Öko-Ziel Teneriffa: Großputz unterm Teide

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Es beginnt beim Kerosin und endet mit der Klimaanlage im Hotel: Kann man angesichts der Klimadiskussion eigentlich heute noch reinen Gewissens verreisen?

Unsere Autorin Monika Reuter suchte Antworten auf der kanarischen Ferieninsel Teneriffa, die sich jenseits von Bettenburgen und Beton als neue Öko-Destination profilieren will.

Im ersten CO2-neutralen Dorf der Welt im Süden Teneriffas wohnen Urlauber in Solarhäusern (Foto unten), die von anderen Engergiequellen unabhängig sind.

„Bei uns erhalten die Gäste bei der Ankunft einen Begrüßungsbrief, in dem wir sie bitten, Energie zu sparen“, sagt Jesus Lista, Umweltbeauftragter der Adrian-Hotels auf Teneriffa. Das klingt spartanisch. Doch sein Flaggschiff, das Jardines de Nivaria in Costa Adeje, ist ein Fünf-Sterne-Hotel, ein schlossähnliches Gebäude mit farbiger Glaskuppel unterm Himmel und einer Tanzbar im Keller. Mit großem Park und Pool. Nach Askese sieht es hier nicht aus. Auch in den Zimmern nicht. Wenn man im Bad den Wasserhahn aufdreht, rauscht ein dicker Strahl ins Becken. Doch wenn man einen Becher darunter hält, dauert es verblüffend lange, bis der sich füllt. Grund: Dem Strahl ist Luft beigemischt. Das lässt ihn voluminös erscheinen, spart aber Wasser. Bis zu 50 Prozent. Unter der Dusche wird ähnlich verfahren. Die Toilette hat eine Stopptaste und das Licht einen Zentralschalter.

Es sind mehr die kleinen, unauffälligen Dinge, mit denen hier Energie gespart wird. Manche sind kaum zu spüren, wie die automatische Ausschaltung der Klimaanlage bei Öffnung der Terrassentür. Manche kann man auch nur erfragen.

„Wir haben 10.000 Quadratmeter Photovoltaikzellen auf dem Dach“, gibt Umweltbeauftragter Lista gern Auskunft. „Die Hälfte für den Hotelbetrieb, die zweite Hälfte für das städtische Netz. Im übrigen sei auf Teneriffa seit letztem Jahr für Fünf-Sterne-Hotels eine Umweltzertifizierung verbindlich vorgeschrieben.

Weil Nachhaltigkeit auch beim Massentourismus immer mehr ins Blickfeld gerät, haben jetzt auch die Reiseveranstalter das Thema aufgegriffen. So gehört zur Gästebefragung von TUI (deren Ergebnisse im Katalog angeführt sind) seit 2011 auch das Kriterium „Umwelt“. Außerdem werden Hotels, die auf Nachhaltigkeit setzen, mit dem Signet Umwelt Champion prämiert.

Teneriffa

Die Kanareninsel Teneriffa, deren lavaschwarze und grüne Küsten in den letzten drei Jahrzehnten vielerorts eine Verkrustung aus Beton erlitten haben, möchte umsteuern. Windräder und Solaranlagen sind im Kommen, schließlich gibt es hier viel mehr Wind und Sonne als anderswo. Umweltschutz ist das Lieblingsthema von Inselpräsident Ricardo Melchior. Schon vor 15 Jahren initiierte er eine weltweite Ausschreibung zur Errichtung eines bioklimatischen Dorfs. Die Häuser sollten CO2-neutral sein und sich harmonisch in die Landschaft einfügen, die Baumaterialien aus der Umgebung stammen. Der Preis für die 25 besten Entwürfe: Sie wurden gebaut. Jetzt stehen die klimafreundlichen Architektenhäuser an einer einsamen Küste im Süden unterhalb von Windrädern aus Deutschland und eines Besucherzentrums für erneuerbare Energien (ITER). Wer Spaß an Originalität hat und keine Infrastruktur braucht, kann sich ein solches eigenwilliges Gebäude, das Licht herein, aber Sommerhitze draußen lässt und mit Windkammern natürlich belüftet wird, mieten – Urlaub in einer Art Öko-Museum. Derzeit laufen 80 Prozent der Energieversorgung von Teneriffa allerdings noch über Erdöl. Wie das ausschaut, kann man am Ortseingang der Hauptstadt Santa Cruz besichtigen. Dort steht eine alte Raffinerie als stahlgewachsener Schandfleck. Früher war hier Niemandsland. Doch im Laufe der Jahre hat sich die Stadt bis zu den rostenden Türmen hin ausgedehnt. Immerhin: Die ehemalige Müllhalde nebenan wurde übergrünt und ist jetzt ein Palmenhain.

