Beichten im Wohnmobil

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Ich habe Zeit für Sie: Der Geistliche bei einem seiner Einsätze mit dem Beichtmobil – hier auf der Messe free in München.

Am Anfang war das Wort. Es war eine Gesprächsrunde im Hilfswerk „Kirche in Not“, wie sich Pater Hermann-Josef Hubka erinnert, in der neue Ideen für die Ausrichtung der seelsorgerischen Arbeit gesammelt werden sollten.

Einer der Teilnehmer habe mit dem weißen Matchbox­auto des Sohnes gespielt und – vielleicht aus Langeweile, vielleicht aus Inspiration – plötzlich mit einem Filzstift das Wort „Beichtmobil“ draufgeschrieben.

So fing alles an. Jetzt sitzt Pater Hermann-Josef in dem zum Campingfahrzeug umgebauten VW Bus, an dessen Heck in großen roten Lettern „Beichtmobil“ steht, das in dieser Form weltweit einmalig ist. Entdeckt hat das katholische Hilfswerk das Wohnmobil in einer Werkstatt, viel umgebaut wurde nichts. Papst Johannes Paul II. hat es kurz vor seinem Tod im März 2005 noch gesegnet.

„Es ist ein ganz normales Wohnmobil“, sagt Pater Hermann-Josef. Die Schränke findet er eher unpraktisch, das Waschbecken sinnvoll und zur Not könnte er unterwegs auch drin übernachten. „Nicht besonders komfortabel, aber man lernt es zu lieben.“ Inzwischen sind rund 220.000 Kilometer auf dem Tacho des 18 Jahre alten Gefährts. „Wir hatten ab und zu Mal ein Problem“, sagt der Geistliche und rühmt die Hilfe der weltlichen Gelben Engel vom ADAC. „Noch läuft es ganz gut“, sagt Pater Hermann-Josef, aber bald müsse etwas Neues her.

Bereit für die Beichte: Pater Hermann-Josef Hubka wartet im VW Bus.

Pro Jahr ist der 53-Jährige insgesamt etwa einen Monat unterwegs. Die eine Hälfte seiner Arbeitszeit ist er in der Wallfahrtsseelsorge der Diözese tätig, die andere Hälfte arbeitet er im Kloster Waghäusel bei Speyer. Wenn er unterwegs ist, parkt Pater Hermann-Josef den betagten VW Bully mal auf einem Messegelände, mal an einem Skilift in den Alpen, mal steht er damit auf dem Gelände einer Reisemobilwallfahrt, mal macht er einen Stopp auf einem Autobahnparkplatz im Ferienverkehr. Dann stellt er sein Schild auf. „Ich habe Zeit für Sie“ steht da drauf. Im Inneren wird der Tisch ausgeklappt, eine Serviette draufgelegt, das Kreuz aufgestellt und die Kerze angezündet. Die Schiebetür steht offen. Und dann wartet Pater Hermann-Josef Hubka. Auf Menschen, die Zeit haben. Mal stoppt ein Witzbold und erzählt was von einer Diätsünde, die er beichten wolle, aber damit kann er den Geistlichen nicht provozieren. „Da kann als Antwort auch von mir mal ein flotter Spruch kommen“, sagt er. „Auch ein Pater darf ein bisschen Lebensfreude ausstrahlen.“

Immer wieder aber nutzt jemand die spontane Möglichkeit zum Gespräch, und nach ein paar lockeren Sätzen kommt es dann zu einer ernsthaften Konversation. Meist drehe sich dies um „die Großraumfragen Ehe und Familie“, akute Probleme würden angesprochen, aber auch alte Schuld kommt auf den Tisch. Wenn dann der Wunsch zur Beichte geäußert wird, legt sich Pater Hermann-Josef die Stola um, schließt die Vorhänge am Fenster und nimmt das Eingeständnis der Verfehlungen ab, bevor er das heilige Sakrament erteilt.

Wegen solcher Begegnungen und Gespräche ist der Geistliche unterwegs. Dafür kann er Spötteleien ertragen und dumme Sprüche erdulden. Und die sind manchmal heftig. In Berlin sei ihm mal ein Ei auf die Windschutzscheibe geflogen, „in Chemnitz habe ich eine ganze Batterie neuer Schimpfworte kennengelernt“, erinnert er sich. „Das Beste ist, man bleibt gelassen“, sagt der Pater. Das Beichtmobil ist ein Fahrzeug der christlichen Toleranz. Das erste seelsorgerische Gespräch überhaupt in diesem Auto, so erinnert sich Pater Hermann-Josef, „das war mit einem Muslim“.

Volker Pfau

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