Verliebt in Rheinsberg

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„Wenn sich ihm das geliebte Herz öffnete“: K urt Tucholsky hat Rheinsberg ein literarisches Denkmal gesetzt.

Vor 100 Jahren schrieb Kurt Tucholsky „Rheinsberg“, die Geschichte von Wölfchen und Clärchen und einer großen Liebe, die ganz leichtfüßig daherkommt.

Lässt sich in dem Städtchen am Grienerickesee heute noch das Glück einfangen? Autor Uwe-Jens Schumann ging auf Spurensuche:

Vor 100 Jahren schrieb Kurt Tucholsky „Rheinsberg“, die Geschichte von Wölfchen und Clärchen und einer großen Liebe, die ganz leichtfüßig daherkommt. Lässt sich in dem Städtchen am Grienerickesee heute noch das Glück einfangen? Autor Uwe-Jens Schumann ging auf Spurensuche:

Sie waren im Sonnenglast hingestreckt, auf einer Wiese, über der die Luft in der Mittagswärme zittrig schwebte. Schweigen... Kurt Tucholsky, Rheinsberg

Kurt Tucholsky

Nein, das Leben folgt nicht dem Roman. Dennoch sei die Frage erlaubt: Kann man in einem so liebevoll beschriebenen Ort wie Rheinsberg einen besonderen Durchblick zum Glück erwarten? Dass sich die Gedanken derart bebildern, haben wir einem grillheißen Juli-Wochenende des Jahres 1911 zu danken: Da entfloh der Berliner Kurt Tucholsky, 21, Student der Juristerei, mit seiner frisch umworbenen Freundin Else Weil, Medizinstudentin, dem Metropolen-Getriebe – mit der Dampfeisenbahn ab ins gemütliche Rheinsberg. Nach einer Liebelei in „heiterer Umgebung“ stand ihnen der Sinn. Zurückgekehrt schrieb „Tucho“ in nur zwei Monaten sein Büchlein über den verspielt-erotischen Ausflug des Berliner Pärchens Wölfchen und Clärchen. Am 9. Februar 1912 erschien „Rheinsberg“. Wer heute unter dem Baldachin der Brandenburgischen Alleenbäume über Landstraßen nach Rheinsberg einzieht, der kommt nicht durch die Vordertür. Der Wagen wird hinterm Schloss geparkt, zwischen Caravans aus Dänemark und Frankreich. Der idyllisch hingeschmiegte 8466-Seelen-Ort ist längst grenzenlos bekannt.

Sie gingen in den Park ... Das Schloss leuchtete weiß, violett funkelten die Fensterscheiben in hellen Rahmen ... alles spiegelte sich im glatten Wasser.

Der Tag inszeniert sich warm und freundlich, der weiße Ausflugsdampfer der Reederei Halbeck hat gerade vom Pier abgelegt und zeichnet eine sanfte Spur auf das ruhige Wasser des Grienericke- sees. Im Schlosspark herrscht preußische Ordnung, die Hecken stehen Habacht. Ein Angestellter des Schlosses verrät mir, dass nach Einbruch der Dunkelheit die Parknischen gerne als Reservat für Verliebte genutzt würden. „Wir fördern aber dieses Allotria nicht“, sagt der Mann mit dem recht überschaubaren Charme. Das Schloss, dieser hell strahlende Prachtbau, die beiden wuchtigen Rundtürme, die im Rokoko verschwenderisch eingerichteten Paraderäume: Hier hat Kronprinz Friedrich, der später die Bezeichnung „der Große“ und schließlich „der Alte Fritz“ bekommen sollte, nach eigenem Bekunden seine glücklichsten Jahre verlebt. Im Musenhof bebildern sich schnell die Gedanken, die man sich von seiner „Rheinsberg“-Lektüre aufbewahrt hat: Wölfchen, der, die Welt erklärend, mit seinem schwatzhaften Clärchen auf den Kieswegen lustwandelt, um dann mit ihr irgendwo in dieser weit ausholenden Anlage auf das Schönste zu schweigen ...

