Bertelsmann-Studie: Jeder siebte Schüler nimmt Nachhilfe

+
Laut Bertelsmann-Studie bekommen bundesweit 1,2 Millionen Schüler Nachhilfestunden - viele davon trotz guter Noten. Foto: Christian Charisius

Mehr als eine Million Schüler in Deutschland nimmt Nachhilfeunterricht - die meisten von ihnen in Mathe oder Fremdsprachen. Der private Zusatzunterricht dürfe nicht zum Ersatz für mangelnde individuelle Förderung werden, mahnt eine Studie.

Gütersloh (dpa) - Jeder siebte Schüler im Alter von 6 bis 16 Jahren nimmt einer Elternbefragung zufolge Nachhilfeunterricht. Das sind bundesweit 1,2 Millionen Schüler.

Rund ein Drittel von ihnen setzt dabei auf zusätzliche Förderung, um befriedigende bis gute Leistungen weiter zu verbessern, so das Ergebnis einer repräsentativen Bertelsmann-Studie, die in Gütersloh veröffentlicht wurde.

"Wir sehen den deutlichen Trend, dass es nicht mehr nur darum geht, schulisches Scheitern abzuwenden", sagte Bildungsforscher und Studienautor Prof. Klaus Klemm. Vielen Eltern gehe es offenbar darum, mit besseren Noten einerseits den Übergang von der Grundschule auf das Gymnasium leichter zu ermöglichen oder später mit guten Notendurchschnitten die Chancen auf Ausbildungsplatz- und freie Studienfachwahl zu verbessern.

61 Prozent der Nachhilfeschüler setzen auf Förderung im Fach Mathematik, gefolgt von Fremdsprachen (46 Prozent) und Deutsch (31 Prozent). Besonders ausgeprägt ist der Nachhilfebedarf laut Studie an weiterführenden Schulen, am häufigsten auf dem Gymnasium: Fast jeder fünfte Gymnasiast (18,7 Prozent) nutzt Nachhilfe.

Obwohl deutsche Schüler damit im internationalen Vergleich vergleichsweise wenig auf Zusatzunterricht angewiesen scheinen, sieht die Stiftung den Befund kritisch: "Wenn schulischer Erfolg von privat finanziertem Unterricht abhängt, ist das ein Einfallstor für Ungleichheit bei den Bildungs- und Aufstiegschancen", warnte Klemm. Er geht davon aus, dass unter größer werdendem Leistungsdruck der Bedarf nach Nachhilfe künftig eher zunehmen wird. "Es wird immer wichtiger werden, gute Noten und Abschlüsse vorzuweisen, um den Anschluss zu behalten", sagte Klemm.

Hier sehen die Experten vor allem das staatliche Bildungssystem am Zug: Viele Schulen seien noch nicht ausreichend auf die Vielfalt in ihren Klassenzimmern eingestellt, heißt es in der Studie. Dabei sei es eine Kernaufgabe der Schulen, die Potenziale von Jugendlichen so zu fördern, dass private Nachhilfe nicht mehr nötig sei, ergänzte Klemm.

Im Schnitt lassen sich die Familien den Zusatzunterricht monatlich 87 Euro kosten. Damit geben die Deutschen pro Jahr fast 879 Millionen Euro für Nachhilfe aus. Wie die Studie weiter zeigt, haben Einkommensunterschiede einen leichten Effekt auf die Entscheidung, Kinder zur Nachhilfe zu schicken: Schüler aus Familien mit einem Haushaltseinkommen über 3000 Euro nutzen die Angebote häufiger als Elternhäuser mit weniger Geld (15 Prozent zu rund 12 Prozent).

Allerdings können zahlreiche Familien auf gänzlich kostenlose Angebote zurückgreifen, wie die Elternbefragung zeigt: 26 Prozent der Nachhilfeschüler müssen nichts zahlen. Besonders groß ist der Anteil von Schülern, die kostenlose Angebote nutzen, an Ganztagsschulen. Die Forscher schließen daraus, dass Eltern auch dortige Fördermaßnahmen als Nachhilfe verstehen. Für entsprechend sinnvoll hält die Bertelsmann-Stiftung daher den Ausbau von Ganztagsschulen.