Zu den besonderen Attraktionen von Teneriffa gehört die Beobachtung von Walen und Delfinen. 22 Arten leben vor der Küste, insgesamt über 500 Tiere, denen man mit Schiffen sehr nahe kommen kann. Hier tritt der Verein Futouris in Aktion: In dem Verband entwickeln Reiseveranstalter wie TUI, Thomas Cook und Airtours zusammen mit lokalen Organisationen Projekte zur Nachhaltigkeit im Tourismus.

Wal- und Delfinbeobachtungen vor Teneriffa unterliegen jetzt strengen ökologischen Kriterien.

Gleich beim ersten Treffen mit 30 Bootseignern in Adeje im Januar stimmten einige spontan der Initiative zu. Weitere dürften folgen. Mit einem Futouris-Umweltsiegel gehen sie die Verpflichtung ein, die Wale nicht zu stören, Meeresbiologen mit an Bord zu nehmen, Abfälle aus dem Meer zu fischen und einen Euro pro Ticket an die lokale Walschutz-Organisation „Buena Proa“ („Gute Fahrt“) abzuführen. Die dreistündige Tour mit dem Katamaran kostet 47 Euro. Nach etwa 20 Minuten, 3500 Meter von der Küste entfernt, tauchen die ersten Wale auf. Der Schiffsmotor wird sofort auf Leerlauf geschaltet. Die Urlauber zücken die Kameras. Die Wale indes kümmern sich nicht um das Boot. Sie dümpeln im Halbschlaf in den Wellen, nur die große Rückenflosse schaut aus dem Wasser. So sieht das meistens am Tag aus. Erst nachts jagen sie in großer Tiefe Tintenfische. Maria, die Meeresbiologin, fotografiert die Rückenflossen, anhand derer die Tiere identifiziert werden können. Später notiert sie in ihrer Tabelle die Anzahl der Sichtungen und wie sich die Wale in Schiffsnähe verhalten. So entsteht im Laufe der Zeit eine aussagefähige Statistik. Zwei kleinere Wale lassen sich sogar bis auf wenige Meter auf den bewegungslosen Motorsegler zutreiben. Delfine sind an diesem Tag nicht unterwegs. Das muss der Tourist auf einem umweltfreundlichen Schiff hinnehmen. Denn die Tiere vor die Kameras zu jagen oder gar anzufüttern, ist hier streng verboten. Als Umweltbelastung bleibt indes der CO2-Ausstoß beim Flug auf die Insel.

Generell empfiehlt der Veranstalter seinen Gästen, dafür freiwillig zwei Euro Abgabe zu leisten, zu denen das Unternehmen dann noch einmal 50 Cent drauflegt.

Wer umweltpolitisch absolut korrekt handeln will, der kann sich im Internet seine CO2-Bilanz für jeden Flug selbst ausrechnen (www.tui-klimarechner.de). Um CO2-neutral zu fliegen, müsste er für ein Ticket von München nach Prag 4,94 Euro zusätzlich entrichten, für eines nach Sydney 79,40 Euro. Für den Flug nach Teneriffa rechnet das System 682 Kilo CO2 aus, plus 140 Kilo für sieben Tage im Hotel. Macht eine freiwillige Zuzahlung von 16,44 Euro.

