Aneurysma im Gehirn – wann muss man behandeln?

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Manche Gefäßerweiterungen lassen sich über einen Katheter behandeln, indem man sie mit Platinspiralen (Coils) füllt.

Die meisten Betroffenen spüren nicht, wenn sich in ihrem Schädel ein Gefäß gefährlich erweitert. Dennoch werden heute immer öfter zufällig bei Untersuchungen des Schädels solche Aneurysmen festgestellt.

Das Aneurysma

Von einem Aneurysma spricht man, wenn ein Blutgefäß in einem bestimmten Bereich erweitert ist. Eine solche Veränderung kann angeboren sein oder im Laufe des Lebens entstehen. Die Ursache ist zum Beispiel eine Entzündung oder eine Verletzung. Oft ist der Grund dafür, dass sich ein Gefäß krankhaft weitet, aber auch einfach eine Schwäche des Bindegewebes.

Derartige Aussackungen eines Blutgefäßes können in jedem Teil des Körpers entstehen. Besonders gefährlich ist es allerdings, wenn sich ein Aneurysma in der Hauptschlagader (Aorten- Aneurysma) oder innerhalb des Schädels (intrakranielles Aneurysma) bildet.

Insgesamt schätzt man, dass etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung, also jeder Zweihundertste, an einem Aneurysma im Gehirn leidet. Da dies zunächst keine Schmerzen oder andere Beschwerden verursacht, wissen die meisten nichts davon.

Dann muss man gut abwägen, ob es sinnvoll ist, zu behandeln. Denn die Eingriffe sind nicht ohne Risiko. Doch kann auch das Aneurysma lebensbedrohlich sein. Ein Aneurysma hat oft die Form eines kleinen Sacks. Hierin bilden sich Wirbel im Blutstrom sowie Bereiche, in denen der Fluss ganz zum Erliegen kommt. Das Blut kann gerinnen, Thromben entstehen. Diese kleiden das Aneurysma teilweise aus oder können es sogar größtenteils füllen. Löst sich ein solches Gerinnsel, kann es mit dem Blut in feinere Gefäße gelangen und diese verschließen – es kommt zu einem Infarkt. Das von dem Gefäß versorgte Gewebe kann absterben. Befindet sich das Aneurysma im Schädel, ist ein Hirninfarkt die Folge, eine Form des Schlaganfalls. Dies geschieht zum Glück nur sehr selten.

Wesentlich größer ist die Gefahr, dass das Aneurysma reißt (Ruptur) – ebenfalls eine Form des Schlaganfalls. Viele Patienten empfinden plötzliche Schmerzen in nie gekannter Heftigkeit. Man spricht auch von Vernichtungskopfschmerz. Hinzu kommen oft Übelkeit und Erbrechen, Sehstörungen sowie eine zunehmende Bewusstseinstrübung bis zur Ohnmacht. Typisch ist auch eine schmerzhafte Nackensteife. Selten ist ein epileptischer Anfall eines der ersten Symptome.

Ist ein Aneurysma gerissen, ist es lebenswichtig, die Blutung rasch zu stoppen. Zur Therapie nützt man heute vor allem zwei Methoden: Man füllt die Erweiterung mit Hilfe eines Katheters mit Platinspiralen (Coils) oder verschließt es mit einem Clip (siehe oben). An der Entscheidung für die richtige Therapie ist stets die Neuroradiologie und Neurochirurgie beteiligt.

Nach einer leichten folgt meist eine schwere Blutung

Doch nicht immer sind die Beschwerden so heftig. Ist die Blutung schwach, kann es nur zu Kopfschmerzen ohne weitere Symptome kommen. Diese verschwinden bald oder gehen in leichte andauernde Kopf- oder Nackenschmerzen über. Doch gerade in so einem Fall ist es wichtig, die Ursache zu erkennen. Denn es besteht ein hohes Risiko einer zweiten, schweren Blutung. Man spricht daher auch von einer „Warnblutung“.

Dr. Sascha Prothmann ist Oberarzt in der Abteilung für Neuroradiologie, Klinikum rechts der Isar in München.

Ein Aneurysma kann ohne erkennbaren Grund reißen. Auslöser ist oft ein Anstieg des Blutdrucks, etwa bei körperlicher Anstrengung. Denn im Bereich des Aneurysmas ist das Gefäß dünn und instabil. Auch bei chronisch erhöhtem Blutdruck und bei Rauchern ist das Risiko erhöht. Nach dem Reißen gelangt Blut zwischen Gehirn und umgebender Hirnhaut in das Nervenwasser. Dieses wird ständig neu gebildet und über Strukturen in der Hirnhaut, den Pacchioni-Granulationen, abgeführt. Bei einer Blutung können diese verkleben. Innerhalb von Stunden bis Wochen kann sich ein „Wasserkopf“ (Hydrocephalus) bilden. Der Druck im Schädel erhöht sich, es kommt zu Kopfschmerzen, Leistungsknick, Schläfrigkeit und Übelkeit, in schweren Fällen sogar zu tiefer Bewusstlosigkeit bis hin zum Atemstillstand. Doch können auch Blutgefäße im Gehirn gereizt oder verengt werden. Im schlimmsten Fall kommt es zum Hirninfarkt.

PD Dr. Holger Poppert ist Oberarzt in der Neurologischen Klinik des Klinikums rechts der Isar.

Besteht der Verdacht auf eine Gehirnblutung, muss sofort eine Aufnahme des Kopfes gemacht werden, am besten mit einem Computertomografen. Innerhalb der ersten zwölf Stunden nach Beginn der Blutung lässt sich diese so fast immer nachweisen. Danach wird es rasch schwieriger. Um sicherzugehen, entnimmt man oft Nervenwasser, das auch das Rückenmark umgibt. Man kann es im Bereich der Lendenwirbel (Lumbalpunktion) fast gefahrlos entnehmen. Doch kommt dies nur bei begründetem Verdacht infrage. Finden sich Spuren von Blut, ist von einer Blutung auszugehen. Die größte diagnostische Sicherheit bietet die „konventionelle Angiografie“, bei der ein Katheter bis in die Hauptstämme der hirnversorgenden Gefäße vorgeschoben wird. Mit Hilfe von Kontrastmitteln lässt sich das Gefäßsystem im Detail abbilden. Eine solche Blutung ist allerdings nur selten die Ursache von Kopfschmerzen. Kommt ein Patient mit derartigen Beschwerden in die Notaufnahme, ist es daher nicht immer leicht zu entscheiden, ob man diese Art der Diagnostik, die auch Nebenwirkungen hat, anwenden soll. Ist ein Aneurysma gerissen, muss der Patient auf der Intensivstation überwacht werden. Das erste Ziel ist es, den Riss zu verschließen. Mit Hilfe von Ultraschall lässt sich überwachen, ob sich ein Gefäß verengt. Dann reicht oft eine Therapie mit Medikamenten aus. Manchmal wird dieses über einen Katheter direkt in das hirnversorgende Gefäß geleitet. In schweren Fällen wird es mit einem Ballonkatheter aufgedehnt.

Auch zur vorbeugenden Therapie nützt man dabei heute vor allem Platinspulen (Coils) oder Clips. Ob man zu einem Eingriff rät und zu welchem, hängt von der Größe, Form und Lage des Aneurysmas ab. Eine Rolle spielen auch Alter und Gesundheitszustand des Patienten sowie Risikofaktoren für Gefäßerkrankungen und ob es in der Familie Hirnblutungen gab.

VON MICHAEL STOFFEL, SASCHA PROTHMANN UND HOLGER POPPERT

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