Sucht: Die wachsende Bedrohung im Alter

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Für viele ältere Menschen besteht Suchtgefahr durch Alkohol und Medikamente.

Berlin - Ein Gläschen Wein auch im Heim und ein paar Pillen für die innere Ruhe? Für viele Ältere sind Alkohol und Medikamente keine Hilfe, sondern der Weg ins Elend. Auch Hasch spielt im Alter eine Rolle.

Der Absturz hatte einen jahrelangen Vorlauf. Schon immer trank der Mann regelmäßig, doch erst in der Rente griff er auch tagsüber zum Glas. Bald kamen Antidepressiva hinzu, verschrieben vom Hausarzt. Nach einem Sturz kam er ins Pflegeheim - wo Sucht und Gebrechlichkeit bis zuletzt zunahmen. Das Schicksal ist kein Einzelfall. Ärzte, Pfleger, aber auch die Politik scheinen überfordert.

„Sucht im Alter ist ein großes Problem in Deutschland“, sagt die SPD-Suchtexpertin Angelika Graf. Auf 26 Seiten hat die Bundesregierung Grafs Fragen dazu beantwortet - Ergebnis: Pillen, Alkohol und mittlerweile durchaus auch Cannabis halten viele Senioren im Griff. Wie fest, das liegt im Dunkeln.

Vor der Pflege macht das Problem längst nicht halt. „In den Pflegeeinrichtungen ist die Situation offensichtlich sehr schwierig“, sagt Graf. 80 Prozent der Heime und Pflegedienste betreuen süchtige Menschen. Sieben Prozent der Heimbewohner sind nach Schätzungen medikamentenabhängig. Graf: „Das muss uns aufhorchen lassen.“

Laut Bundesgesundheitsministerium dürfte die Zahl der Älteren mit Alkoholabhängigkeit künftig steigen - wegen der wachsenden Zahl älterer Menschen und wegen des insgesamt gestiegenen Alkoholkonsums der vergangenen Jahrzehnte. Zur Lage heute gibt es gegensätzliche Studien - demnach trinken zwischen 4 und 28 Prozent der älteren Männer riskant viel, bei den Frauen sind es etwas weniger.

„Im Alter ist Abhängigkeit noch schädlicher als in jüngeren Jahren“, betont der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, Raphael Gaßmann. „Der Körper hat Rausch- und Suchtmitteln aufgrund des geringeren Wasseranteils weniger entgegenzusetzen.“ Unsicherer Gang und Sturzrisiko werden mit wachsendem Alter zum größeren Problem.

In Heimen denken laut Gaßmann viele: Warum sollte man Älteren ihren Spaß am Wein nehmen? Doch der Experte mahnt: „In der Regel sind das alte Menschen, die massive Probleme damit haben.“ Er rät zum offensiveren Kampf gegen die Sucht - die Erfolgsquote einer Therapie sei im Alter sogar ein bisschen höher als bei Jüngeren.

Doch wohl noch gravierender als Bier, Wein und Schnaps ist die weite Verbreitung von Beruhigungsmitteln und anderer Pillen in der Generation 60 plus. „Medikamente sind besonders riskant“, sagt Gaßmann. Viele Ältere haben mehrere Krankheiten zugleich - schon die Wechsel- und Nebenwirkungen der entsprechenden Medikamente drücken die Leute nieder. Kommt Sucht nach Psychopharmaka hinzu, wird es richtig gefährlich.

Der Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, Peter Pick, beklagte bei der jüngsten Vorlage des Qualitätsberichtes zur Pflege, „dass zu viele ruhigstellende Mittel in Pflegeeinrichtungen verordnet werden“. Doch Zahlen dazu gibt es nicht. Nun mahnt der Präsident des Deutschen Pflegerats, Andreas Westerfellhaus: „Wenn unsachgemäß Arzneimittel verordnet werden, weil professionelles Personal fehlt, ist das ein großes Desaster.“

Pflegebedürftige würden oft mit 30 unterschiedlichen Tabletten täglich versorgt, so die Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung. „Die Konsequenzen liegen auf der Hand: Unverträglichkeiten, Müdigkeit, Schwindel, Stürze und nicht zuletzt Abhängigkeit.“

Aufhorchen lässt der Anstieg der Cannabis-Konsumenten bei den 50- bis 59-Jährigen von 0,4 auf 1,6 Prozent binnen drei Jahren. Insgesamt dürfte Kiffen im Alter mit dem Altern der 68er zunehmen, vermutet Graf. „Viele haben in der Jugend angefangen und sind damit alt geworden.“ Allerdings gehen beim Rauchen die Zahlen im Alter herunter. „Entweder sind die Menschen vorher daran gestorben oder sie haben aufgehört“, beschreibt Gaßmann die typische Entwicklung. Ein Helmut Schmidt, der im hohen Alter Kette raucht, sei die absolute Ausnahme.

Während Graf der Regierung Untätigkeit und Kompetenzwirrwarr vorwirft, lobt Gaßmann etwa Investitionen in Forschung zum Thema. Er fordert, dass sich die Pflege dem Problem mehr widmet. Und wenn Pfleger mit Sorge den schwächenden Pillenmix bei ihren Klienten beobachten, bekämen sie von den Ärzten, die die Sucht per Rezeptblock befördern, noch viel zu oft die Antwort: „Ich weiß, was ich tue.“

dpa

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