Geld allein verringert freilich kein CO2. Die freiwillige Kompensationszahlung fließt deshalb in Klimaschutzprojekte, die die Schweizer Stiftung Myclimate weltweit organisiert (myclimate.org). Dabei geht es vorwiegend um den Ersatz fossiler Brennstoffe durch erneuerbare Energien, insbesondere in armen Ländern. Zu den Projekten, die der Fluggast mitfinanzieren kann, gehören energieeffiziente Kochöfen in Kenia und Peru oder ein Windpark in der Türkei, Strom aus Biogas auf Papua-Neuguinea. Auch wenn das nicht bis ins letzte Gramm nachzurechnen ist – wer die freiwillige Abgabe entrichtet, hat zumindest gute Chancen, mit seinem Urlaub der Umwelt nicht zu schaden.

REISE-INFOS ZU TENERIFFA

REISEZIEL Teneriffa ist eine der kanarischen Inseln, die zu Spanien gehören. Sie liegt 300 Kilometer westlich vom afrikanischen Festland auf der Höhe der Südgrenze von Marokko. Auf der Insel gibt es 150 000 Hotelbetten. Pro Jahr verbringen hier fünf Millionen Touristen ihren Urlaub, davon 650.000 aus Deutschland. Die Urlauber bleiben im Schnitt sieben Tage, die Deutschen zehn. 120.000 Bundesbürger – meist Pensionäre und Freiberufler – leben ganzjährig auf Teneriffa. Mittlerweile gibt es hier drei deutsche Schulen.

ANREISE Zum Beispiel mit TUIfly. Die Charter-Airline fliegt in der Sommersaison 2011 dreimal wöchentlich von München nach Teneriffa, mittwochs, samstags und sonntags. Ab ca. 450 Euro, die Flugpreise sind tagesaktuellen Schwankungen unterworfen.

REISEZEIT Ganzjährig. Wegen ihres angenehmen Klimas werden die Kanaren auch gern „Inseln des ewigen Frühlings“ genannt. Auf Teneriffa liegen die Temperaturen im Januar zwischen 15 und 21 Grad, im August zwischen 20 und 29 Grad. Im Norden ist es etwas kühler und häufig bewölkt. Auf dem höchsten Berg, dem 3718 Meter hohen Teide, kann es im Winter auch schneien.

WELCHER REISETYP Naturliebhaber, Wanderer, Sonnenanbeter.

WOHNEN Eine Woche im Umwelt Champion-Hotel Jardines de Nivaria in Costa Adeje kann mit Flug ab/bis München ab 934 Euro gebucht werden. Im Jardin Tropical (4,5 Sterne) an der Promenade von Adeje kostet die Woche mit Flug ab 839 Euro. Das Hotel (390 Zimmer) ist in alter maurischer Bauweise errichtet, asymmetrisch, mit kleinen Fenstern, vielen Öffnungen und Türmchen. Hier ist die Luft ständig in Bewegung, die Wärme zieht wie durch einen Kamin nach oben ab, so dass allenfalls in den Zimmern eine Klimaanlage gebraucht wird. Gleich hinter der Promenade schließt sich der Beach Club des Hotels mit Meerwasserpool an.

ÖKO-DORF Das Öko-Dorf von ITER ist eine interessante Sammlung ungewöhnlicher Gebäude – und zugleich ein Labor für bioklimatische Experimente: Die aus einem Architektenwettbewerb hervorgegangenen CO2-neutralen Häuser sind modern eingerichtet und können tageweise gemietet werden. Ein Vier-Personen-Haus kostet 200 Euro pro Nacht, ein größeres für sechs Personen 280 Euro. Nur für Selbstversorger, da kein Res­taurant in der Nähe. Spannend für Architektenfamilien und Umweltinteressierte. Infos im Internet http://casas.iter.es.

ESSEN Unbedingt die kleine lokale Banane probieren. Sie heißt „platano“ und wird erst gegessen, wenn sie kleine Punkte hat – dann ist sie vollreif. 25.000 Familien leben auf den Kanaren vom Bananenanbau.

WEITERE INFOS Spanisches Fremdenverkehrsamt in Frankfurt, Tel. 069/72 50 33, Prospektbestellung und Infos online unter www.spain.info/de und www.webtenerife.de. Info-Hotline unter 00 34/902 00 31 21. Infos zum Thema Reisen und Umwelt unter www.futouris.org.

 

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