Trauernde auf Reisen

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Gemeinsam statt einsam: Eine Reise kann für Trauernde eine Brücke in einen neuen Lebensabschnitt sein.

Reisen können Trauernden helfen. Irma Heyne-Beuse (72) veranstaltet Gruppenreisen für Menschen, die einen Partner durch Tod oder Trennung verloren haben.

Warum diese Reisen Trauernden helfen und weshalb Organisatorin Irma Heyne-Beuse den Begriff „Trauerreisen“ dennoch ablehnt.

Frau Heyne-Beuse – muss man sich Ihre Reisen wie einen schwarz gekleideten Trauerzug vorstellen?

Im Gegenteil. Auf unseren Reisen wird auch viel gelacht.

Warum sollte man in Zeiten des Kummers mit anderen traurigen Alleinstehenden verreisen ?

Weil ein trauernder Mensch unter Gleichgesinnten schneller auftaut. Weil er sich in der Gemeinschaft aufgehoben fühlt. Viele Teilnehmer befanden sich vor der Reise in einer Phase der Depression. Unterwegs merken sie irgendwann: Hallo, ich lebe ja noch. Und dann mischen sich unter die Traurigkeit plötzlich wieder Gefühle wie Glück und Freude.

Stimmt der Begriff „Trauerreisen“?

Machen wir uns nichts vor: Trauer kann man nicht einfach wegwischen, auch nicht mit einer schönen Reise. Trotzdem gefällt mir das Wort „Trauerreise“ nicht. Kein Mensch trauert ununterbrochen. Trotz Trennung oder Tod, es gilt der banale Spruch: Das Leben geht weiter. Unsere Reisen sind Brücken in ein neues Leben. Wir kehren die Trauer weder unter den Teppich, noch steht sie bei uns ständig im Vordergrund. Die Teilnehmer können je nach Gemütslage selbst entscheiden: Wer sich ausschütten möchte, bekommt ein offenes Ohr. Wer jedoch Ablenkung sucht, nimmt an unserem Programm teil. Zum Beispiel an einem Ausflug oder an einer Besichtigung.

Sind Sie für den Umgang mit Trauernden psychologisch geschult?

Nein, ich bin nur für die Organisation zuständig. Ich habe über 20 Jahre lang ein Reisebüro geführt. Aber auf den Touren begleitet mich entweder ein Psychologe oder ein ausgebildeter Trauerbegleiter. Übrigens ehrenamtlich. Die haben die richtigen Antworten parat. Auf Fragen, die eigenartig klingen mögen, aber den Betroffenen um so wichtiger sind. Etwa: Darf ich wieder lachen? Außerdem reden die Teilnehmer auch viel untereinander. Sie verbindet ja ein ähnliches Schicksal. Ehrlich gesagt, ich bin nicht die allerbeste Zuhörerin. Traurige Geschichten gehen mir zu nahe.

Wie sieht denn der durchschnittliche Teilnehmer bei Ihren Reisen aus?

Was alle verbindet, ist die Angst, alleine zu verreisen. Im Urlaub kommt das Gefühl der Einsamkeit oft besonders stark zum Vorschein, im Hotel, im Restaurant oder am Strand. Meine ältesten Teilnehmer waren über 80 Jahre alt. Bei den Jüngeren beginnt es bei rund 40 Jahren. Der Tod kennt ja kein Alter. Die Altersspanne in den Gruppen kann manchmal recht groß sein. Um so spannender sind die Begegnungen. Es treffen sich Menschen, die sonst niemals miteinander verreisen würden.

Sind die Reisen auch Kontaktbörse?

Um es eindeutig zu sagen: Wir veranstalten keine Singlereisen und wir sind auch keine Kontaktbörse. Aber es freut mich natürlich, wenn Bekanntschaften entstehen. Und wenn es der Zufall will haben wir natürlich auch nichts dagegen, wenn sich zwei Seelen finden. Auf einer Schiffsreise hat sich mal ein Paar ineinander verliebt, beide schon über 60. Vor kurzem kam eine Postkarte: Die haben tatsächlich geheiratet!.

Wie sind Sie auf die Idee zu Ihren Reisen gekommen?

Mein Mann ist vor über vier Jahren nach einer kurzen, schweren Krankheit gestorben. Ich bin daraufhin in ein tiefes Loch gefallen. Als ich immer depressiver wurde, schloss ich mich im Herbst 2005 einem Gesprächkreis einer Hospiz-Initiative an. Dort wurde ich angesprochen, ob ich denn nicht mal eine Reise für die Gruppe veranstalten wolle. Ich hätte doch das Knowhow. Die erste Reise war gleich gut gebucht.

Nach welchen Kriterien gestalten Sie die Reisen?

Wir steuern nur Ziele in Europa an, hier gibt es so viele schöne Orte. Per Bahn, Flugzeug oder Schiff. Wichtig ist mir ein gewisser Komfort und ein individueller Rahmen. Die Hotels brauchen eine persönliche Atmosphäre. Die Teilnehmer befinden sich ja in einer emotionalen Ausnahmesituation. Da können wir nicht in einen anonymen Kasten gehen, wo sie sich abgeschoben fühlen würden.

Stellen Sie im Winter eine erhöhte Nachfrage nach Ihren Reisen fest?

Ja, wenn die Tage dunkler werden, steigt auch das Interesse an unseren Reisen, über Neujahr besonders.

Vor drei Jahren haben Sie die erste Reise für Alleinstehende organisiert. Mittlerweile sind Sie 72 Jahre alt. Das ist doch ein eher reifes Alter für eine Jungunternehmerin …

Unternehmerin, das klingt so gewinnorientiert. Aber das bin ich nicht. Ich bin finanziell abgesichert und kann daher moderat kalkulieren. Sollte das Unternehmen mal gewinnbringend arbeiten, werde ich einen Teil davon an die vorher erwähnte Hospiz-Initiative abführen. Altersbedingt aufzuhören kommt für mich momentan nicht in Frage. Ich habe Power ohne Ende. Den ganzen Tag stricken und Zeitung lesen, das ist nicht meine Welt. Ich kann nicht still sitzen. Reisen zu veranstalten, ist mein Leben.

Interview: Martin Cyris

DIE REISE-INFOS

Regen-Bogen-Reisen heißt die Agentur von Irma Heyne-Beuse, Tel. 02852/60 35, im Internet: www.regen-bogen-reisen.com,

Auszug aus dem Reiseprogramm: 28. Dezember 2009 bis 2. Januar 2010, Festtagsreise nach Bad Wiessee, 798 Euro im EZ (Vier-Sterne-Hotel). 12. bis 19. Februar 2010, Wellnessreise nach Rügen, 895 Euro im eZ. 11. bis 18. Juli 2010, Musikreise nach Verona, ab 1375 ‚ Euro im Einzelzimmer.

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