Frau erfährt die Donau mit dem Rad

2700 Kilometer, acht Länder, ein Fluss

Dass man über Länder wie Serbien, Bulgarien oder Rumänien so viel Negatives hört und liest, das hat Ute Ritter immer schon gestört. Sie wollte im wahrsten Sinne des Wortes ihre eigenen Erfahrungen machen und ist deshalb mit dem Rad dem Verlauf der Donau von der Quelle in Deutschland bis zur Mündung ins Schwarze Meer gefolgt.

Ein alter Wunsch, erste Planung

Es war ein lange gehegter Wunsch, die Donau von der Quelle zur Mündung zu radeln. Letztes Jahr habe ich ihn mir erfüllt. Gutes Kartenmaterial, das ist die Basis der Vorbereitung. Dann: Vorräte einkaufen, die Campingausrüstung überprüfen, besonders den Benzinkocher. Morgens ohne heißen Kaffee, das geht gar nicht! Benzin bekommt man überall und so ist dieser, manchmal etwas bockige Reisebegleiter ideal für längere Touren.

Traumstart, das Wetter passt

Es geht los: Von Donaueschingen bis Wien, das ist Genussradeln. Der Weg ist gut ausgebaut und beschildert, Übernachtung – kein Problem. Das Wetter – wir haben Glück, Regen erst gegen Abend, dann aber mächtig und fast jeden Tag ein Gewitter. Die Zelte halten auch einen Platzregen aus. Es ist gemütlich, wenn der Regen aufs Dach tröpfelt und man trocken und warm im Schlafsack liegt.

Erste Wehwehchen tauchen auf

Die Landschaft ist wunderschön und wir kommen gut voran. Aber der Hintern tut weh, und erst das Steißbein, der Rücken, die Waden und das rechte Knie, obwohl ich es mit Salben und Bandagen verhätschle. Aber nach ein paar Tagen bin ich eingefahren. Das Wetter wird auch besser, wir genießen die herrliche, abwechslungsreiche Landschaft. In der Wachau versacken wir in den Buschenschänken bei Most und Speckbrot. Bis Wien begegnen wir vielen Radfahrern, mit so großen Packtaschen beladen wie wir sind nur wenige.

Im Dschungel der Großstadt

Budapest: sichtlich entnervt studieren wir den Stadtplan, es ist schon dunkel. Wo ist der nächste Campingplatz? Zwei junge Leute beobachten uns, ohne lange Erklärung schwingen sie sich auf ihre Räder, führen uns eine halbe Stunde Zickzack durch die Stadt zum Minicamping. Drücken, gute Reise, danke, viel Glück! Im Dunkeln bauen wir die Zelte auf. Ich brauche jetzt ein Bier!

Am nächsten Tag quälen wir uns durch die verkehrsreichen Straßen, gejagt von Bussen und wütend hupenden Autofahrern. Plötzlich steht vor uns abfahrtbereit ein Triebwagen der Stadtbahn. Der Schaffner winkt uns einzusteigen. Nach einer halben Stunde ist Endstation. Der Bahner grüßt freundlich und geht. Das bereitgehaltene Fahrgeld werden wir einfach nicht los.

Jetzt beginnt das Abenteuer

Nach Budapest beginnt das eigentliche Abenteuer. Noch runde 1600 Kilometer bis ans Schwarze Meer. Der Name der Donau ändert sich, Duna, Dunav, Dunarea wird sie nun genannt. Die Campingplätze werden seltener. Bis zum Horizont leuchtet das Gelb der riesigen Sonnenblumenfelder, Radfahrer trifft man keine mehr. Hajos in Südungarn ist eine architektonische Einzigartigkeit, das größte Weinkellerdorf Europas,. Es besteht aus 1200 Weinkellern und Presshäusern. Das müssen wir uns anschauen.

Die Donau versteckt sich

165 Kilometer durch Nordkroatien, teilweise fahren wir über verkehrsreiche Straßen. Die Donau ist nur selten zu sehen. Wir übernachten in einer Pension.

Nächte mit der Angst

Die serbische Grenze passieren wir ohne Schwierigkeiten. Zeltplätze gibt es jetzt fast gar nicht mehr. Ab 17 Uhr halten wir Ausschau nach einer Biwakstelle. Ich gebe zu, ich habe manche Nacht kein Auge zugemacht. Aber mit der Zeit gewöhne ich mich an das wilde Campen und finde es sogar aufregend und romantisch.

