Düsseldorf-Trainer über seine Löwen-Zeit

Funkel im Interview: „1860 wollte meinen Weg nicht mitgehen“

Friedhelm Funkel als Löwen-Trainer vorgestellt
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Wiedersehen mit zwei Ex-Löwen: Geschäftsführer Robert Schäfer und Trainer Friedhelm Funkel, wiedervereint bei Fortuna Düsseldorf. Beim TSV 1860 waren die beiden im Jahr 2013 nur für wenige Wochen ein Gespann.

München – Am Freitag empfängt Ex-Löwen-Trainer Friedhelm Funkel de TSV 1860 in Düsseldorf. Im großen Merkur-Interview spricht er über seine Zeit bei den Münchnern.

Kein Trainer ist länger dabei, keiner hat mehr Aufstiege geschafft, nur beim TSV 1860 ist auch Friedhelm Funkel, 63, an seine Grenzen gestoßen. Am 7. Spieltag der Saison 2013/14 sprang er für den unerfahrenen Alexander Schmidt ein, sechs Spieltage vor Schluss musste er schon wieder gehen. Verlängert hätte er ohnehin nicht, denn all das, was er jetzt bei Fortuna Düsseldorf schätzt, hat dem Trainerroutinier damals gefehlt: ein schlüssiges Konzept, eine Vereinsführung mit Weitsicht, Ruhe und die Nähe zu seiner Heimat Neuss. Wir sprachen mit dem Dino der deutschen Fußballlehrer-Gilde, der am Freitag mit Fortuna Düsseldorf auf seinen Ex-Klub TSV 1860 trifft.

Grüß Gott Herr Funkel, darf man schon zum Klassenerhalt gratulieren? Ihre Fortuna hat satte 9 Punkte mehr als zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison ...

Friedhelm Funkel: Nein, nein, nein. Da darf man noch nicht gratulieren. Wir stehen zwar im gesicherten Mittelfeld, also genau da, wo wir uns vor der Saison gesehen haben. Aber wir haben eine Englische Woche vor der Brust, und was da passieren kann, hat man in Düsseldorf letzte Saison gesehen ...

Sie spielen auf die Spieltage 23 bis 25 an, als die Fortuna unter Ihrem Vorgänger Marco Kurz binnen sieben Tagen neun Punkte Vorsprung auf den TSV 1860 verspielte. Hat die Mannschaft aus dieser Erfahrung gelernt?

Funkel: Es ist ja eine ganz andere Mannschaft inzwischen. Von damals ist kein einziger Spieler übrig geblieben – im Kader vielleicht, aber nicht auf dem Feld. Was letztes Jahr war, spielt auch überhaupt keine Rolle. Uns interessiert nur das Hier und Jetzt, und was das angeht, sind wir gut dabei mit unseren 33 Punkten.

Im Hinspiel führte Düsseldorf gegen Sechzig nach 45 Minuten 3:0

Die Favoritenrolle für Freitag dürfte Ihnen jedenfalls gewiss sein. Schon das Hinspiel war ja ziemlich eindeutig. 3:0 zur Pause für Ihr Team ...

Funkel: Ja, gut. Da sind wir aber auch hervorragend ins Spiel reingekommen ... Trotzdem hat uns 1860 in der zweiten Halbzeit noch mal richtig in Bedrängnis gebracht. Ich denke: In dieser 2. Liga gibt es keinen Favoriten, bis auf vielleicht Stuttgart oder Hannover. Ob du jetzt auswärts spielst oder zu Hause – das ist doch völlig egal, weil alles sehr, sehr ausgeglichen ist.

Die Bilanz der Fortuna spricht aber eine andere Sprache: Auswärts gab es schon 19 Punkte, zu Hause nur 14. Wie kommt das?

Funkel: Das kann passieren. Wo wir die Punkte holen, ist letztlich auch egal, wobei es mir zu Hause schon lieber wäre. Ich denke, wir spielen da vielleicht ein bisschen zu forsch mit unseren vielen jungen Talenten. Wir haben ja seit einiger Zeit sechs Spieler in der Anfangsformation, die jünger sind als 23. Die lassen sich natürlich gerne vom Publikum nach vorne treiben.

Sie haben das Team umgebaut, verjüngt – und offenbar auch offensiver ausgerichtet. Nach acht Spielen mit nur einem Torerfolg gab es zuletzt sechs Punkte mit sechs Toren aus drei Partien.

Funkel: Wissen Sie: Vieles im Fußball lässt sich nicht erklären. Es ist ja keiner länger dabei als ich, daher weiß ich: Es gibt solche Serien. Du gewinnst vor allem auswärts, du machst dauernd Tore nach Standards ... Sicher ist nur, dass all diese Serien irgendwann brechen. Du darfst nur nicht die Geduld verlieren und schon gar nicht das Vertrauen. Dafür gibt es aber auch keinen Grund. Es ist eine ganz tolle Mannschaft mit einem super Teamspirit, wie ich ihn überhaupt noch nicht erlebt habe.

„Jugendarbeit der Löwen ist ein Gut, das man mit Geld gar nicht bezahlen kann“

Stichwort Vertrauen: Die Fortuna-Führung um den früheren 1860-Boss Robert Schäfer hat Sie auch während der Ergebniskrise gestützt. Bei 1860 dagegen hieß es unter dem damaligen Präsidenten Gerhard Mayrhofer: Funkel lässt zu unansehnlich Fußball spielen. Hat Sie das getroffen?

