Jerusalem des Nordens

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Geschlossene Gesellschaft: Antwerpens Juden leben streng traditionell und scheuen den Kontakt zur Außenwelt.

Nach Antwerpen kommt man wegen seiner Maler, wegen Rubens und Brueghel, oder wegen der Edelsteine. Die belgische Stadt an der Schelde gilt als das europäische Zentrum des Diamantenhandels.

Jüdisches Leben in vielen Straßen und Geschäften: In Antwerpen leben heute rund 20 000 Juden.

Oder aber man kommt wegen Menschen wie dem Rabbi Abraham, die Antwerpen zu einer ganz eigenständigen Kultur verholfen haben – und zu dem Beinamen „Jerusalem des Nordens“. „Wenn Se wolln, dann erzähl’ ich Ihnen noch einen“, strahlt der Rabbi, „noch einen von den dreitausend Judenwitzen, die ich besitze“ (und, nebenbei gesagt, es gibt mehr jüdische Judenwitze als Sand am Meer). Nicht dass der Rabbi ein unseriöser Mensch wäre, ganz im Gegenteil – er kann nur in seinem Redefluss mit der Leichtigkeit eines Gebirgsbachs von Thema zu Thema springen, von der Schöpfungsgeschichte über die symbolische Bedeutung der Ecken des Davidsterns (und davon gibt es, glaubt man dem Rabbi, so viele wie Sand am Meer) zu einem mit erstaunlicher Stimme vorgetragenen, tief anrührenden liturgischen Gesang.

Antwerpen ist Belgiens große Unbekannte.

Und dabei ist Abraham Malinsky, Rabbiner der Hauptsynagoge von Antwerpen, geboren 1929, so jung wie sich unsereiner jemals zu sein wünschte. Warum Antwerpen? Die belgische Hafenstadt an der Schelde gilt als das Jerusalem des Nordens. Rund 20 000 orthodoxe Juden leben hier – historische Folge der religiösen Toleranz in Belgien und den angrenzenden Niederlanden, während anderswo in Europa Juden verfolgt und vertrieben wurden. Die jüdische Gemeinde in Antwerpen ist zwar vielfältig, weil durch internationalen Zuzug gemischt – aber man bleibt unter sich. Neuerungen finden anderswo statt. Eine Frau als Rabbiner, wie man sie in Gemeinden anderswo in der Welt längst kennt? – „Kein Thema“, winkt Rabbi Malinsky ab. Sein Sohn Aaron, Professor an der Universität Antwerpen und Rabbiner im deutschen Gelsenkirchen, mag über eine mögliche Ehe seiner Kinder mit Nicht-Juden nicht einmal nachdenken: „Das kommt nicht vor. Wo sollten sie sich kennenlernen?“ Die Kinder besuchen eine der elf jüdischen Schulen im Viertel wie etwa die zionistische Tachkemony School. Auf den ersten Blick eine ganz normale, moderne Schule mit hellen Räumen, wenn man von den strengen Sicherheitsmaßnahmen mal absieht. Hier lernen die Kinder Mathe, Musik und Physik wie anderswo auch – und das Judentum. Der Kontakt nach Israel wird durch Reisen gepflegt, der Kontakt zur nicht-jüdischen Mitwelt kaum. Von Klein auf sind die Kinder hier unter Ihresgleichen, im übrigen bleibt man in der Familie. Und da herrschen strenge Regeln, die das Leben bis ins kleinste Detail festschreiben (und, nebenbei gesagt, zahlreich sind wie der Sand am Meer). Sogar die Reihenfolge beim Anziehen und Zuschnüren der Schuhe ist festgelegt. Koscheres Essen ist selbstverständlich.

Das Rubenshaus in Antwerpen.

Die Kleiderordnung ist streng, vor allem für Männer. Sie tragen immer Schwarz, Gehröcke, Krempenhüte, dazu die Schläfenlocken und Gebetsriemen. Schon die kleinen Buben sehen aus wie Miniaturen ihrer Großväter. Nichts soll sich verändern. Deshalb, um fremde Einflüsse fernzuhalten, haben die meisten orthodoxen Familien auch keinen Fernseher. Man bleibt soweit als möglich im „Joodse Buurt“, dem jüdischen Viertel, wo man in koscheren Läden einkaufen kann – etwa in der traditionsreichen Bäckerei Kleinblatt, wo es vorzüglichen Käsekuchen gibt oder das jüdische Brot, die „Matze“ (schmeckt allerdings, nebenbei gesagt, wie Sand am Meer). Und man verbringt vielleicht seinen Lebensabend im Altersheim Apfelbaum- Laub, wo alles fürs jüdische Wohlbefinden getan wird. Wer nicht mehr Treppensteigen kann, der kann am Sabbath (wo kein elektrischer Schalter bedient werden darf) trotzdem mit dem Lift fahren: Der wird dann auf Sabbath- Schaltung gestellt und fährt pausenlos mit automatischem Halt auf der Etage. Es ist eine fast mittelalterliche, streng abgeschottete Welt, in der ortodoxe Juden mitten im modernen und weltoffenen Antwerpen leben. Man wohnt in guter Nachbarschaft mit den nicht-jüdischen Gojim, aber man pflegt seine eigenen Geschichten, Gesetze und Geheimnisse. Und davon gibt’s, nebenbei gesagt, mehr als Sand am Meer…

Rolf May

DIE REISE-INFOS ZU ANTWERPTEN

Belgien Antwerpen

REISEZIEL Antwerpen liegt in der belgischen Region Flandern, nahe der Grenze zu den Niederlanden. Die Stadt hat knapp 500 000 Einwohner. Von Antwerpen bis zur Mündung der Schlede in die Nordsee sind es zirka 90 Kilometer. Der Hafen von Antwerpen ist nach Rotterdam der zweitgrößte Europas. ANREISE Brussels Airlines fliegt täglich von München nach Brüssel (ab ca. 200 Euro für den Hin- und Rückflug), von dort ca. 40 Minuten mit dem Bus bis Hauptbahnhof Antwerpen.

WELCHER REISETYP Für kulturhistorisch Interessierte mit Neugierde auf jüdische Kultur und Entdeckungen, die nicht auf den ersten Blick ins Auge springen. WOHNEN Falls Sie richtig „jüdisch“ wohnen wollen: Das Carlton Hotel hat eine eigene jüdische Etage mit eigens für die Schabbat-Regeln eingerichteter elektrischer Schaltung. Adresse: Quinten Matsyslei 25, Tel. 0032/3/231 15 15, im Internet: www.carltonhotel-antwerp.com, DZ ab 105 Euro.

ESSEN Koscher essen ist keine Frage der Rezepte oder Geschmacksrichtungen, sondern der Zubereitung. Ein paar gute Beispiele: Jüdisches Restaurant und Catering „Hoffy’s“ (Lange Kievitstraat 52), mediterrane koschere Küche im „LamaLo“, (Appelmanstraat 21), chinesische koschere Küche im „Blue Lagoon“ (Lange Herentalsestraat 70). Jüdisches Gebäck gibt’s bei der Bäckerei Kleinblatt, Provinciestraat 206.

STÄDTETOUR Am besten wendet man sich für eine Führung durch das Judenviertel von Antwerpen direkt an den Direktor der Jüdischen Gemeinde „Shomre Hadas“, Jacky Wenger. Adresse: Israelitische Gemeente Antwerpen, Terlitstraat 35, Tel. 0032/3/232 01 87, EMail: info@shomre-hadas.be

WEITERE INFOS über das Fremdenverkehrsamt von Flandern in Köln, Tel. 0221/27 75 90, im Internet: www.belgien-tourismus. de

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