Tage mit viel Freundschaft

In Serbien haben wir viele herzlicheBegegnungen. Serben haben oft in Deutschland gearbeitet und wollen uns unbedingt zu einem Kaffee oder einem Selbstgebrannten einladen. Die Großstädte Novi Sad und Belgrad halten zwar viele Sehenswürdigkeiten bereit, aber der Verkehr ist für Radfahrer so belastend, dass man gar keine Muße dafür hat. Ärgerlich sind auch die wilden Müllhalden und die streunenden Hunde.

Der Durchbruch

Die Autorin: Ute Ritter ist 69 Jahre alt, verwitwet, Rentnerin, wohnhaft in Thüringen. 40 Jahre hat sie als Grundschullehrerin gearbeitet, hat zwei erwachsene Kinder, drei Enkel und auch mehr als 20 Jahre nach der Wende immer noch einen unstillbaren Hunger danach, die Welt zu entdecken, vor allem auf touristisch noch nicht ausgetretenen Pfaden. Mit Fahrrad und Zelt fuhr sie durch die Niederlande, Dänemark, Schweden, Norwegen und Irland, erst mit ihrem Mann, dann nach seinem plötzlichen Tod allein oder mit Freunden. Entlang der Donau war sie 60 Tage unterwegs.

Wieder raus aufs Land. Fluchend schiebe ich bei glühender Hitze mein mit 38 Kilo beladenes Fahrrad den Berg hinauf, die Sonne brennt. Grandiose Fernblicke entschädigen. Der Donaudurchbruch: ein gigantischer Fluss, der durch eine 200-Meter-Lücke muss, umschlossen von steilen Felswänden, danach wieder zum See wird. Wir müssen durch 21 unterschiedlich lange unbeleuchtete Tunnel fahren, ohne Standstreifen zum Ausweichen. Zum Glück verirren sich nur wenige Autos in die Röhren. Kurz vor der bulgarischen Grenze wieder mal ein Gewitter. Es wird schon dunkel und zu spät, einen Biwakplatz zu suchen. Also fahren wir nach Rogljevo. Auf der Karte ist eine Pension eingetragen. Wir fragen am Dorfladen, wo die Männer ihr Feierabendbier trinken und uns neugierig mustern .Woher – wohin – aus Deutschland – wie schön! Die Pension hat kein Schild, die Besitzerin ist nicht da. Also werden wir zum Nachbarn verfrachtet und mit Kaffee versorgt. Nach einigen Telefonaten erscheint die Chefin. Mal wieder im Bett schlafen, duschen, Wäsche waschen. Morgens vor der Abreise steckt uns die Wirtin ein Paket mit selbstgebackenem Kuchen zu.

Seitenwechsel

Kurze Ausweiskontrolle an der bulgarischen Grenze. Ab und zu zuckelt auf der Straße ein Pferdefuhrwerk an uns vorbei. Nach 30 Kilometer nimmt der Verkehr zu. Uff, wo kommt bloß der Berg schon wieder her? Eine endlose Wiederholung von kleinen aber ermüdenden Steigungen und das bei dieser schrecklichen Hitze! Wenn wir einkehren, erhalten wir gutes Essen für beschämend wenig Geld.

Irgendwann wechseln wir auf die rumänische Seite der Donau. Wildcampen ist wieder angesagt. Die Landstraßen teilen wir mit Esel- und Pferdekarren, klapprigen Autos, Hunden, Gänsen, Enten.

Vor einem Haus formen Dörfler graue Lehmziegel. Männer sitzen auf Plastikstühlen vor dem schäbigen Dorfladen und trinken ihr Morgenbier. Freundlich werden wir gegrüßt. „Drum bum!“ (gute Reise) rufen sie uns hinterher. Wir kaufen auf der Straße Melonen und bekommen Tomaten und Pflaumen geschenkt.

Die hüglige Landschaft begleitet uns weiter. Dörfer und Städtchen wirken jetzt gepflegter, die Autos teurer, Pferdefuhrwerke werden seltener. Das „ drum bum“ hören wir kaum noch.

Wir entscheiden uns, über Constanta zu fahren. Endlich mal ein bewachter Campingplatz! Zwei Tage baden und faulenzen, der Kocher bleibt kalt. Kaffeeplausch mit zwei Schweizer Radlern.

