In Bayern auf Spurensuche

Tour de Napoleon

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Napoleon auf Tour: Historiker Thomas Schuler (re.) zeigt, wo der französische Kaiser Spuren in Bayern hinterlassen hat (hier bei Oberelchingen); begleitet wird er von Joachim Gebhardt in der historischen Uniform eines Gardechasseurs.

Vor knapp 200 Jahren hat Napoleon Bonaparte Europa ordentlich aufgemischt. Der Korse hat viele Spuren hinterlassen, nicht zuletzt in Bayern.

Auftakt und Verlauf des Dritten Koalitionskrieges im Herbst 1805 lassen sich in Bayerisch-Schwaben auch heute noch gut nachverfolgen, wie Reiseredakteur Volker Pfau bei einer Bustour feststellen konnte.

Über die A 8 und ab Augsburg auf der B 2 fährt der Bus von München aus ins Herzen von Bayerisch-Schwaben. Es regnet. Zur Einstimmung auf den Napoleon-Tag lauschen wir den Worten von Thomas Schuler, der übers Bus-Mikrofon Fakten und Anekdoten zum französischen Kaiser und dessen Kriegsführung in den ersten Oktobertagen des Jahres 1805 zum Besten gibt.

Donauwörth 

Erster Stopp in der Stadt an der Romantischen Straße ist das Kloster Heilig Kreuz. Hier hatte Napoleon für zwei Tage sein Hauptquartier aufgeschlagen, um die Überquerung der Donau und das weitere Vorrücken der Grande Armée zu koordinieren, die von Westen her kommend den Rhein überquert hatte. Im großen Saal der ehemaligen Abtei war Napoleons Kartenraum.Bildhaft schildert

Tour mit Historiker Thomas Schuler

Historiker Thomas Schuler, wie Napoleon fast waagerecht bäuchlings auf den Kartentischen lag, umgeben von etwa 30 Offizieren, und im Kerzenschein den Überraschungsangriff auf die österreichische Armee plante, um so zu verhindern, dass diese sich mit dem russischen Heer vereinen konnte. Die Lechebene südlich von Donauwörth schien dem französischen Heerführer ideal, um einen Keil zwischen beide Armeen zu treiben. In der Kirche des Klosters sind heute noch Spuren des Krieges zu sehen. Nach der Schlacht von Wertingen wurden gefangene Österreicher hierher gebracht, da sie in dem Kirchengebäude, das Napoleon auch als Pferdestall benutzte, einfach zu bewachen waren. Am Altar gegenüber des Eingangs sind noch Brandspuren zu sehen – die frierenden Gefangenen hatten Holzfeuer angezündet, um sich zu wärmen. Dann fahren wir an die Donau. Vom großen Parkplatz an der Neuen Obermayerstraße sind es nur wenige Schritte auf den Damm am Ufer. Thomas Schuler zeigt auf den hier gut 30 Meter breiten Fluss: „Bei Niedrigwasser sieht man hier noch die Reste von 17 Holzpflöcken“, sagt er und liest gut beschirmt im Schneeregen aus den Memoiren eines französischen Offiziers vor, der beim Bau dabei war. Auch damals herrschte genau so ein nasskaltes Wetter, das wir mit Gore-Tex, Daunenfüllungen und gefütterten Stiefeln ertragen. In nur 24 Stunden hatten damals örtliche Handwerker – angespornt durch üppiges Honorar – und französische Soldaten unter den Augen von Napoleon eine Holzbrücke gebaut, über die dann mehr als 50.000 Soldaten in einem einzigen Tag ans andere Ufer gelangten.

Wertingen

In einem Tagesmarsch von Donauwörth erreichte damals die Armee dann Wertingen. Wir brauchen für die 22 Kilometer lange

Napoleons Leibspeise: Hähnchen à la Marengo.

Strecke mit dem Bus gerade Mal 20 Minuten und halten vor dem Rathaus, wo im Stadtarchiv in zwei Dioramen die erste Schlacht zwischen Franzosen und Österreichern am 8. Oktober 1805 mit rund 1200 Zinnfiguren – also weniger als ein Zehntel der damals Kämpfenden – geradezu liebevoll nachgestellt ist. „Da stimmt jeder Uniformknopf“, sagt Wertingens Stadtarchivar Alfred Sigg stolz. Und vergisst nicht, darauf hinzuweisen, dass zur Erinnerung des militärisch eher unbedeutenden, psychologisch dafür umso wichtigeren Sieges des VI. französischen Armeekorps der Name Wertingen am Arc de Triomphe in Paris an erster Stelle eingemeißelt sei.

