Spieler ohne Bundesliga-Erfahrung

Die Löwen haben ein Transfer-Problem

Vitor Pereira schlendert nachdenklich über den Trainingsplatz. 
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Vitor Pereira schlendert nachdenklich über den Trainingsplatz. 

München - Der TSV 1860 München ist aktuell sehr aktiv auf dem Transfermarkt. Doch: Die Verpflichtung vieler bundesligaunerfahrener Spieler birgt auch Gefahren in sich. 

Ba heißt der Neue, Abdoulaye Ba. 1,97 Meter ist der Innenverteidiger groß, wiegt 80 Kilogramm und kommt vom FC Porto. Gespielt hat er da wenig, wurde zumeist ausgeliehen, alleine in den vergangenen zwei Jahren spielte er für den spanischen Erstligisten Rayo Vallecano und die türkischen Vereine Fenerbahce Istanbul und Alanyaspor. Am Dienstag wurden noch zwei weitere potentielle Neuzugänge an der Grünwalder Straße gesichtet: der brasilianische Außenstürmer Amilton, 27, und der ghanaische Linksverteidiger Lumor, 20. Beide vom portugiesischen Zweitliga-Tabellenführer SC Portimonense. Und am Mittwoch schlenderte Christian Gytkjaer von Rosenborg Trondheim über das Trainingsgelände. Gytkjaer ist Torschützenkönig in Norwegen, Ba spielte schon Europa League, beides vielversprechende Namen.

Ausnahmen Osako und Vallori

Doch was Einkäufe von Spielern, die noch keine Erfahrung in den deutschen Ligen sammeln konnten, dem TSV 1860 München gebracht haben, zeigt die Vergangenheit. Seit der jordanische Investor Hasan Ismaik im Mai 2011 bei den Löwen eingestiegen ist, wechselten (Ba dazugerechnet) 19 Spieler ohne Deutschland-Erfahrung zu den Löwen. Kaum einer konnte die Mannschaft direkt verstärken, einzige Ausnahmen waren Yuya Osako (nach einem halben Jahr zu Köln) und Gui Vallori (mittlerweile in der dritten spanischen Liga). Die Liste der Fehleinkäufe ist lang: Grigorios Makos, Ismael Blanco, Leonardo, Rodri, Edu Bedia, Ilie Sanchez - vor allem von den drei Spaniern erhoffte man sich bei 1860 deutlich mehr. 

Die Geschichte des Vereins zeigt: Die Verpflichtung von Spielern ohne Bundesligaerfahrung birgt mehrere Risiken: 

Härte in der 2. Liga

In der 2. Bundesliga geht es oft ruppig zu, viele Spieler, vor allem aus dem südeuropäischen Raum, sind an ein gepflegteres Spiel gewöhnt, brauchen dementsprechend lange, sich an die Härte in Deutschland anzupassen. Viele scheitern. 

Sprachbarriere

Bis auf Gary Kagelmacher (kam 2014 aus Monaco) sprachen die meisten Neuverpflichtungen aus dem Ausland kein Deutsch, die Kommunikation im Training und vor allem auf dem Platz muss dementsprechend auf Englisch stattfinden. Taktische Feinheiten gehen so leicht verloren. Hinzu kommt, dass mit Vitor Pereira der Trainer aus Portugal stammt. Der spricht nur leidlich Englisch, braucht einen Dolmetscher, um zur Mannschaft zu sprechen. 

Anpassungsschwierigkeiten

Die Sprachbarriere führt zum nächsten Problem: Ist die Kommunikation zwischen den Spielern durch unterschiedliche Muttersprachen gestört, so ist es für einige Neuankömmlinge abseits des Trainingsplatzes schwierig, Anschluss zu finden. Umso länger ein Spieler unter Anpassungsschwierigkeiten leidet, umso länger wird es ihm schwerfallen befreit aufzuspielen. 

Grüppchenbildung

Sprechen mehrere Spieler eine Sprache, kann es zu Grüppchenbildungen innerhalb des Mannschaftsgefüges kommen. Bestes Beispiel sind die drei Spanier Edu Bedia, Ilie Sanchez und Rodri, die im Sommer 2014 von Barcelona B kamen. Die drei schotteten sich schnell vom Rest des Teams ab, einzig der Uruguayer Gary Kagelmacher hatte ab und zu Zugang zu der Gruppe. Im Team herrschte schnell eine schlechte Stimmung, die drei beendeten schnellstmöglich ihr Abenteuer in Deutschland und flohen zurück nach Spanien. 

Identifikationsproblem

Eine weitere Gefahr birgt die mangelnde Identifikation mit dem Arbeiterverein 1860 München. Die Blütezeit des TSV ist längst vorbei, der Verein gerät in Europa schnell wieder in Vergessenheit. Kaum ein Spieler aus den europäischen Ligen kennt die Löwen noch, geschweige denn kann sich mit dem Verein identifizieren. Wer nur für Geld und nicht auch für den Verein und seine Fans spielt, der wird schlechtere Leistungen auf den Platz bringen. Und: Umso weniger „echte Löwen“ in der Mannschaft stehen, umso schwieriger gestaltet es sich, die Leidenschaft des Arbeitervereins aus Giesing vorzuleben. Die 2. Liga lebt von Leidenschaft und Einsatz, Sechzig steht momentan nicht mehr für diese Werte. 

Kaum einer will zu Sechzig

Vielleicht ist der Grund für die Verpflichtung der vielen bundesligaunerfahrenen Spieler auch, dass kaum einer, der das Chaos rund um den TSV 1860 kennt, sich freiwillig dort hinein begibt. Der Verein hat sich in der Vergangenheit nicht gerade als Karriere-Pusher erwiesen. Gestandene Zweitliga-Spieler wie Alexander Ludwig, Moritz Volz oder aktuell Daniel Adlung entwickeln sich eher zu Mitläufern als zu Führungsspielern. Das schreckt ab, 1860 ist für viele kein attraktiver Arbeitgeber, trotz der schönen Stadt, in der der Klub beheimatet ist.  

Mit oder ohne neue Spieler: Es bleibt abzuwarten, ob der neue Trainer Vitor Pereira die Kurve kriegt und die Lethargie rund um das Grünwalder Stadion wieder aufbrechen kann.

Fabian Müller

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