Tabletten-Report: Jede 2. Antibaby-Pille ist riskant

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München - Arzneimittel-Experten schlagen Alarm: Zunehmend werden gesundheitlich bedenkliche Medikamente verschrieben – auch aus Profitgier!

So war 2010 jede zweite verschriebene Antibabypille riskanter als ältere, bewährte Verhütungsmittel. Aber auch Schlafmittel und Psychopharmaka werden laut dem Arzneimittelreport der Barmer GEK von Ärzten oft allzu leichtfertig verordnet. Daten von rund neun Millionen Versicherten hat Studien-Autor Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen repräsentativ ausgewertet. Sein Fazit: „Wir sind bestürzt!“ Wir erklären die Problem­bereiche.

Antibaby-Pille: Fast die Hälfte der 20 am häufigsten verkauften Antibaby-Pillen (siehe Tabelle) ist gesundheitlich bedenklich! Und: Es sind gerade die neu­artigen Pillen, die ein besonders ungünstiges Risiko-Nutzen-Verhältnis haben, so die Studie. Besonders junge Frauen nehmen diese von der Pharmaindustrie stark beworbenen Mittel ein. Die modernen Präparate wie Yasmin/Yasminelle, Lamuna oder der Vaginalring Nuvaring mit neuartigen Gestagenen (also Schwangerschaftshormonen) lösen doppelt so oft Gefäßverschlüsse aus wie die herkömmlichen, älteren Antibabypillen mit dem Hormon Levonorgestrel. Während es bei den älteren Präparaten jährlich nur bei 15 bis 20 von 100 000 Frauen zu gefährlichen Thrombosen kommt, gibt es bei den neueren Wirkstoffen 30 bis 40 Fälle solcher Gefäßverschlüsse. Aber warum werden diese riskanten Pillen dann überhaupt verschrieben? Ein Barmer-Sprecher erklärt das gegenüber der tz mit „ökonomischen Gründen“: Die Patente für die älteren Medikamente laufen aus, was für die Hersteller einen Preisverfall bedeutet. Bei neuen Präparaten lasse sich hingegen für die Pharmakonzerne deutlich mehr Gewinn machen. Die Autoren der Studie resümieren: „Ärztinnen und Ärzte sollten nicht den Werbeaktionen und dem Marketinggeklingel pharmazeutischer Unternehmer folgen – allen voran die Bayer AG –, sondern der Frau gut verträgliche und bewährte Mittel ohne neue Risiken anbieten.“ Arzneimittelexperte Glaeseke rät Frauen, mit ihren Ärzten über einen möglichen Umstieg bei ihrer Pille zu reden. Keinesfalls sollten die Frauen aber plötzlich mit der Einnahme des Verhütungsmittels aufhören, warnt der Wissenschaftler. 

Schlaftabletten für Alkoholkranke: Obwohl seit Jahren bekannt ist, dass Arzneimittel, die abhängig machen können, nicht an Süchtige verschrieben werden sollen, wird das von Ärzten häufig missachtet. Hunderttausende Alkoholabhängige erhalten laut Arzneimittelreport starke Schlafmittel, die zusätzlich süchtig machen. „Das ist ein Kunstfehler, Abhängigen Benzodiazepin zu verordnen“, kritisierte Glaes­ke. Zwischen 13 und 14 Prozent der rund 1,6 Millionen Alkoholabhängigen bekämen solche Mittel. Die negativen Folgen seien „bekannt, aber dennoch wird es gemacht“.

Aber auch älteren Menschen würden allzu leichtfertig langwirksame Schlafmittel wie z.B. Flunitrazepam-Generika oder Radedorm verschrieben, die noch am nächsten Morgen nachwirken und insbesondere bei Senioren zu Stürzen und schlecht heilenden Knochenbrüchen führen können.

Beruhigungspillen für Demenzkranke: Altersverwirrte in Pflegeheimen werden mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln ruhiggestellt, weil es an Pflegekräften fehle, so Glaeske. Neuroleptika, die eigentlich zur Behandlung von Psychosen dienen, würden „mehr und mehr in Bereichen eingesetzt, wo sie nicht indiziert sind“, kritisiert der Experte. Etwa jeder dritte Demenzkranke bekomme diese Psychopharmaka-Hämmer, obwohl damit das Risiko eines vorzeitigen Todes steigt. Dies sei eine „Entwicklung, die mit einer Menschenwürde und einer vernünftigen Patientenversorgung nicht in Verbindung zu bringen ist“, so der Fachmann. Gäbe es eine bessere Pflege, könnte die Medikamentenabgabe um 20 bis 30 Prozent verringert werden.

„Das Problem wird sich verschärfen“, warnte der Forscher angesichts der stark steigenden Zahl von Dementen und des Mangels an Pflegepersonal. Eugen Brysch, der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung erklärte, die Ergebnissen des Arznei-Reports „zeigen deutlich, unter welcher eklatanten Fehlversorgung dementiell erkrankte Menschen leiden“.

KR. (tz)

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