CDU-Machtkampf

Wolfgang Schäuble will, dass Friedrich Merz die Wahl gewinnt

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Ungewöhnliche Einlassung: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble hat sich für Friedrich Merz als Parteivorsitzenden ausgesprochen.

Wolfgang Schäuble will, dass Friedrich Merz die Wahl gewinnt. Das wird nun immer klarer. Mit dieser Wahlempfehlung könnte er ein großes Gewicht verteilen.

Es sind die Hände, die bei Wolfgang Schäuble sprechen. Oft hält er sie auf Schulterhöhe. Keine Raute wie bei der Kanzlerin, sondern quasi ein geschlossener Kreislauf des Denkens und Abwägens, darin wieder Angela Merkel nicht unähnlich. Schäuble, die Sphinx, das Rätsel, nennen ihn deshalb manche ob der diskursiven Statements des CDU-Politikers. Die rhetorische Pauke schlägt er nicht. So hatte Schäuble seine Kritik an der seiner Ansicht nach nicht zu Ende gedachten Migrationspolitik der Kanzlerin im Herbst 2015 in eine Metapher gekleidet: Er sprach auch in der Berichterstattung von *HNA.de von einem Skifahrer, der in unbekanntes Gelände führt und so womöglich eine Lawine auslösen kann.

Nun hat der Bundestagspräsident überraschend klare Worte gefunden. Es wäre das Beste fürs Land, wenn Friedrich Merz eine Mehrheit auf dem Parteitag erhielte, sagte er im FAZ-Interview zur Wahl um den Parteivorsitz. Stück für Stück kommt jetzt ans Licht, dass Schäuble schon lange mit Friedrich Merz freundschaftlich verbunden ist. Beide sind Finanzjuristen. Er schätzt den Sachverstand des Sauerländers, mit dem er per du ist, während er Angela Merkel mit „Frau Bundeskanzlerin“ anredet.

Dabei sind die Unterschiede zwischen Merz und Schäuble in ihrer Art, mit parteiinternen Krisen umzugehen, greifbar unterschiedlich. „Nicht aufgeben. Sich anstrengen“, so lautet das Lebensmotto des gebürtigen Freiburgers, der um seine persönlichen Befindlichkeiten zunächst kein großes Aufheben macht. Merz dagegen strebte schmollend in die Wirtschaft, nachdem ihn Merkel als Fraktionschef entmachtet hatte.

Wolfgang Schäuble nach Schüssen im Rollstuhl

Schäuble blieb an Bord – auch in den für ihn schlimmsten Zeiten. Der Protestant liebt konservative Werte, schöpft seine Kraft aus seiner Familie, seinem Glauben und einem ausgeprägten Pflichtbewusstsein. Das blieb auch so, als 1990 ein geistig Verwirrter während einer Wahlveranstaltung auf Schäuble schoss. Seither ist der früher aktive Tennisspieler vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt und sitzt im Rollstuhl.

Als Schäuble nach Jahrzehnten der Kohl-Ära selbst CDU-Vorsitzender wurde, machte er Merkel zur Generalsekretärin. Als er im Jahr 2000 wegen der Spendenaffäre das Amt wieder abgeben musste, war es Merkel, die über einen Artikel in der FAZ den Bruch mit dem Ehrenvorsitzenden vollzog und Schäubles Platz als Parteichef einnahm. Schäuble, der Architekt der deutschen Einheit, machte weiter. Als pragmatischer Innenminister, der die Parteien im Asylkompromiss zusammenführte und der später die Islam-Konferenz ins Leben rief; und als Finanzminister, der zäh, intelligent und mit eisernem Willen als Solidus in der europäischen Finanzkrise nach Außen und als Hüter der schwarzen Null nach Innen agierte.

Lesen Sie auch: Nach Schäuble: Darum plädiert auch Bosbach für Merz

Wolfgang Schäuble: Revanche für Kanzlerin?

Bedeutet Schäubles Empfehlung an die Delegierten auch eine Art Revanche gegenüber der Kanzlerin? In der Euro-Krise und nach der Flüchtlingsmigration vor drei Jahren gab es Differenzen. Als Verletzung muss es der sonst stets bis ins Mark loyale Politiker empfunden haben, dass er unter Angela Merkels Kanzlerschaft nie zum Bundespräsidenten gewählt worden ist. Dass Merkel das sogar verhinderte, haben deren Vertraute jedoch stets bestritten.

Mit seiner Einlassung hat sich Schäuble jedenfalls klar gegen Merkel und die von ihr geförderte Wunschkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer gestellt. Sein Wort hat Gewicht. Schäuble, seit über einem Vierteljahrhundert im Bundestag, zählt zu den beliebtesten Politikern. Er gehört, wie es der Münchner Publizist Heribert Prantl formulierte, zu den „Helden dieses Landes, verkörpert wie kein anderer die Erfahrungen der alten und der neuen Bundesrepublik“.

Ganz gleich, wie er die Hände faltet – nun hat der 76-Jährige als potenzieller Königsmacher gehandelt. Als Machtmensch, der die Weichen für Partei und Land wieder stellen will.

Von Ullrich Riedler

*HNA.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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