Funkel: Überhaupt nicht. Wer spielt denn attraktiven Fußball in der 2. Liga? Entscheidend ist, dass du Spiele gewinnst und Punkte machst. Die Sechziger standen doch nach mir nie mehr so gut da in der Tabelle (Funkel lag auf Platz 9, als er gehen musste/Red.). Daran sieht man, dass das vielleicht aus der Verärgerung heraus gesagt wurde – weil ich schon im Winter angekündigt hatte, dass ich im Sommer nicht weitermache. Sie wollten ja im Februar mit mir verlängern, aber ich hab klar gesagt: ,Nein, das mache ich nicht. Ich sehe hier, so wie gearbeitet wird, keine Perspektive.’

Sie hatten ja sogar gesagt, dass Sie für kein Geld der Welt verlängert hätten. Woran lag das genau?

Funkel: Man wollte meinen Weg eben nicht mitgehen. Ich wollte es so machen wie jetzt bei der Fortuna: Die Mannschaft stark verjüngen, viele deutsche Spieler einbauen, auch aus dem eigenen Nachwuchs. Julian Weigl hatte ich bereits integriert, Maxi Wittek war schon da, Marius Wolf wäre der Nächste gewesen ... Die Jugendarbeit, die ist so gut bei den Löwen! Das ist ein Gut, das man mit Geld gar nicht bezahlen kann. Das alles wollte die damalige Führung aber nicht. Sie wollten stattdessen eine Multikulti-Truppe aufbauen, was sie dann ja auch gemacht haben. Sie haben einen Multikulti-Trainer geholt (den Niederländer Ricardo Moniz, der nach sieben Spieltagen gehen musste/Red.), Spieler aus Uruguay, von Barcelona B, was weiß ich woher? War anscheinend nicht der richtige Weg.

Das ewige Theater in München könnte Sie in Ihrem Entschluss bestätigen. Was denken Sie sich, wenn Investor Hasan Ismaik mal wieder bundesweit Schlagzeilen sorgt?

Funkel: Grundsätzlich ist es Wahnsinn, was dieser Mann für Geld reinpumpt. Das muss man schon anerkennen. Nur: Die Art und Weise, wie das gemacht wird, hat bis jetzt keinen Erfolg gebracht. Alles ist versandet, der Klub keinen Schritt weitergekommen ...

„Wahnsinn, was dieser Mann an Geld reinpumpt ...“

Ein hartes Urteil.

Funkel: Fakt ist: Es ging stetig bergab. Aber: Jetzt haben sie noch mehr Geld in die Hand genommen und mit Vitor Pereira einen exzellenten Trainer geholt – laut seiner Vita. Vielleicht kriegen sie mit ihm die Kurve. Im Moment sieht es ein bisschen danach aus. Die Ergebnisse bisher sind gut, im Sommer werden sie sicher noch mal richtig investieren, und dann könnte es sein, dass die Löwen in der neuen Saison mal wieder ein Kandidat für die Aufstiegsplätze sind.

„Aigner würde ich mit Kusshand nehmen“

So lautet ja auch das erklärte Ziel: Aufstieg 2018. Sie halten das also für realistisch?

Funkel: Viele der neuen Spieler sind gut. Den langen Ba da hinten sehe ich als Persönlichkeit, Amilton ist pfeilschnell, und Aigner ist für mich sowieso einer der Topspieler der 2. Liga. Den würde ich mit Kusshand nehmen, dem muss man nur Vertrauen geben. Mit diesem Trainer und dem ganzen Geld traue ich ihnen zu, dass sie den Aufstieg möglicherweise hinbekommen. Was das für die Identität des Vereins bedeutet, wenn kaum noch ein Spieler dabei ist, der deutsch ist und aus München kommt, das steht auf einem anderen Blatt. Aber der Erfolg heiligt ja oftmals die Mittel.

Sie selber scheinen ja in Düsseldorf ein spätes Glück gefunden zu haben.

Funkel: Ach, ich hab schon viele glückliche Stationen gehabt, da zähle ich 60 München auch dazu. Ich bereue da nichts, das ist ein absolut geiler Klub. Wenn dort früher richtigere Entscheidungen getroffen worden wären, dann wäre man jetzt auch schon einen Riesenschritt weiter.

„Mittelfristig wollen wir natürlich nach oben, keine Frage“

Wie man aufsteigt, weiß keiner besser als Sie. Fünf Vereine haben Sie nach oben geführt, mit Bochum beinahe noch einen sechsten. Ihr Ziel mit der Fortuna dürfte klar sein.

Funkel: Schauen wir mal, was nächstes Jahr möglich ist. Ich spüre das Vertrauen der Führung, die meinen Weg mitgeht. Robert Schäfer hat mich ja damals auch nach München geholt, wurde aber leider nach fünf Wochen beurlaubt. Mir macht es einen Riesenspaß hier, ich arbeite eine Viertelstunde von zu Hause weg – das passt alles wie die Faust aufs Auge. Mittelfristig wollen wir natürlich nach oben, keine Frage. Wir drängen aber nicht, für so ein Ziel muss schließlich alles passen.

Am Freitag müssen noch mal alle Ansprüche zurückgeschraubt werden. Es trifft das drittschlechteste Heim- auf das zweitschlechteste Auswärtsteam. Dürfte auf ein Remis herauslaufen, oder?

Funkel: Dann würden zumindest beide Serie halten, aber manchmal hofft man ja, dass sie zu Ende gehen (lacht). Wir sind auf jeden Fall gewarnt. Wir wissen, dass die Löwen gut sind – und dementsprechend bereiten wir uns vor.

Das Gespräch führte Uli Kellner

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