Abschiedsbesuch bei Wirtin Estermann

Ende einer Ära bei 1860 nach 27 Jahren: Bald sperrt Christl das Löwenstüberl zu

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Schön war die Zeit: Christl vor dem Stüberl

Ende einer Ära beim TSV 1860 München: Am 31. Dezember ist Schluss. Dann wird Christl Estermann (75) ihren Schlüssel nehmen und ein letztes Mal das Löwenstüberl zusperren.

„Mir kommen die Tränen bei dem Gedanken aufzuhören“, sagt sie mit feuchten Augen. „Es tut furchbar weh.“

27 Jahre lang war Estermann die Wirtin des Stüberls am Trainingsgelände der Löwen. Vom Biergarten aus konnte man mit den legendären Schinkennudeln – die Geheimzutat ist Butterschmalz – beim Training zuschauen, Spieler und Trainer kamen und gingen – die Christl aber blieb. Bis jetzt. „Ich habe schon ein Problem damit, aufzuhören“, sagt sie. „Das ist ja wie mein Wohnzimmer! Die Jahre kann man nicht einfach verschwinden lassen.“

TSV 1860: Ein Lächeln über die alten Geschichten

Ein Lächeln formt sich in Christls Gesicht, wenn die Rede auf die alten Geschichten kommt. Wie etwa, als sie in einem Trainingslager Spielern Wein in ihr Zimmer schmuggelte. „Ich verrate nicht, wer das war“, sagt sie. „Der Werner Lorant hat mich dafür geschimpft.“ Die Zeit unter dem langjährigen Trainer ist für sie sowieso die schönste gewesen. Die „Expressos“, die Lorant bei ihr trank, passen auf kein Löwen-Fell. Bezahlen musste er dafür nicht. Anders als Falko Götz. Der „schöne Falko“, wie er bei 1860 auch genannt wurde, führte die Löwen als Trainer 2004 an den Rand des Abstiegs, der überforderte Gerald Vanenburg konnte den Sturz nicht mehr verhindern. Neben einem sportlichen Fiasko hinterließ Götz auch eine 30-Euro-Zeche im Stüberl. Nach Estermanns Aufforderung überwies er das Geld – und schickte der Wirtin noch ein Packerl Tempos dazu. Zum Tränentrocknen.

Freunde fürs Leben: Christl und Lorant

Ob es auch was Schönes am Abschied gibt? Die Christl muss lange überlegen. „Schwierig…“, meint sie. „Das hier war meine Erfüllung!“ Also wieder zurückschauen. Der verstorbene Löwen-Präsident Karl-Heinz Wildmoser hatte vor fast drei Jahrzehnten die Wirtin der Giesinger In-Kneipe „C2“ angefragt, ob sie nicht Lust hätte, eine Wirtschaft auf dem Sechzger-Gelände zu führen. „An meinem ersten Tag war ich aufgeregt“, erinnert sich Estermann. „Ich wusste damals nicht, was mich erwarten würde.“

So berichteten wir im Sommer 2017: Überraschung: Christl bedient doch weiter im Löwenstüberl

Im Stüberl sitzen jetzt ein paar Gäste. „Ich habe gelesen, dass Sie aufhören“, sagt eine ältere Frau und schüttelt der Wirtin die Hand. „Ich musste Sie unbedingt noch einmal besuchen!“ Das sind Momente, wie Estermann sie liebt. Mit den Gästen ratschen, Karten spielen. „Ich habe hier viele Freunde gefunden“, sagt sie.

Die Schinkennudeln sind legendär – das Geheimnis ist Butterschmalz.

Von den aktuellen Spielern, lässt sich kaum noch einer blicken. Früher war das anders. Thomas Miller, Bernhard Winkler, Michael Hofmann, Phillipp Tschauner, die Bender-Brüder – die Liste ihrer Lieblingsspieler ist lang. Ihre ewige Nummer Eins bleibt – neben Lorant – aber Manni Schwabl. „Der hat hier drei Semmeln gegessen und wollte dann noch die Schinkennudeln!“, erinnert sich die Christl an den heutigen Haching-Präsidenten. „Der kam regelmäßig zu Besuch – ein Stammgast.“

Im Stüberl sind mittlerweile die Würstl ausgegangen. Keine Wiener mehr, keine Weißwürste – kein tragbarer Zustand. Zu Estermanns Glück bietet ein Stammgast ihr an, zum Metzger zu fahren und für sie einzukaufen. Als er nach draußen geht, fällt der Christl plötzlich doch noch etwas Gutes an ihrem Abschied ein: „Die Sorgen und der Druck sind bald weg…“ Wirklich glücklich wirkt sie dabei aber nicht.

Lesen Sie auch: Nach Abschied der Kult-Wirtin - so geht’s mit dem Löwenstüberl weiter

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