Kastanien: Feiern, wenn sie fallen

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Die Frucht im Glas: Kastanien werden bei den Festen in vielen Zubereitungsarten angeboten.

Kastanien, Keschtn oder Marroni - früher waren Esskastanien ein "arme Leute Essen", heute wird die Frucht als Delikatesse in einem kleinem französischen Bergdorf und auch in der Pfalz gefeiert. 

Der Rauch unzähliger Feuerstellen zieht durch das kleine französische Bergdorf Collobrières, vermengt mit dem Duft gerösteter Kastanien. Publikumswirksam wirbeln Verkäufer die Früchte in großen Eisenpfannen durch die Luft. In spitzen Papiertüten werden sie noch heiß verkauft und im Gehen gegessen.

Bei den "Fêtes de la Châtaigne" im französischen Bergdorf Collobrières werden die Kastanien über vielen Feuerstellen geröstet.

Das Kastanienfest in Collobrières im Hinterland der Côte d'Azur ist eines der bekanntesten in Frankreich: Mehr als 30 000 Besucher kommen jeden Oktober zu den “Fêtes de la Châtaigne“ ins Maurenmassiv. Gefeiert wird am 17., 24. und 31. Oktober. Ganz Collobrières ist an diesen drei Sonntagen abgesperrt, die Autoschlangen reichen zum Teil kilometerweit vor die Dorfgrenze. Wer von den Parkplätzen aus auf den Shuttlebus verzichtet, kann bei einem Spaziergang einen ersten Blick auf die Kastanienhaine der Region werfen.

Die ältesten Bäume im Massiv der Mauren sind rund 600 Jahre alt. Sie wachsen rund um die Chartreuse de la verne, eine alte Klosteranlage, die vom 12. Jahrhundert bis zum 18. Jahrhundert immer wieder zerstört und neu aufgebaut wurde. Sie liegt einsam am Ende einer kurvenreichen Straße. Die Kastanien des Klosters werden auch heute noch auf dem Fest verkauft.

Bis zu 200 Tonnen ernten die Kastanienbauern rund um Collobrières pro Jahr, über 300 Hektar erstrecken sich ihre Kastanienwälder. Von Ende September und bis in den November ernten sammeln die Bauern die reifen Früchte ein, die vom Baum gefallen sind.

Spaziergänger sollten das allerdings nicht ohne Erlaubnis des Besitzers tun, erläutert Kastanienbauer Laurent Jartoux. Er hat einen Hang direkt am Dorfrand und bietet Besuchern Führungen durch den sechs Hektar großen Hain an. Jartoux veredelt seine Bäume, um besonders große und gute Früchte zu erhalten. Über einem kleinen Feuer röstet er eine Probierportion für die Gruppe und lässt sie auch die “crème des marrons“, das Kastanienpüree, probieren. Diesen süßen, typisch französischen Brotaufstrich bereitet jeder nach seinem eigenen Rezept zu.

Die Provence ist nicht die einzige Region in Frankreich, die der Esskastanie eigene Feste widmet. In der Ardeche werden von Mitte Oktober bis Anfang November die “Castagnades“ veranstaltet, bei denen sich alles um die herbstliche Frucht dreht. Auch in vielen Restaurants bestimmt die Kastanie in dieser Zeit die Speisekarten. Später verlagern sich die Feierlichkeiten auf die Insel Korsika. Erst Mitte Dezember wird hier im Dorf Bocognano, idyllisch im Gravona-Hochtal gelegen, zum Kastanienmarkt eingeladen.

Jahrhunderte lang war das nahrhafte, kalorienreiche “Brot der Armen“ in vielen Regionen Europas ein wichtiges Grundnahrungsmittel. Inzwischen ist die Esskastanie zur Delikatesse aufgestiegen und erlebt eine Renaissance. Die kulinarische Wiederentdeckung wird auch in anderen europäischen Urlaubsregionen mit Festen im Herbst gefeiert.

So treffen sich bei den “Magostos“ in Galicien die Dorfbewohner zum gemeinsamen Kastanienrösten am Lagerfeuer, im spanischen Andalusien kennt man die “Fiesta da la castaña“. Gefeiert wird auf der Atlantikinsel Madeira genauso wie im kroatischen Lovran an der Südostküste Istriens. Und in Piancastagnaio können Toskana-Urlauber im November beim örtlichen Kastanienfest mitfeiern.

Die Südtiroler nennen die stachelige Frucht Keschtn. Sie steht im Mittelpunkt der Kastanientage in Völlan und Tisens - in diesem Jahr von 17. bis 31. Oktober. Besuchern wird hier die traditionelle Herstellung des “Keschtnriggls“ gezeigt. In diesem Korb aus Kastanienholz und Haselstaude schütteln die Bauern die Kastanien nach dem Braten und befreien sie so recht mühelos von ihrer Schale.

In der Schweiz heißen die Esskastanien dagegen Marroni. Besonders ausgedehnte Kastanienwälder finden Urlauber im Tessin. Fast hätte ein Pilz in den 1940er Jahren den wertvollen Baumbestand zerstört. Doch die Kastanien erholten sich wieder. Einige der Riesen sind bis zu 700 Jahre alt - und haben einen Umfang von mehr als sieben Metern. Ein Kastanienweg in Arosio informiert über die Kastanienkultur am Luganersee, gefeiert wird im Oktober in Ascona. Auch die Gemeinde Fully im Wallis bittet dann zum Kastanienfest auf den Marktplatz.

Herbstzeit ist im Pfälzerwald “Keschde“-Zeit. Zusammen mit dem Wein brachten die Römer das mediterrane Gewächs in die Südpfalz - so will es die Legende. Den Auftakt der Saison bilden die Kastanientage im Trifelsland und in Annweiler am Trifels Anfang Oktober. Zu einem Glas Wein werden mit Kastanien zubereitete Suppe, Bratwurst, Saumagen, Knödel und Kuchen gereicht. Auch in flüssiger Form, als Brand, Likör oder Bier, können Besucher die Keschde probieren. Höhepunkt ist das “Keschdefeschd“ Mitte Oktober in Hauenstein. Eine Woche ist die Kastanie hier in aller Munde. Bäcker, Metzger und Restaurants sind voll auf die “Keschde“ eingestellt. Aber natürlich gibt es sie auch hier pur und noch warm aus dem Feuer.

MEHR INFOS ZUM KASTANIENFESTIVAL

Nicole Jankowski, dpa

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