Ende nach 27 Jahren

Christl Estermann sperrt Löwenstüberl zu: „Es war mein Traumleben“

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Die Wirtin und die Fans: Beim Heimspiel gegen Kaiserslautern wurde Christl Estermann offiziell verabschiedet.

An diesem Montag sperrt Christl Estermann das Löwenstüberl zu. In 27 Jahren gab sie alles, was sie hat: ihre Leidenschaft, ihre Zeit – und leider auch ihr Geld. Ein Besuch an dem Ort, der viel über 1860 erzählt, aber noch viel mehr über die Frau, die ihn mit Leben füllte.

VON CHRISTOPHER MELTZER

München – Am letzten Freitag des Jahres sitzt eine alte Frau in dem kleinen Stüberl in der Grünwalder Straße 114 und zittert sich eine Zigarette zum Mund. Eigentlich darf sie hier gar nicht rauchen, aber das ist ihr egal, weil sie hier die Regeln macht. Seit 27 Jahren spaziert sie fast jeden Tag aufs Gelände des TSV 1860, durch das blaue Tor, biegt links ab, quetscht sich an den Bierbänken vorbei und schließt die Tür des Löwenstüberls auf, an dem ihr Name steht und in dem sie jetzt sitzt. Wenn sie aber am Dienstag, am 1. Januar, wiederkommt, hat sie keinen Schlüssel mehr, irgendwann wird dann auch ihr Name an der Tür verschwunden sein. Die Frau zieht hastig an ihrer Zigarette, legt sie in den Aschenbecher. Sie weint. „Es tut mir furchtbar weh“, sagt Christl Estermann. „Aber alles geht mal zu Ende.“

Man kann das Ende im Löwenstüberl an diesem Freitag schon sehen. An den Wänden zum Beispiel. Früher waren sie mit Erinnerungsstücken dekoriert, geblieben sind nur: ein Poster der Meistermannschaft von 1966, drei Fanschals, zwei Bilder, eine Fernsehhalterung ohne Fernseher, eine Pendeluhr, ein Kreuz. Früher erzählte das Stüberl auf nur 59 Quadratmetern die nie langweilige Geschichte des TSV 1860, eines Fußballvereins, der dieMenschen in München stets bewegte, weshalb er sich vielleicht noch immer für etwas wichtiger hält, als er eigentlich ist. Heute aber erzählt das Stüberl die tragische Geschichte von Christl Estermann, 75, der Wirtin, die 1992 angefangen hat, jetzt aber nicht mehr kann, weil sie hier alles gelassen hat: ihre Liebe, ihre Leidenschaft, ihre Freizeit – und leider auch ihr Geld. Ab dem 1. Januar bleiben ihr 250 Euro pro Monat, mehr gibt die Rente nicht her. Sie wird zum Sozialamt gehen müssen. Trotzdem sagt sie: „Es war mein Traumleben.“

„Du musst für jeden ein Sprücherl haben“

An diesem letzten Freitag des Jahres kommt Christl Estermann zu spät ins Stüberl. Sie war beim Friseur, für ihren Abschied hat sie sich die Haare noch mal blond färben lassen. Jetzt, um kurz nach 12, steht sie mit zwei Papiertüten vor der Bar, in einer sind Weißwürste, in der anderen Brezn. „Und die Eier?“, fragt ihre Mitarbeiterin. „Hab’ ich gestern gekauft“, sagt sie, „die müssen hinten sein.“ Sind sie aber nicht. Estermann grummelt, dreht sich, zeigt auf einen Tisch mit vier alten Männern, zählt laut durch: Eins, zwei, drei, vier. Dann sagt sie: „Da sind doch genug Eier.“ Die Männer lachen. Estermann sagt: „Du musst für jeden ein Sprücherl haben.“

Am Holztisch neben der Bar sitzen an diesem letzten Freitag des Jahres jene vier Männer, die dort so viel Zeit verbringen, dass die meisten beim TSV 1860 gar nicht mehr wissen, wann sie sich eigentlich das erste Mal hingesetzt haben. Heute jedenfalls kam der Falk schon um kurz vor 10, dann nacheinander der Herrmann, der Gerhard und der Günter. Sie treffen sich im Löwenstüberl, um zu trinken, zu essen (Schinkennudeln), zu schafkopfen und natürlich um zu schimpfen. Über Trump, über Steinmeier, über 1860. Sie treffen sich auch, um sich zu helfen. An diesem Morgen etwa versuchen sie herauszufinden, warum der Falk mit seinem Klapphandy plötzlich keine SMS versenden kann. Der Falk übrigens kennt die Christl am längsten, er ging schon zu ihr, als sie noch in der Giesinger Kneipe C2 arbeitete. Und als der Gastronom Karl-Heinz Wildmoser, damals 1860-Präsident, ihr das Stüberl anvertraute, kam der Falk einfach mit. Es ist nämlich so: Vor allem treffen sich der Falk und seine Freunde hier, weil sie ihre Christl mögen, die seit 27 Jahren jeden Tag ein Sprücherl für sie hat.

