Infos für Eltern

Keine Panik beim Fieberkrampf

+
Ein Krampfanfall entsteht im Gehirn. Ein Modell davon zeigen Dr. Ingo Borggräfe und Dr. Claudia Nußbaum.

Plötzlich zuckt das Kind am ganzen Körper, verdreht die Augen, reagiert nicht: Für Eltern ist es ein Schock, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter einen Krampfanfall erleiden.

Bei Kleinkindern handelt es sich dabei allerdings oft um einen Fieberkrampf – und der ist fast immer harmlos.

„Nicht schon wieder eine Erkältung“, dachte die Mutter, als sie ihre zweijährige Tochter ins Bett legte. Schon am Nachmittag war das Mädchen gereizt, bei jeder Kleinigkeit kullerten ihr Tränen über die roten Backen. Jetzt lief auch noch ihre Nase, Halsweh hatte die Kleine offenbar auch. Als ihr die Mutter die Hand auf die Stirn legte, fühlte sich die heiß an.

Die Mutter wollte gerade ein Fieberthermometer holen. Da zuckte das Mädchen plötzlich am ganzen Körper. Das Kind verdrehte die Augen, fast war darin nur noch das Weiße zu sehen. Voll Angst rief die Mutter den Namen ihrer Kleinen, packte sie an den Schultern. Doch das Kind reagierte nicht. Sein Gesicht war blass, die Lippen bläulich. Es schien zu ersticken. In Panik rannte die Mutter zum Telefon, tippte mit zitternden Fingern die Nummer des Notrufs.

Fieberkrampf Schock für die Eltern

Erleidet ein Kind einen Fieberkrampf, ist das vor allem für Eltern ein Schock. „Für sie ist so ein Anfall schon sehr beängstigend“, sagt Dr. Claudia Nußbaum, Ärztin am Haunerschen Kinderspital in München. „Die meisten denken, das sei lebensbedrohlich“, bestätigt Dr. Ingo Borggräfe, Oberarzt für Neuropädiatrie und Leiter der Abteilung für Kinderepileptologie des Epilepsiezentrums der LMU. Doch wenn Kleinkinder Fieber haben und einen Krampfanfall erleiden, steckt nur äußerst selten eine Epilepsie dahinter. Sehr oft handelt es sich um einen Fieberkrampf. „Lebensbedrohlich ist ein solcher so gut wie nie“, sagt Borggräfe.

Gerade in den Wintermonaten, wenn besonders viele Kinder erkältet sind, steigt die Zahl der Betroffenen. Fast jeden Tag ist dann unter den kleinen Patienten, die in die Notaufnahme der Kinderklinik gebracht werden, auch einer, der gerade einen Fieberkrampf erlitten hat. Das sind meist Kinder, die wenigstens sechs Monate, aber nicht älter als fünf Jahre sind. Zwei bis fünf Prozent der Kinder in diesem Alter sind von Fieberkrämpfen betroffen. „Der Altersgipfel liegt aber bei 18 Monaten“, sagt Borggräfe.

Ein Notfallmittel hilft bei wiederholten Fieberkrämpfen

Zwar sind Fieberkrämpfe fast immer harmlos. Tritt ein solcher zum ersten Mal auf, sollten Eltern dennoch einen Arzt rufen oder mit ihrem Kind ins nächste Klinikum fahren, rät Borggräfe. Denn eine erhöhte Körpertemperatur ist zwar sehr häufig der Auslöser des Anfalls. Doch kann auch eine andere Ursache dahinterstecken, die mit Fieber einhergeht und schnell behandelt werden muss. So kann etwa auch eine Hirnhautentzündung einen Krampfanfall auslösen.

Meist kann der Arzt eine solche schon anhand der Beschwerden und der Umstände des Anfalls ausschließen. Eine Untersuchung des Nervenwassers, das den Verdacht klären kann, ist daher meist nicht nötig. Sind Kinder aber noch länger nach dem Anfall schläfrig, benommen und reagieren verzögert, wird der Arzt zu einer solchen raten. Auch, wenn Lähmungserscheinungen auftreten oder eine Nackensteife. Ebenso bei Kindern, die unter einem Jahr alt sind. Sie reagierten generell oft anders als Ältere, erklärt Borggräfe.

Entnommen wird das Nervenwasser aus dem Rückenmarkskanal. Der heißt so, weil er das Rückenmark umgibt, das wie das Gehirn von Nervenwasser umspült wird. Der Kanal ist länger als das Rückenmark selbst. Am unteren Ende sei es daher gefahrlos möglich, mit einer Hohlnadel ein paar Tropfen Nervenwasser zu entnehmen, erklärt Nußbaum. Dies geschehe etwa auf der Höhe, auf der auch Schwangeren, die eine schmerzlose Geburt wünschen, eine Periduralanästhesie (PDA) verabreicht wird. Das Nervenwasser wird dann auf Erreger untersucht.

