Quälende Hitze und Quallen

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Schwitzen auf Mallorca: Der heißeste Sommer 2009 wird keine Ausnahme bleiben.

Freiburg - Auf der Baleareninsel Mallorca erreichten diese Jahr die Temperaturen einen Hitze-Rekord. Ein Vorgeschmack auf das Reisewetter der Zukunft? Klimaforscher Andreas Matzarakis im Interview. 

Über die Zukunft des Mittelmeer-Tourismus sprach unser Autor Andreas Lorenz-Meyer mit dem Klimatologen.

Herr Matzarakis, Sie sind einem für den Tourismus elementaren Zustand auf der Spur: dem Wohlgefühl. Wann hat eine Region das richtige Urlaubsklima?

Über die klimatische Tourismustauglichkeit entscheidet nicht allein die Lufttemperatur. Auch andere meteorologische Größen wie Luftfeuchtigkeit, Windstärke und Sonnenstrahlung beeinflussen unser Klimaempfinden. Aus dem Wärmeaustausch des Menschen mit seiner Umgebung wird die thermische Behaglichkeit berechnet. Eine Art „gefühlte Temperatur“, die weit über der Lufttemperatur liegen kann. Werte um 20 bis 25 Grad Celsius sind uns angenehm, ab 35 Grad beginnt der Hitzestress. Dann leidet die touristische Attraktivität.

Auf den Wetterkarten sind die Küstenregionen am Mittelmeer schon jetzt den ganzen Sommer lang mit einem dunkelroten Farbfilm überzogen, das heißt, es wird ziemlich heiß an den spanischen Stränden und auf den griechischen Inseln. Zu heiß bald für den mediterranen Strandtourismus?

Zu den aktuellen 60 bis 80 sehr heißen Tagen werden bis zum Jahr 2050 noch einmal gut 30 hinzukommen. Der Hitzestress beginnt dann schon im Mai und reicht bis in den September. Mit der Folge, dass die Mittelmeerländer als Sommerdestination sicher nicht mehr so beliebt sein werden.

Ist diese Entwicklung im gesamten Mittelmeerraum zun erwarten?

Das östliche Mittelmeer wird es nicht ganz so hart treffen. Auf den griechischen Inseln steigt die gefühlte Temperatur im Sommer auf „nur“ 45 Grad. Rhodos, Kos und die anderen Inseln profitieren von den Etesien-Winden, die von Mai bis September über die Ägäis hinwegwehen und bei Kreta wieder nach Osten abdrehen. Diese Nordwinde bringen immer etwas Abkühlung.

Worauf muss sich der Tourismus im westlichen Mittelmeer einstellen?

Dort wird es ungemütlicher. Die Costa del Sol und andere spanische Ferienregionen bekommen an die 50 Grad gefühlte Temperatur zur Hauptsaison – obwohl die Lufttemperatur mit 30 oder 35 Grad wesentlich darunter liegt. Spanien wird in Zukunft mehr auf die Wintersaison setzen müssen, dann herrschen angenehme 10 bis 20 Grad. Auch andere Tourismusregionen am Mittelmeer werden die Saison in die Monate mit verträglichen Temperaturen ausweiten. Unerfreulicher Nebeneffekt: Die Konkurrenz zwischen Tourismus und Landwirtschaft um die Wasserressourcen wird dadurch verschärft.

Wird der griechische Frühling dann vielleicht zur Hauptsaison?

Nicht unbedingt. Das Wetter ist dann zwar angenehm mild, aber nicht so beständig wie im Sommer. Der Strandurlaub kann verregnet sein, das schreckt die Urlauber ab. Denken wir an den April dieses Jahres. Der war in Deutschland sonniger und angenehmer als in Griechenland und Spanien.

Wie wird sich der Klimawandel auf den Tourismus an den deutschen Küsten auswirken?

An Nord- und Ostsee steigt die gefühlte Sommertemperatur um maßvolle vier Grad an. Dort weht auch im Sommer ein kühles Lüftchen – in Zukunft ein unschätzbarer Standortvorteil. Die Deutschen werden dann vielleicht nicht mehr die Strände im Süden besuchen, sondern an den heimischen Küsten Urlaub machen.

Und die Südeuropäer?

Italiener oder Spanier kriegt man nicht so schnell an die deutsche Küste. Denen fehlt dort das mediterrane Flair. Und wo sollten sie auch unterkommen? Die deutschen Tourismusorte sind auf solche Kapazitäten nicht ausgerichtet. Sie könnten gar nicht so viele Gäste aufnehmen.

Begrenzte Kapazitäten – aber eine klimatisch sorgenfreie Zukunft?

Keineswegs. Durch die Wassererwärmung können die Ostseebäder ein Problem mit Algenwachstum und Quallen bekommen. Nicht zu vergessen der Meeresspiegelanstieg – 40 Zentimeter bis zum Jahr 2050! Auch wenn das einer Industrienation keine unlösbaren technischen Probleme bereiten sollte: Touristeninseln im Indischen Ozean wie etwa die Malediven müßten dann aufgegeben werden.

Interessieren sich die Tourismusanbieter für das Klima der Zukunft?

Die Jahre 2020 bis 2050 liegen schon in ihrem zeitlichen Vorstellungsrahmen. Für diesen Zeitraum haben wir in den Jahren 2006 und 2007 als Teil des Förderprogramms „Klima zwei“ mehrere Pilotorte an der Nordsee unter die Lupe genommen. Juist positioniert sich dabei als klimaneutrales Urlaubsziel. Die Voraussetzungen dort sind ideal: Die Insel ist autofrei.

Der Klimatologe

Klimaexperte Andreas Matzarakis

Andreas Matzarakis (49) ist Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Biometeorologie. Er ermittelt mithilfe regionaler Computermodelle die klimatischen Bedingungen für den Fremdenverkehr der Zukunft. Tourismusklimatologie nennt sich die Wissenschaft, bei der es nicht nur um Badetemperaturen und Sonnenscheinstunden geht.

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