Wulff zwischen Bratwurst und Japanerinnen im Dirndl

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Bundespräsident Christian Wulff trifft am Sonntag auf dem Deutschlandfest in Tokio die japanische Mädchenband "AKB 48".

Tokio - Bundespräsident Christian Wulff ist zu Besuch im Japan. Schon am ersten Tag wird er mit Bratwurst und Christstollen verwöhnt. Das sind aber längst nicht alle Annehmlichkeiten.

Fast wie zu Hause: Das Deutschlandfest im Arisugawa-Park von Tokio lockt mit Bratwurst und Bier, Christstollen aus der Bäckerei “Tanne“, mit Katrins Flammkuchen und mit ein paar luxuriösen Ausstellungsstücken von BMW, Mercedes und Volkswagen. Auch manche Japanerin zeigt sich im Dirndl, 150 Jahre deutsch-japanische Freundschaft werden gefeiert. Und als Bundespräsident Christian Wulff zum Beginn seines Rundgangs gleich zweimal den Ball in der obligatorischen Torwand versenkt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Mit großer Delegation ist Wulff nach Japan gereist, fünf Tage nimmt er sich Zeit, mit dabei sind unter anderen die Filmemacherin und Japankennerin Doris Dörrie (“Kirschblüten“) und die japanische Fußball-Weltmeisterin Kozue Ando, die nun in Duisburg spielt. Aber das Thema der Gespräche, das alles in den Schatten stellt, kann auch sieben Monate nach der Erdbeben- und Reaktorkatastrophe nur Fukushima heißen. “Wir wollen zeigen, dass wir Mitgefühl haben und Anteil nehmen“, sagt Wulff in seiner Festansprache. Viele Millionen hat Deutschland gespendet, ein weiterer Scheck des Deutschen Roten Kreuzes wird überreicht.

Gerade hat der Chor der deutschen Schule die Nationalhymnen beider Länder gesungen, der spätsommerliche Tag neigt mit letzten Sonnenstrahlen dem Ende zu, da macht sich doch Beklemmung breit im Park von Arisugawa. 16.000 Tote und 4.000 Vermisste beklagt Wulff, 500.000 Obdachlose.

Wulff zwischen Bratwurst und Japanerinnen im Dirndl

Wulff zwischen Bratwurst und Japanerinnen im Dirndl

Natürlich kennen die Japaner die Zahlen, ist ihre Betroffenheit ungleich stärker und anhaltender als die jedes Ausländers. Aber die Worte der Solidarität werden gerne gehört. Kronprinz Naruhito, der erst vor kurzem in Berlin war, bedankt sich fast gerührt. Wulff trifft in Tokio deutsche Unternehmer, die seit 30 Jahren in Japan aktiv sind. Der deutsche Atomausstieg und der Einsatz erneuerbarer Energien sind Themen, die Japan mehr als früher interessieren.

Am Dienstag fährt Wulff, seine Frau Bettina ist in Berlin geblieben, ins Katastrophengebiet nach Iwaki und Toyoma, immerhin so dicht dran an den Katastrophenreaktoren von Fukushima, dass manchem in der deutschen Delegation ein wenig bang ist - ungeachtet wissenschaftlicher Daten, die nur ein extrem geringes Strahlenrisiko ausweisen. Wulff will dort Menschen besuchen, die immer noch obdachlos sind und sich über das Ausmaß der Zerstörung informieren.

Ein großer Teil Japans ist nach der Katastrophe vom März zur Normalität zurückgekehrt. Die Wirtschaft erholt sich zwar, in anderen Bereichen ist das Land aber noch wie gelähmt. Die Politik ist blockiert, eine echte Wende in der Energiepolitik wohl nicht machbar. In der Kultur- und Filmszene, sagte Japanexpertin Doris Dörrie, herrschen nach der Dreifachtragödie aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall vor allem Ratlosigkeit und Erschöpfung. Ein Spielfilm über Fukushima? Nicht in Sicht.

dpa

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