Noch 200 Kilometer bis Tulcea, es wird noch mal hügelig, die Straßen sind teilweise holprig, mit wenig Autoverkehr. Am Straßenrand sonnt sich eine Schildkröte.

Tulcea, weiter kann man nicht fahren, denn jetzt beginnt das größte Feuchtgebiet Europas mit Schilfinseln und Binnenseen, Lagunen, Kanälen und Sümpfen, die faszinierende Landschaft des Donaudeltas.

Endspurt und Rückkehr

Bis zum Kilometer 0 der Donau sind es noch 70 Kilometer. In Sulina fließt die Donau ins Schwarze Meer. Die Stadt kann man nur mit dem Boot erreichen. Mit einem Ausflugsschiff fahren wir von Tulcea dreieinhalb Stunden bis zur eigentlichen Mündung der Donau. „Sie haben Ihr Ziel erreicht“, würde mein Navi sagen. Ein großartiges Gefühl! An jedem dieser 60 Tage konnte ich mir mindestens einmal sagen, wie gut es mir geht. Es ist einfach irre, dass wir all das ohne Pannen und ohne Zwischenfälle sehen und erleben durften.

Die Rückfahrt mit dem Zug dauert zwei Tage. Sind wir das wirklich alles mit dem Fahrrad gefahren?

DIE REISE-INFOS

PLANEN/LESEN: Vom Verlag Elsterbauer gibt es gutes Kartenmaterial, so hält sich der Aufwand zur Vorbereitung der Tour in Grenzen. Die Radtourenkarten bikeline bieten präzise Karten und Streckenbeschreibungen bis ans Schwarze Meer. Nach Budapest stimmen aber immer wieder die Angaben für Übernachtung, Zeltplätze, u. a. nicht mehr – das Abenteuer beginnt.

AUSRÜSTUNG: Unbedingt beachten: gute Bereifung, Empfehlung: unplattbare Reifen – z.B. Schwalbe Marathon Plus. Wir hatten nicht eine Panne!

DER FLUSS: Die Donau ist nach der Wolga mit 2857 Kilometern der zweitlängste Fluss in Europa. Ihre Quellflüsse sind Brigach und Breg, die in Donaueschingen zusammenfließen. Bei Sulina mündet sie in einem weiten Flussdelta ins Schwarze Meer.

DER RADWEG: Länge des Donauradweges: 2700 Kilometer bis 2900 je nach Streckenplanung. Bis Wien ist die Strecke sehr gut ausgebaut, es gibt Radwege oder verkehrsarme Straßen. Bis Budapest ist er als einer der schönsten Radwege bekannt, man trifft viele Radfahrer, Übernachtung kein Problem, auch mit Kindern gut machbar. In Ungarn und der Slowakei kann man teilweise auch Dammwege fahren. In Serbien, Bulgarien und Rumänien fährt man auf gut asphaltierten Bundes- oder Landstraßen.

ÜBERNACHTEN: Zelt ist angebracht, weil man dann nicht nervenaufreibend Übernachtungsmöglichkeiten suchen muss, das ist besonders in Rumänien schwierig. Man kann natürlich auch vorreservieren, ist dann aber an eine Zeitschiene gebunden, die durch Unvorhersehbarkeiten vielleicht nicht eingehalten werden kann.

VERPFLEGUNG: Wichtig ist, immer an genügend Wasservorrat zu denken! Verpflegung ist kein Problem, jeder kleine Ort hat einen Laden. Der Benzinkocher hat gute Dienste geleistet.

REISEZEIT: Juli und August sind wegen der großen Hitze in den südlichen Ländern nicht zu empfehlen.

SICHERHEIT: Ein subjektives Thema. Ich hatte erst Angst, durch Rumänien zu fahren, aber viele freundliche Begegnungen revidierten meine Bedenken. Zum Übernachten haben wir uns trotzdem immer einen nicht einsehbaren Platz gesucht.

REISETYP: Wer sich traut und als Radfahrer eine besondere Herausforderung sucht, findet beeindruckende Naturschönheiten, bewegte Geschichte und Abenteuer.

KONDITION: Richtig anstrengend ist die Strecke am Eisernen Tor – der Donaudurchbruch, aber die grandiose Aussicht entschädigt. Ich habe mein Rad öfter entnervt geschoben und deprimiert registriert, dass eine Gruppe junger Schotten munter vorbeiradelten. Bin nämlich auch nur durchschnittlich trainiert. Manchmal dachte ich: „Warum tust du dir das an?“

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