Busengrapscher und Bierbrauer

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Winterweiße Dächer in Goslar - im Mittelalter hieß die Stadt das "nordische Rom". Auf kleinem Raum standen dort fast vier Dutzend Kirchen, Klöster und Kapellen.

Im Mittelalter ist Goslar durch den Silberbergbau reich geworden. Der Kaiser ließ sich eine Pfalz bauen, und viele reiche Bürger schöne Fachwerkhäuser. Davon ist immer noch viel zu sehen.

Goslar zählte zu den wichtigsten Kaiserstädten des Mittelalters - aber auch das Bürgertum zeigte sich selbstbewusst, wie sich am Rathaus heute noch zeigen lässt.

Gut, dass man im Winter nicht so lange anstehen muss, um sich endlich vor einem der am prächtigsten ausgemalten Räume Deutschlands krümmen zu dürfen. Und die spätgotische Farbenfreude auch ein wenig länger genießen darf auf dem umglasten Balkon, der gerade mal für eine Person Platz hat. Lange hält jedoch keiner die gebückte Stellung auf dem Steg aus, der in den Goslarer Huldigungssaal hineinragt und die Kunstwerke vor der Atemluft der Besucher schützt. Schade, denn die Nachbildung der Kunstwerke im Nebenraum ist leider ein sehr grober Abklatsch des Originals.

Wände, Decke, selbst die Fensternischen sind vollständig mit Tafelbildern ausgekleidet. Rankenschnitzwerk gibt den farbenfrohen Bildern Tiefe: ein Gemisch aus biblischen Motiven, jeder Menge schöner Sybillen und stolzer Honoratioren der freien Reichsstadt. Das Kleinod mittelalterlicher Raumkunst wurde 1520 als Ratssitzungssaal eingerichtet.

Dukatenmännlein treibt Schulden ein

Dem Rathaus schräg gegenüber leuchtet rot am Marktplatz das Haus Kaiserworth mit den Kaiserfiguren an der Fassade. Das einstige Gildehaus der Fernkaufleute, die ihre Waren über die Salzstraße und den Hellweg schickten, ist mittlerweile ein Hotel, an dessen Ecke noch heute eine Figur dem Betrachter ganz frech den nackten Allerwertesten zeigt. Es ist das Dukatenmännlein, von dem man sagt, es solle daran erinnern, dass säumige Schuldner einst mit nacktem Gesäß auf einem Stein gestumpt wurden. Andere sehen darin aber den Traum vom Geld im Überfluss in Stein gemeißelt.

Dem Rathaus schräg gegenüber leuchtet rot am Marktplatz das Haus Kaiserworth mit den Kaiserfiguren an der Fassade - das einstige Gildehaus der Fernkaufleute ist mittlerweile ein Hotel.

Im Mittelalter war die Hansestadt am Nordausläufer des Harzes diesem Traum jedenfalls ganz nah. Sie verdankte ihren Reichtum dem Rammelsberg, von dem Archäologen sicher sind, dass die Menschen schon vor 2000 Jahren die Metalle zum Herstellen von Bronze aus ihm gewannen. Doch erst vor 1000 Jahren blühte die Stadt mit dem Silber- und Erzbergbau wirtschaftlich auf. Goslar zählte zu den wichtigsten Kaiserstädten des Mittelalters - auch weil weil Heinrich II. hier Hoftage und Synoden abhielt.

Zeitgenossen nannten die Stadt das „nordische Rom“. Immerhin standen hier auf kleinem Raum 47 Kirchen, Klöster und Kapellen. Die romanische Kaiserpfalz, deren Reste 1868 restauriert wurden, steht stellvertretend für die Bedeutung der Stadt im Heiligen Römischen Reich. Auf dem Weg vom Rathaus zur Kaiserpfalz am Fuß des Rammelsbergs und oberhalb geduckter Bergmannshäuser kann man sich im Großen Heiligen Kreuz dank moderner Fußbodenheizung wieder gut aufwärmen. In diesem Hospiz fanden Bedürftige, Gebrechliche und Waisen, aber auch Pilger und andere Durchreisende ab 1254 ein enges Nachtlager und etwas zu essen.

Enge Gassen und viel Fachwerk - in Goslar erinnert noch viel ans Mittelalter. Damals blühte die Hansestadt am Nordausläufer des Harzes durch den nahen Silber- und Erzbergbau auf.

Bis vor 30 Jahren lebten noch ältere Goslarer in den winzigen Pfündnerstübchen, die erst im Barock mit Türen von der Diele abgetrennt wurden. Heute verkaufen Kunsthandwerker hier den Touristen ihre Unikate. Ungleich größere Unikate sind über die ganze Stadt verteilt. Hinter der Kaiserpfalz fristet bescheiden der Goslarer Krieger von Henry Moore sein Dasein. Moore war der erste Träger des Kunstpreisens Kaiserring, der alle zwei Jahre verliehen wird.

Deutlich mehr beachtet wird das Paar von Fernando Botero vor der romanischen Neuwerkskirche und der alten Stadtmauer. Eine Brust der Bronzefrau ist schon ganz blank - von den vielen touristischen Busengrapschern. An prominenter Stelle steht einer der letzten Erz-Förderwagen im Bergbaumuseum, den Christo und Jeanne-Claude anlässlich der Schließung des Bergwerkes Rammelsberg 1988 verhüllt haben. Er ist eine Leihgabe des Mönchehaus Museums, das mit seiner Sammlung zahlreicher Werke international bekannter Künstler selbst einen Besuch lohnt.

Zeitgenossen nannten die Stadt das „nordische Rom

Die Kaiserpfalz im Winter - im Mittelalter zählte Goslar zu den wichtigsten Kaiserstädten, Heinrich II. hielt hier Hoftage und Synoden ab.

Ein Spaziergang durch die gewundenen Gassen, die durch mittelalterliche Fachwerkhäuser mit aufwendigen Schnitzereien und viel Schiefer führen, der ebenfalls im Harz abgebaut wurde, dauert nicht länger als zwei Stunden. Allerdings ohne ins Stammhaus der Industriellenfamilie Siemens von 1693 einzukehren oder das Bergwerksmuseum zu besuchen. Der Kaufmann und Ratsherr Hans Siemens verstand sich gut aufs Brauen des Gose-Bieres, eines Würzgebräus, das man heute wieder in einer urigen Gaststätte vor dem Rathaus kosten kann - viele überzeugte Pilstrinker finden den Geschmack allerdings gewöhnungsbedürftig.

dpa

DIE REISE-INFOS ZU GOSLAR

MEHR INFOS unter www.goslar.de und www.moenchehaus.de

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