Zwei Millionen Kilometer mehr Bons

Kassenbon-Pflicht: 2020 droht der absolute Zettel-Irrsinn - jetzt mischt sich der Wirtschaftsminister ein

Deutschland droht 2020 der Zettel-Irrsinn: Die Pflicht zum Kassenbon soll gegen Steuerbetrug helfen. Der Einzelhandel fürchtet allerdings immense Probleme mit der Umstellung.

  • Mit der Kassenbon-Pflicht soll in Deutschland gegen Steuerbetrug vorgegangen werden.
  • Allerdings fürchtet der Einzelhandel den Aufwand und die Kosten zur Umstellung.
  • Die Neuerung soll 2020 in Kraft treten.

Update vom 14. Dezmeber 2019: Die ab dem Jahreswechsel geltende Kassenbon-Pflicht im Einzelhandel sorgt kurz vor ihrer Einführung für ordentlich politischen Wirbel

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) warnte vor „Milliarden zusätzlicher Bons“ und forderte, die sogenannte Belegausgabepflicht „komplett abzuschaffen“.

Die SPD-Bundestagsfraktion verteidigte die Regelung hingegen als verhältnismäßiges Mittel im Kampf gegen Steuersünder.

Dass künftig allen Kunden ein Beleg angeboten werden muss, hatte zuletzt aber nicht nur zu wachsenden Umweltbedenken wegen der oft auf spezielles Thermopapier gedruckten Bons geführt, sondern auch zu Warnungen vor einem massiven bürokratischen Aufwand für Betriebe.

Kassenbon-Pflicht: 2020 droht der absolute Zettel-Irrsinn - jetzt mischt sich der Wirtschaftsminister ein

Dem schloss sich auch Wirtschaftsminister Altmaier an. In einem Brief an Finanzminister Olaf Scholz (SPD), der AFP am Samstag vorlag und über den zunächst die Bild-Zeitung berichtet hatte, warnte der CDU-Politiker, allein die Supermarktkette Rewe rechne mit einer Steigerung des „Papiereinsatzes an ihren Kassen von 40 Prozent oder rund 140.000 Kilometern zusätzlicher Kassenbons im Jahr“.

„Im gesamten Handel werden Milliarden zusätzlicher Bons gedruckt und in den allermeisten Fällen direkt im Müll landen“, kritisierte Altmaier. Da der Handel seine Kassen bis September 2020 auf manipulationssichere Systeme umrüsten müsse, sei die Bon-Pflicht mit Blick auf die Vermeidung von Steuerbetrug zudem „nicht plausibel“.

„Wir sollten daher als Bundesregierung handeln mit dem Ziel, die Belegausgabepflicht komplett abzuschaffen“, forderte der Wirtschaftsminister. Als erster Schritt sollten alle bestehenden Möglichkeiten genutzt werden, um „in möglichst vielen Fällen“ einen Verzicht auf die Pflicht zu erreichen; darauf, dass für Ausnahmen eine sachliche oder persönliche Härte bestehen müsse, solle verzichtet werden.

Kassenbon-Pflicht: 2020 droht in Deutschland der absolute Zettel-Irrsinn - Einzelhandel befürchtet Desaster

Erstmeldung: Berlin - Italien-Urlauber kennen diese Situation: Selbst bei dem kleinsten Einkauf wird einem in dem Land ein Kassenzettel gereicht. Das ist Pflicht und sorgte bei Deutschen bislang teils für Kopfschütteln. Doch genau auf diese Situation müssen wir uns nun wohl auch in Deutschland einstellen - mit möglicherweise desaströsen Folgen für den Einzelhandel.

Einen enormen bürokratischen Aufwand und erhebliche Kosten befürchtet der deutsche Einzelhandel durch eine neue Pflicht zum Kassenbon. „Im Einzelhandel in Deutschland rechnen wir mit mehr als zwei Millionen Kilometern zusätzlicher Länge an Kassenbons im Jahr“, sagte der Steuerexperte des Handelsverband Deutschland (HDE), Ralph Brügelmann. Die Anzahl und Länge der auszugebenden Kassenzettel werde spürbar zunehmen. Besonders stark betroffen seien Unternehmen, die viele günstige Artikel verkaufen. Über das Thema hatte zuvor die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtet.

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Kassenbon-Pflicht in Deutschland: Umstellung der Kassen kostet viel Geld

Die Kassenbon-Pflicht ist Teil der Kassensicherungsverordnung, die Steuerbetrug an der Ladenkasse verhindern soll. Demnach sollen Kassen durch eine technische Sicherheitseinrichtung (TSE) fälschungssicher werden. Ursprünglich sollten alle Kassen bis zum Jahresbeginn 2020 die neuen Vorschriften erfüllen, das Finanzministerium räumte nun Zeit bis Ende September ein. Der HDE kritisierte, die benötigte Technik sei noch nicht am Markt verfügbar und die Umstellung kostspielig. „Erste grobe Kostenschätzungen liegen einschließlich Installation zwischen 300 und 500 Euro pro Kasse.“

Laut Brügelmann könne die Umstellung der Kassen Steuerbetrug zwar eindämmen, die Beleg-Pflicht trage aber nicht dazu bei. „Denn mit dem ersten Tastendruck beim Kassieren wird eine Transaktion eröffnet, die sich bei einer mit einer TSE ausgerüsteten Kasse nicht mehr ohne Spuren löschen lässt. Ob dann der Kunde einen Beleg bekommt oder nicht, ist unerheblich.“ Und: Der Umwelt-Aspekt der Kassenbon-Pflicht ist dabei noch nicht einmal berücksichtigt. Ein Bäcker zeigte nun mit einem Foto welcher Irrsinn 2020 auf uns zukommen könnte.

Im Anschluss stellt sich die Frage: Wohin mit dem Kassenzettel? Verbraucherschützer warnen davor den Kassenbon im Geldbeutel aufzuheben.

Gegen die Kassenzettel-Änderung gibt es breiten Protest, unter anderem von den Bäckern in Niedersachsen, wie kreizeitung.de* berichtet.

dpa/rjs

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Rubriklistenbild: © dpa / Jens Kalaene

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