Mit allen Beteiligten reden: Wenn die Noten des Kindes schlechter werden, sollten Eltern zuerst einmal mit dem Kind und dann mit dem Lehrer sprechen. "Er kann oft genau sagen, was das Problem ist", erklärt Maria Große Perdekamp. Sie ist Leiterin der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Außerdem besprechen Eltern am besten mit dem Kind, was es nicht versteht oder wo es sich überfordert fühlt. Was würde das Kind sich wünschen, um die Probleme in den Griff zu bekommen? Gut ist auch, sich mit anderen Eltern auszutauschen.

Angebote der Schule nutzen: Nachhilfe macht vor allem dann Sinn, wenn es in einzelnen Fächern plötzlich konkrete Probleme gibt oder das Kind den Anschluss verloren hat. Hilfreich ist dann, nach Angeboten an der Schule zu schauen, rät Große Perdekamp. Dort wird beispielsweise Förderunterricht angeboten, der auf die Lerninhalte des Unterrichts abgestimmt ist.

Privaten Sorgen auf den Grund gehen: Nachhilfe macht keinen Sinn, wenn etwa private Sorgen der Grund für das schwache Abschneiden in der Schule sind. "Gerade in der Pubertät - also etwa in der siebten bis neunten Klasse - sind die Kinder oft mit anderen Dingen beschäftigt", sagt die Expertin. Dann sollte eher das eigene Verantwortungsgefühl des Jugendlichen gestärkt werden - oder die Ursache für die persönlichen Sorgen sollte beseitigt werden. Wenn ein Kind sich seit längerer Zeit enorm in der Schule quält und in fast allen wichtigen Fächern Probleme hat, sollte die Familie vielleicht gemeinsam mit den Lehrern einen Schulwechsel erwägen.

Kind nicht schon präventiv zur Nachhilfe schicken: Ist ein Kind gut in der Schule, soll aber noch besser werden oder einfach gut bleiben, ist Nachhilfe eher der falsche Weg, sagt Große Perdekamp. "Denn damit signalisiert man eigentlich ein Problem." Das kann die Schüler unnötig unter Druck setzen. Und: Gute Schüler können es aus eigener Kraft schaffen, ihre Noten zu verbessern und Erfolgserlebnisse zu haben. Eine wichtige Erfahrung für Kinder und Jugendliche.

Kinder zum selbstständigen Lernen anleiten: Eltern sollten keine Vorwürfe machen, das Kind nach seiner Sicht fragen und jeden einzelnen Schritt loben, der in die richtige Richtung geht. Den meisten Kindern ist es wichtig, in ihrer Klassengemeinschaft bleiben zu können - das kann beispielsweise eine Motivation sein. Eltern können mit dem Kind eine Problemanalyse machen und beispielsweise gemeinsam Lernmaterialien für Zuhause anschaffen - dann bekommen Kinder oft einen anderen Blick auf den Unterrichtsinhalt. Wichtig ist, dass Eltern ihnen nicht zu viel abnehmen: Etwa ab der sechsten Klasse sollte sich der Nachwuch für seine schulischen Leistungen selbst verantwortlich fühlen.

Meistgelesen

Karriere
In diese 10 Berufsgruppen haben die Deutschen Vertrauen
In diese 10 Berufsgruppen haben die Deutschen Vertrauen
Mann macht unfassbaren Fund unter mysteriösem Kreis im Garten
Mann macht unfassbaren Fund unter mysteriösem Kreis im Garten
Steuererklärung 2017: Diese Unterlagen brauchen Sie
Steuererklärung 2017: Diese Unterlagen brauchen Sie
Einbruchschutz: Künftig gibt es mehr Förderung von der KfW
Einbruchschutz: Künftig gibt es mehr Förderung von der KfW

Kommentare