Zusmarshausen

Auf der weiteren Fahrt erzählt Thomas Schuler von Napoleon-Trittbrettfahrern. So werbe eine Gaststätte in der Region damit, dass hier Napoleon auf der Ofenbank gesessen habe. „Die Gussarbeiten stammen aber nachweislich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts“, sagt der Historiker, was den Verdacht nahelegt, dass es sich nicht um Bonaparte, der 1821 starb, sondern allenfalls um Napoleon III. gehandelt haben dürfte. Auch die Geschichte mit der Schnecke im Salat, wegen der Napoleon angeblich den Wirt eines Gasthauses erschießen lassen wollte und den die Tochter dank ihrer französischen Sprachkenntnisse retten konnte, ist für Schuler ein Märchen, es gebe keinerlei belegbare Fakten.

Im Hotel

Die Post in Zusmars­hausen gibt’s dann wieder Fakten. Das als Napoleon-Suite angepriesene Zimmer ist authentisch. Bonaparte hat von hier aus mehrere Briefe mit dem Absender „Hauptquartier Zus­marshausen“ geschrieben, einen Satz zitiert Thomas Schuler: „Es regnet in Strömen, aber das stört nicht die Gewaltmärsche der Großen Armee.“ Wettertechnisch hat sich heute nichts geändert. Auch das Rezept für das Mittagessen stammt aus den napoleonischen Feldzügen: Hühnchen à la Marengo. Es ist benannt nach der Schlacht von Marengo im Jahr 1800, bei dem die Österreicher den Versorgungszug zerstört hatten und der Koch aus den vorhandenen Zutaten (Hühnchen, Tomaten, Kartoffeln, Flusskrebse; s. Foto unten) ein Essen kreierte, das Napoleon so gut schmeckte, dass es künftig 24 Stunden täglich abrufbereit sein musste. Im Hotel gibt’s dieses Essen nur auf Vorbestellung, Preis: 16 Euro.

Oberelchingen

Der Regen vermischt sich immer mehr mit Schnee, als wir zur letzten Station unserer Tour de Napoleon fahren. Keine 500 Meter von der Autobahnausfahrt Oberelchingen entfernt liegt die Klosterkirche, die von Napoleon damals nach der siegreichen Schlacht zur Feldküche und zum Pferdestall umfunktioniert wurde. An einigen Kirchenbänken sind Brandspuren zu sehen, die vom respektlosen Umgang der Soldaten mit der Einrichtung zeugen. Außerhalb der ehemaligen Klosteranlage, an deren östlichem Ende sich das legendäre Ney-Loch befindet, führt Thomas Schuler die Gruppe zum Martinstor und schildert, wie sich etwa 8000 französische Soldaten von den Donauauen bergan gegen die vermeintliche Übermacht der 15.000 österreichischen Soldaten vorkämpften. Noch heute finde man bei Renovierungen oder Erdarbeiten hin und wieder Kanonenkugeln vom Häuserkampf. Über den Napoleonweg gehen wir dann am steilen Albtrauf entlang und bergan zum freien Feld, das heute von der Autobahn Stuttgart-München begrenzt wird. Dieser Acker war am 14. Oktober 1805 der Hauptkampfplatz, auf dem am Mittag rund 2000 tote oder verwundete österreichische Soldaten zurückblieben. Die Folgen der großen Schlachten musste der einfache Mann tragen.

DIE REISE-INFOS

FÜHRUNGEN Exklusiv für unsere Leser veranstaltet Thomas Schuler am kommenden Sonntag, 21. April, in München eine Führung auf den Spuren Napoleons. Treffpunkt ist um 15 Uhr vor dem Karlstor. Preis: 9,50 Euro pro Person. Weitere Infos bei Thomas Schuler (s. unten),

Weitere Termine: Ulm (2. Juni und 29. September), Günzburg (16. Juni), Augsburg (21. Juli) und Elchingen (4. August). Dort findet am 21. und 22. September das Napoleonfest statt. Führungen jeweils ab 10 Uhr, Treffpunkt: vor der Klosterkirche in Oberelchingen.

REISE Busreise mit dem Historischen Verein Ingolstadt „Auf den Spuren Napoleons nach Wien“, 22. bis 26. Juni, 411 Euro pro Person.

BUSTOUR Die im Text beschriebene eintägige Busfahrt „Zeitreise auf den Spuren Napoleons in Bayern“ kann von historisch interessierten Gruppen gebucht werden und auf Wunsch von einem französischen Gardechasseur in Uniform, Bärenfellmütze und historischer Bewaffnung begleitet werden.

AUSKUNFT Info und Buchungen für alle Termine bei Thomas Schuler, Tel. 07 31/60 11 19, Internet: www.napoleoninbayern.de.

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