Westerwelle und der "Bewahrer des Paradieses auf Erden"

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Guido Westerwelle und der Präsident Turkmenistans Gurbanguly Berdymuchammedow.

Aschchabad - Turkmenistan gilt neben Nordkorea als Land mit dem skurrilsten Personenkult. Auch der zweite Präsident der Rohstoffnation setzt die Tradition fort. Außenminister Westerwelle konnte sich jetzt davon ein Bild machen.

Das Zentrum von Aschchabad hat etwas Gespenstisches. Die Wohnpaläste aus weißem Marmor in der turkmenischen Hauptstadt sind abends grell beleuchtet, das riesige Unabhängigkeitsdenkmal schimmert wechselweise in Rot, Blau oder Grün. Licht kostet nicht viel in einem Land, das auf den viertgrößten Gasreserven der Welt sitzt. Lediglich aus Solidarität zum klimabewussten Teil der Weltgemeinschaft wird die Festbeleuchtung ab 23.00 Uhr etwas heruntergedimmt. “In der ganzen Welt wird Strom gespart, und deswegen machen wir das auch“, sagt ein turkmenischer Reiseführer.

Das Licht dient vorwiegend dekorativen Zwecken. Menschen sieht man auf den Straßen der Innenstadt selbst tagsüber kaum. Die 10- bis 15-stöckigen Wohnpaläste sind zu einem großen Teil unbewohnt, weil die Turkmenen angeblich ein Häuschen mit Garten vorziehen, eine Rush-Hour kennt die Stadt nicht. Schöpfer der Wohlstandskulisse aus Marmor und Beton ist der vor fünf Jahren gestorbene Saparmurad Nijasow. Der Turkmenbaschi (Vater aller Turkmenen) kreierte zudem in der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepublik einen Personenkult, der so weit ging, dass er Monate nach sich und seinen Angehörigen benannte und landesweit goldene Statuen zu seinen Ehren errichten ließ.

Sie waren die Chefs der FDP

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Am Donnerstag lernte Guido Westerwelle bei seinem Kurzbesuch in Aschchabad den früheren Zahnarzt Nijasows kennen - Gurbanguly Berdymuchammedow, der es zum Nachfolger des Turkmenbaschi gebracht hat. Der zweite Präsident Turkmenistans hat nach seinem Amtsantritt zwar die Monate wieder rückbenannt und die Verbote von Oper, Theater und Zirkus aufgehoben. Die große Reform des autoritären Systems blieb er aber schuldig. Inzwischen ist er dabei, einen ähnlichen Personenkult um sich aufzubauen wie sein Vorgänger. Im Mai bezog er seinen neuen Palast, der deutlich größer als der bisherige ist und statt nur einer goldenen Kuppel deren drei hat.

Er ließ sich von seinem Volk zum “Helden des Landes“ und “Bewahrer des Paradieses auf Erden“ küren, und ein Berdymuchammedow-Monument gibt es zumindest schon als Modell im Nationalmuseum. Die größte Statue seines Vorgängers ließ der neue Herrscher unterdessen schon mal demontieren und aus dem Zentrum Aschchabads verbannen. Der fast 80 Meter hohe “Bogen der Neutralität“, gekrönt von einem goldenen Turkmenbaschi, der sich mit der Sonne dreht, wird nun am Stadtrand wieder aufgebaut.

Im Zentrum hängen stattdessen Bilder des neuen Herrschers. Die meisten zeigen ihn mit einem Kugelschreiber in der Hand bei der Arbeit. Selbst die Stände der deutschen Aussteller auf der Öl- und Gas-Messe, die Westerwelle am Donnerstag besuchte, sind mit Präsidenten-Porträts ausgestattet. “Das ist eine kostenlose Gabe des Gastgebers“, sagt ein deutscher Wirtschaftsvertreter diplomatisch. “Das ist hier so üblich.“ Mit anderen Worten: Wir haben keine andere Wahl.

Die riesigen Gasvorkommen und die Chancen, die sich daraus für deutsche Unternehmen ergeben, sind der Hauptgrund für die Westerwelle-Reise nach Turkmenistan. Besuche in solchen Ländern sind aber immer auch ein Spagat zwischen Wahrung der eigenen wirtschaftlichen Interessen und Kritik an der Menschenrechtslage. Westerwelle kennt das aus Russland, China oder Saudi-Arabien.

In Turkmenistan gibt es keine Oppositionsparteien, unzensierte Zeitungen oder regierungskritische Organisationen. Vor kurzem erst wurden Satellitenschüsseln verboten. Der vorgeschobene Grund: Sie verschandelten die Architektur. Auf der Weltrangliste der Pressefreiheit von “Reporter ohne Grenzen“ rangiert Turkmenistan auf Platz 176 von 178 - nur noch Nordkorea und das ostafrikanische Eritrea werden schlechter eingestuft.

Anders als in China oder Russlands fehlen in Turkmenistan die Dissidenten, mit denen man sich jenseits des offiziellen Programms über die Situation unterhalten könnte. Einziger Ansprechpartner zu Themen wie Meinungs- und Reisefreiheit ist ein staatliches “Institut für Demokratie und Menschenrechte“. Bezeichnenderweise fand die Diskussionsrunde, an der Westerwelle dort zum Abschluss seines nicht einmal 24-stündigen Besuchs teilnahm, unter einem großen Bild des Präsidenten statt.

dpa

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