“

Noch schlimmer kam es 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin. Vor den Augen Adolf Hitlers schied das Deutsche Reich gegen Norwegen aus. Der “Kicker“ analysierte etwas hilflos: “Dieses 0:2 vor Adolf Hitler, der erstmals einem Fußballkampf zusah, das hätte ganz einfach nicht sein dürfen, das musste ausgeschlossen sein.“

Die Nazis haderten mit der Fußballliebe der Deutschen, und damit, dass sie den sportlichen Lauf der Dinge so wenig beeinflussen konnte. 1942, nach einer Niederlage gegen Schweden, soll Propagandaminister Joseph Goebbels gesagt haben: “100 000 sind deprimiert aus dem Stadion weggegangen. Den Leuten liegt der Gewinn dieses Fußballspiels mehr am Herzen als die Einnahme irgendeiner Stadt im Osten.“

Von Georg Ismar

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