Selten steckt Epilepsie dahinter

Die meisten Eltern fürchten indes vor allem, ihr Kind könnte an Epilepsie erkrankt sein. Doch gerade das ist bei einem Fieberkrampf fast nie die Ursache, beruhigt Borggräfe. In den seltenen Fällen, in denen es einen Hinweis darauf gibt, lässt sich der Verdacht mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) klären. Dabei werden ähnlich wie beim EKG bei einer Herzuntersuchung Elektroden auf dem Kopf aufgesetzt und die Hirnströme aufgezeichnet. Eine Epilepsie zeigt sich dem Arzt dann anhand typischer Kurvenverläufe. Bei den allermeisten Kinder ist ein EEG aber nicht notwendig.

Gibt es weder Hinweise auf eine solche noch auf eine Hirnhautentzündung, dürfen Kinder nach einem Fieberkrampf schnell wieder heim. In der Klinik beschränkt man sich dann vor allem darauf, die Ursache des Fiebers zu finden. Steckt eine bakterielle Infektion, etwa des Mittelohrs, der Atem- oder Harnwege, dahinter, wird diese mit Antibiotika behandelt. Dass es später unter Umständen erneut zu einem Fieberkrampf kommt, lässt sich indes nicht verhindern. Auch nicht mit fiebersenkenden Medikamenten, sagt Borggräfe. Kommt es zu einem Anfall, tritt der nämlich meist schon beim ersten Anstieg der Temperatur auf – zu früh, um überhaupt darauf reagieren zu können. Dennoch werden fiebersenkende Maßnahmen bei einem Infekt empfohlen, um das Wohlbefinden des Kindes zu fördern.

Statt eines Medikaments sind es daher vor allem viele Informationen, die Eltern aus der Klinik mitnehmen. „Die Beratung ist das Wichtigste“, sagt Nußbaum. Denn nach so einem schockierenden Erlebnis haben Eltern viele Fragen. Die Ärzte erklären ihnen dann etwa, wie sie sich richtig verhalten, sollte erneut ein Fieberkrampf auftreten.

Stabile Seitenlage

Dann sollten sie ihr Kind möglichst in die stabile Seitenlage bringen „oder zumindest auf die Seite drehen“, sagt Nußbaum. Eine Sicherheitsmaßnahme, falls es erbricht. Auf keinen Fall sollten Eltern aber versuchen, ihrem Kind etwas zwischen die Zähne zu schieben, so wie sie das vielleicht einmal bei einem Anfall im Fernsehen gesehen haben. Das ist gefährlich, weil sie damit Schäden an den Zähnen anrichten können. Kleinere Gegenstände könnte das Kind gar inhalieren, warnt die Ärztin. Ebenso wenig sollte man versuchen, seinem Kind Flüssigkeit einzuflößen.

Ganz wichtig auch: Gleich zu Beginn des Anfalls sollten Eltern auf die Uhr schauen. Zwar hört er in der Regel nach ein paar Minuten von selbst wieder auf. „Doch eine Minute erscheint da schnell wie eine Ewigkeit“, sagt Nußbaum. Dauert ein Fieberkrampf sehr lang, sollte ein Notarzt den Anfall mit einem Medikament stoppen. Bei wiederholten Fieberkrämpfen kann es sinnvoll sein, ein Notfallmittel zuhause zu haben (Artikel unten). Einen Arzt müssen die Eltern dann nur rufen, wenn der Anfall weiter anhält. Doch sollten sie hinterher immer auch zum Kinderarzt gehen.

Eppner Andrea

Die Experten

Dr. Claudia Nußbaum und Oberarzt und Privatdozent Dr. Ingo Borggräfe sind beide vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Universität München.

Mehr zum Thema:

Warum Fieber bei Kindern einen Krampfanfall auslösen kann

Auch interessant

Meistgelesen

Unglaublich: Das kann passieren, wenn Sie nie frühstücken
Unglaublich: Das kann passieren, wenn Sie nie frühstücken
Studie enthüllt: Viele Deutsche haben das Rauchen satt
Studie enthüllt: Viele Deutsche haben das Rauchen satt
Ist Ihr Zahnputzbecher aus Plastik? Dann werfen Sie ihn schnell weg
Ist Ihr Zahnputzbecher aus Plastik? Dann werfen Sie ihn schnell weg
Hype um Superfood: Ist Kokosöl wirklich so gesund?
Hype um Superfood: Ist Kokosöl wirklich so gesund?

Kommentare