Interview

Bayerische-Vorstand Martin Gräfer: „Erstmals ist Vernunft eingekehrt“

Vorstand Martin Gräfer (li.) im Gespräch mit tz-Reporter Uli Kellner.

Vorstand Martin Gräfer vom Löwen-Hauptsponsor „Die Bayerische“ spricht im tz-Interview über den Disput der Gesellschafter des TSV 1860.

Nach außen hin ist wieder Ruhe eingekehrt, seit es um den Jahreswechsel herum zur x-ten Konfrontation der beiden 1860-Antipoden gekommen war. Hasan Ismaik hatte sich wie gewohnt Zeit gelassen mit einer zugesagten Finanzspritze. Daraufhin sprach das e.V.-Präsidium um Robert Reisinger ein Machtwort: Ismaik dürfe den Verein weiterhin gerne unterstützen, aber nicht auf Basis von Darlehen oder Genussscheinen, sondern bestenfalls mit geschenkten Geldern. Bedeutet: Etat runter, Kader abspecken – und damit die sportlichen Perspektiven. Immerhin: Bauen können die Löwen weiterhin auf ihren Hauptsponsor. Was zur Frage führt: Wo steht eigentlich Die Bayerische im Disput zwischen den Gesellschaftern? Wir haben nachgefragt bei Martin Gräfer (49), Vorstand des Versicherungskonzerns. 

Herr Gräfer, der TSV 1860 kommt nicht zur Ruhe. Wie störend ist der Löwen-Hang zu Unruhe und Chaos? 

Was heißt Chaos? Die Bayerische ist jetzt gute drei Jahre im Boot und wir haben das Gefühl, dass es lange nicht so ruhig zugegangen ist. 

Wo steht denn die Bayerische? 

Man muss unterscheiden zwischen e.V. und KGaA. Was den e.V. angeht: Der ist aus meiner Sicht ganz hervorragend aufgestellt. Damit meine ich auch den Breitensport. Aber auch, was die KGaA betrifft, also den Profifußball: So viel geordnetes, planvolles Vorgehen wie jetzt haben wir nicht immer in den letzten drei Jahren festgestellt. Bis 2017 war der Enthusiasmus vor allem durch immense Geldausgaben geprägt. Nach dem Worst Case des Doppelabstiegs scheint erstmals Vernunft eingekehrt zu sein. Die Basisbildung ist erfolgt. 

Die Fronten scheinen aber verhärteter denn je zu sein. 

Es geht nicht darum zu sagen: Der darf mitspielen, der aber nicht mehr. Es geht eher um die Frage: Wie kann man Substanz reinbringen? Das werden zwar manche nicht gerne hören, aber eine KGaA ist letztlich ein Wirtschaftsunternehmen, und das muss auf wirtschaftlich gesunden Füßen stehen. 

Das ist schwer in Liga 3.

Deswegen muss das Ziel auch die 2. Bundesliga sein – allein schon wegen der Fernsehgelder. Der Weg dorthin sollte aber sauber und substanziell aufgebaut sein. Zusätzliche Darlehen und Kredite bringen nicht zwangsläufig zusätzlichen Erfolg. 

Es gibt genug abschreckende Beispiele in dieser Spielklasse, die nicht ohne Grund Insolvenzliga genannt wird.

Sechzig ist eine Ausnahme. Die Fanbasis ist legendär. Dieser Verein kann auch in der 3. Liga konsolidieren. 

Und zwar wie? 

1860 hat eine sehr breite und loyale Sponsoring-Gemeinde. Da zählt auch die Bayerische dazu. Die Marke 1860 ist es wert, sich zu engagieren. Wir unterstützen jeden, der Lust dazu hat, 1860 als Sponsor zu begleiten. Auf der anderen Seite muss man an der Kostenstruktur ansetzen. 

Wo sehen Sie da Möglichkeiten?

Wenn ich das richtig gelesen habe, hat ja der e.V. angeboten, das NLZ zu übernehmen. Das halte ich für eine gute Idee. Wenn man alleine die Kosten für das NLZ aus dem KGaA-Budget herausnimmt, ist das schon mal ein erheblicher Beitrag für eine Konsolidierung. Sportlicher Erfolg ist natürlich erforderlich. Wenn man dann zwei, drei Jahre konsolidiert, kann man gezielt investieren – und dann mit dem einen oder anderen Momentum Glück das Ziel Aufstieg sehr ernsthaft angehen. An dieser Stelle möchte ich auch Herrn Scharold ein großes Lob zollen. Er geht sehr substanziell vor. 

Also ist es richtig, künftig auf Ismaik-Darlehen und Genussscheine zu verzichten? 

Wie gesagt: Es ist wichtig, eine Substanz aufzubauen. Darlehen sind im Moment nicht das richtige Instrument. Es sei denn, es gibt einen ganzheitlichen Plan. Dazu müssten sich aber beide Gesellschafter an einen Tisch setzen und eine gemeinsame, übergreifende Idee entwickeln. Das ist aber nicht sehr realitätsnah im Moment. Trotzdem: Das Ziel muss die 2. Bundesliga sein. 

Ihr Rat an Ismaik? 

Wenn ihm daran gelegen ist, die Werthaltigkeit seines Investments zu steigern, wäre es eine supergute Idee, Sponsorenmittel einzubringen.

Im Mai ist Ismaik acht Jahre bei 1860. Zig Präsidenten, Geschäftsführern und Räten ist es nicht gelungen, einen Konsens herzustellen. Gibt es etwas, das Sie auf ein Miteinander hoffen lässt? 

Gräfer: Das ist jetzt die schwerste Frage von allen. Wir haben Herrn Ismaik kennengelernt, können uns aber kein Bild über seine Motivlage machen. Ich persönlich bin ein Freund davon, dass man miteinander spricht. Wenn man allerdings feststellt, dass die Ehe gar nicht mehr zu kitten ist, muss man konsequent handeln. In diesem Fall wäre es sicher ein Thema, über eine Trennung, sprich Scheidung, nachzudenken. Aktuell ist aber jeder gut beraten, an den Verein zu denken, an den sportlichen Erfolg. Ich glaube sogar, dass das Streben danach beide Seiten einen könnte.

Lesen Sie auch: „Chaosklub“-Schelte vom Präsidenten - Neuer Zoff bei 1860?

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