Am Holztisch neben der Garderobe sitzt ein paar Minuten später Christl Estermann und denkt noch mal an früher. Sie erzählt dann, dass sie eigentlich in Erfurt geboren ist, mit ihrer Mutter aber nur vier Wochen später nach München zog, weshalb sie auch eine Ur-Münchnerin sei. Sie erzählt, dass sie gelernte Textilkauffrau ist, die erst durch ihren Mann (mit dem sie zwei Töchter hat und der recht früh gestorben ist) zur Gastronomie kam. Und irgendwann erzählt sie noch, dass sie damals auch gehofft hat, beim TSV wieder einen Mann zu finden und dass es auch schon ein paar gegeben hätte, aber ihr selbst für Männer irgendwann die Zeit gefehlt habe.

Dem Löwenstüberl und Estermann fehlte das Geld

An den zwei Tischen, dem neben der Bar und dem neben der Garderobe, kann man zumindest ein bisschen die jüngere Geschichte des TSV 1860 nacherzählen. Neben der Garderobe saß zwischen 1994 und 1997 hin und wieder der Spieler Manfred Schwabl, der einmal angeblich drei Wurstsemmeln und eine Portion Schinkennudeln bestellt hat. Und als Christl Estermann fragte, ob er das alles jetzt gleich essen wolle, meinte Schwabl nur: „Ja, i hab’ ja no an weiten Weg hoam.“ Neben der Bar saß von 1992 bis 2001 dann meistens der Trainer Werner Lorant, der stets einen „Expresso“ bestellte und den Estermann mehr mochte als die vielen Trainer, die nach ihm kamen. Ihr gefiel einfach seine derbe Art. Sie erwischte ihn mal, wie er seine Spieler um 4 Uhr morgens über den Trainingsplatz neben dem Stüberl scheuchte. „Die haben verloren“, sagte er, „die sollen büßen.“ Einmal aber, erinnert sie sich, schlich Lorant ins Stüberl, die Trainingsjacke über den Arm gehängt. Was los sei, habe sie sofort gefragt. Er sagte: „Die haben mich entlassen.“ Heute sagt Estermann: „Das war ein schlimmer Tag für mich.“

17 Jahre ist das nun her, die schlimmen Tage sind seitdem aber mehr geworden. Dem Löwenstüberl und seiner Wirtin fehlte das Geld. „Ich bin ein Mensch, der es gut meint, der das Gute sucht“, sagt sie. Vielleicht findet sich da der Fehler. Vielleicht hätte sie nicht Angestellte beschäftigen sollen, die sie sich eigentlich nicht leisten konnte. Vielleicht hätte sie strenger abkassieren sollen, auch bei den „Expressos“. Vielleicht hätte ihr zuletzt auch der Verein helfen müssen (Estermann: „Da will ich mich nicht auslassen, das gibt nur böses Blut“). Die vergangenen zwei Jahre hielt sie nur durch, weil der Investor Hasan Ismaik ihr die Miete bezahlte.

Jetzt also sperrt Christl Estermann ihr Stüberl zu. Es soll wieder aufmachen, ohne sie. In diesen letzten Tagen hat ihr die Stadt noch einen Brief geschickt. Ein strenger Gast hatte beklagt, dass im Stüberl geraucht wird. Doch der Christl können nicht mal die bayerischen Bürokraten böse Briefe schreiben. Sie wiesen freundlich darauf hin, das mit dem Rauchen doch bitte zu lassen.

An diesem letzten Freitag des Jahres drückt Estermann am Tisch neben der Garderobe die Zigarette aus, es war vermutlich nicht ihre letzte. Auf sie kommen schwere Zeiten zu, die Last der Armut kann erdrückend sein. Und obwohl sie das weiß, sagt sie noch mal: „Es war mein Traumleben. Ich war da, wo ich hingehört hab.“

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