Blutige Serie von Attentaten

Mehr als 100 Todesopfer nach Anschlag in Kabul

Auf dem Weg zur Bestattung: Der Sarg eines der Opfer in Kabul. Foto: Rahmat Gul
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Auf dem Weg zur Bestattung: Der Sarg eines der Opfer in Kabul. Foto: Rahmat Gul
Die gewaltige Sprengladung riss die komplette Fassade dieses Gebäudes weg. Foto: Rahmat Gul
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Die gewaltige Sprengladung riss die komplette Fassade dieses Gebäudes weg. Foto: Rahmat Gul
Er hat überlebt: Ein Verletzter wird in ein Kabuler Krankenhaus eingeliefert. Foto: Rahmat Gul
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Er hat überlebt: Ein Verletzter wird in ein Kabuler Krankenhaus eingeliefert. Foto: Rahmat Gul
Verletzte werden in Kabul nach dem Anschlag in einem Krankenhaus versorgt. Foto: Rahmat Gul
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Verletzte werden in Kabul nach dem Anschlag in einem Krankenhaus versorgt. Foto: Rahmat Gul
2017 gab es in Kabul mehr als 20 schwere Anschläge der Taliban und der Terrormiliz IS. Foto: Rahmat Alizadah
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2017 gab es in Kabul mehr als 20 schwere Anschläge der Taliban und der Terrormiliz IS. Foto: Rahmat Alizadah
Die radikalislamischen Taliban haben den Anschlag in Kabul für sich reklamiert. Foto: Rahmat Gul
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Die radikalislamischen Taliban haben den Anschlag in Kabul für sich reklamiert. Foto: Rahmat Gul
Zwei Männer helfen in Kabul nach einem Anschlag einem verwundeten Mann. Foto: Massoud Hossaini
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Zwei Männer helfen in Kabul nach einem Anschlag einem verwundeten Mann. Foto: Massoud Hossaini

Dort, wo Kabul immer voller Menschen ist, hat am Samstag ein Attentäter der radikalislamischen Taliban eine gewaltige Bombe gezündet. Um in die schwer bewachte Straße zu gelangen, benutzte der Täter eine besonders perfide Methode.

Kabul (dpa) - Beim schwersten Anschlag in der afghanischen Hauptstadt Kabul seit acht Monaten hat ein Attentäter mindestens 103 Menschen getötet. 235 weitere seien verletzt worden, sagte Afghanistans Innenminister Wais Ahmad Barmak. Die radikalislamischen Taliban haben den Anschlag für sich reklamiert.

Ein Attentäter hatte am Samstag einen mit Sprengstoff beladenen Krankenwagen im zentralen Regierungs- und Geschäftsviertel der Stadt zur Explosion gebracht. In der Nähe des Anschlagsortes liegen viele Botschaften und afghanische Sicherheitseinrichtungen. Als Reaktion auf den Anschlag wurde am Sonntag landesweit Staatstrauer ausgerufen.

Gegen 13 hatte der Attentäter seine Bombe nahe dem Sedarat-Platz im Viertel Schar-e Nau gezündet. Der Mann hatte sich als Ambulanzfahrer verkleidet und versucht, mit dem Krankenwagen in die Straße einzubiegen, in der unter anderem die Gesandtschaft der Europäischen Union, die Botschaften von Schweden und Indien sowie Gebäudekomplexe des Innenministeriums und Geheimdienstes liegen.

Wie der Innenminister sagte, wurde der Attentäter von einem zweiten Krankenwagen begleitet, mit dessen Hilfe er durch einen ersten Kontrollpunkt gekommen sei. Dann habe er für 20 Minuten auf dem Parkplatz des Dschamhuriat-Krankenhauses gewartet, das ebenfalls an der schwer gesicherten Straße liegt. Schließlich sei er zu einem zweiten Kontrollpunkt weitergefahren, der zum Gebäude des Innenministeriums führte. Als Sicherheitskräfte ihn dort als Gefahr erkannten, zündete er seine Bombe. Es muss eine gewaltige Ladung gewesen sein - über Kabul stieg eine hohe Rauch- und Staubwolke auf.

Der Inhaber eines Kopiergeschäfts am Sedarat-Platz sagte im Fernsehen, es habe sich angefühlt, als habe die Detonation den Boden unter ihm bewegt. Er habe im Laden gesessen, als es geschah. "Da hat plötzlich eine starke Windböe alles Glas zerschmettert, es hat Splitter auf uns geregnet." Der Mann im Nachbarladen habe kurz zuvor einen Jungen losgeschickt, um Essen zu holen. "Als wir hinausrannten, sahen wir den Jungen daliegen, voller Blut. Er war tot."

Die EU-Botschaft liegt nur etwa 120 Meter vom Anschlagsort entfernt. Ein Mitarbeiter, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Uns geht es gut. Keine der internationalen oder afghanischen Kollegen wurden verletzt oder getötet." Alle Mitarbeiter seien nach dem Knall sofort in Schutzräume gebracht worden. Allerdings seien viele Fenster zerbrochen.

Der Arzt Naweed Hamkar, der zur Zeit der Explosion gerade im Dschamhuriat-Krankenhaus einen Patienten operierte, berichtete von Horrorszenen. Die stark beschädigte Notaufnahme des Krankenhauses sei mit Schwerverletzten überfüllt gewesen, die in den Scherben der durch die Druckwelle herausgesprengten Fensterscheiben lagen.

Ärzte und Krankenschwestern, die selbst durch Glassplitter verletzt worden waren, hätten die Opfer versorgt. Ein Video zeigte, wie schreiende Verletzte in Korridoren am Boden behandelt werden mussten. "Es war eine grauenvolle Szene. Ich habe geweint", sagte Hamkar. "Aber dann habe ich mir gesagt, wenn ich jetzt die Kontrolle verliere, wer behandelt dann all diese Patienten?"

Den Behörden zufolge ist noch unklar, welche Einrichtung genau der Attentäter angreifen wollte. Der Chef des afghanischen Geheimdienstes sagte am Sonntag, dass nicht 100 Prozent aller Anschläge verhindert werden könnten. "Dieser ist durchgerutscht."

Es war der zweite schwere Terrorangriff innerhalb von sieben Tagen. Erst vor einer Woche hatten sechs Kämpfer der Taliban in einer 17-stündigen Attacke das große Hotel Intercontinental angegriffen und mindestens 20 Menschen getötet, darunter eine deutsche Entwicklungshelferin. Der Anschlag war der schwerste seit der Lastwagenbombe vor der deutschen Botschaft im Mai 2017. Damals waren rund 150 Menschen getötet worden.

Regierungen und Institutionen aus aller Welt verurteilten den Anschlag. UN und das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) kritisierten scharf, dass die Taliban ausgerechnet einen Krankenwagen mit Sprengstoff beladen hatten, um ihrem Ziel nahezukommen.

Aus dem Auswärtigen Amtes hieß es, man trauere mit den Freunden und Familien der Opfer. "Diese grausame Gewalt wird Afghanistan und seine Freunde nur darin bestärken, die Suche nach Frieden entschlossener voranzutreiben." Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bezeichnete die Täter als hinterhältig und grausam.

Die Taliban kontrollieren oder beeinflussen mittlerweile wieder mindestens 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30. Auch deshalb schicken die USA und einige Nato-Staaten nun wieder Tausende zusätzliche Soldaten nach Afghanistan. Auch die Bundeswehr wird wohl weitere Soldaten entsenden, nachdem Union und SPD dem in ihren Koalitionssondierungen zugestimmt hatten. Bisher sind knapp 1000 deutsche Soldaten dort.

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