Wenn sich ihm das geliebte Herz eröffnete, schwieg er, satt und zufrieden ...

Zum Schloss gehören nun eine Musikakademie, eine Kammeroper und ein Museum, in dem man Tucholsky ausserhalb seiner Bücher wohl am nächsten ist. Doch der Tag ist zu seiden-luftig, um den Kopf in ein Stück deutsche Literaturgeschichte zu stecken. Wer hier in Rheinsberg dem Alltag entkommen ist, dem steht der Sinn nach den weit dahin schwingenden Wäldern, den 50 Seen im eng gezogenen Umkreis, nach schattigen, nicht überlaufenen Wirtshausgärten. Das nach langen DDR-Jahren merklich aufgehübschte, wohltuend überschaubare Rheinsberg lebt zwar zur Saison von den Touristen und ist dennoch in seinem Kern ein Ort zum Seele-baumeln-lassen geblieben, wie es ein „Tucho“ ausdrückte. Aber woher kommt in Rheinsberg die so leicht erlebte Liebe? Hat der See-Wirt den geheimen Wirkstoff seinem 1-A-Streuselkuchen beigemischt? Ja, sie ist da, macht sich in vielen Spielarten bemerkbar: Paare, die sich ausdauernd an den Händen halten oder Menschen, die sich sekundenkurz in den Blick nehmen zu einem Flirt. Und manchmal gilt ein gutes Stück Liebe eben auch einem Buch, in dem so wärmend launig vom Verliebtsein in einem hübsch herausgeputzten Ort namens Rheinsberg die Rede ist.

Uwe-Jens Schumann

DIE REISE-INFOS ZU SCHLOSS RHEINSBERG 

REISEZIEL Die Stadt Rheinsberg, die aus 17 Ortsteilen besteht, hat knapp 8500 Einwohner und liegt in Brandenburg (Ruppiner Land), rund 90 Kilometer nordwestlich von Berlin.

ANREISE Mit dem Auto von München über Nürnberg und Leipzg bis Berlin, von dort ist die landschaftlich schönste Variante die Fahrt auf der Landstraße über Oranienburg, Löwenberg, Grieben und Vielitz nach Rheinsberg (Achtung! – viele Blitzer). Entfernung rund 650 Kilometer.

WOHNEN Schlosshotel Rheinsberg: direkt am Schloss gelegen, gut ausgestattete Zimmer, sehr gute Küche. Bis 29. Februar wegen Renovierung geschlossen, Eröffnungsangebot vom 1. März bis 5. April: 2 Ü/F ab 118 Euro. Tel. 03 39 31/390 59, www.schlosshotel-rheinsberg.de. Hotel am See Haus Rheinsberg: DZ ab 125 Euro (Ü/F). Tel. 03 39 31/34 40, www.hausrheinsberg.de. Es gibt auch zahlreiche kleinere Pensionen mit Preisen ab rund 40 Euro pro Person und Nacht, einschließlich Frühstück.

AKTIVITÄTEN Dampferfahrten und Bootsverleih (Saisonstart: 14. April) bei Reederei Halbeck, Tel. 03 39 31/393 90, www.schifffahrt-rheinsberg.de. Kutsch- und Kremserfahrten (im Winter Pferdeschlitten) bietet die Gaststätte Zum Rheinsberger Leuchtturm. Infos unter Tel. 033931/43 890, www.pension-leuchtturm.rheinsberg.de. Kanus für Touren auf den diversen Seen rund um Rheinsberg und auf dem Rhin bei Kanuvermietung Rheinsberger Seenkette, Tel. 03 39 31/21 31, www.kanuverleih-rheinsberg.de.

AUSKUNFT Tourist-Information Rheinsberg, Tel. 03 39 31/20 59, www.tourist-information-rheinsberg.de.

LITERATUR „Rheinsberg“ erscheint bei Rowohlt, hat 120 Seiten und kostet 9,90 Euro. Laut Presseabteilung ist eine Sonderedition zum Geburtstag des Buches nicht geplant.

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