60-Baustellen: Probleme an allen Fronten

Löwen-Trainer Rainer Maurer.

München - Kein Erfolg, kein Geld, keine Zuschauer, keine Perspektive – die Löwen befinden sich in einem existenzbedrohenden Teufelskreis. Wir haben die Baustellen des Vereins analysiert.

Der Vorteil eines weitgehend leeren Stadions ist, dass sich Sponsoren viel Fläche bietet, ihre Werbebotschaften zu transportieren. Ein den östlichen Oberrang umspannendes Transparent forderte am Samstag, beim Spiel der Löwen gegen den VfL Bochum (Endstand 1:3): „Tooooooore schießen! Der Rest ist M-Sache.“ Wobei das „M“ nicht für Reiner Maurer steht, den Trainer, sondern für einen Geldgeber, der zwischen den Kategorien „Premium Partner und „Löwenfreunde“ angesiedelt ist. Den Löwen wäre es natürlich lieber, die Ränge wären gefüllt mit Zuschauern und die Mannschaft würde auch ohne Extraaufforderung ins Schwarze treffen, doch beides ist ein frommer Wunsch.

Das Sparbuch des TSV 1860

Das Sparbuch des TSV 1860

Geschäftsführer Robert Schäfer hat eine denkbar schwere Aufgabe zu lösen: Er muss die Löwen möglichst schnell gesundsparen, ehe ihnen von der DFL weitere Punkte oder gar die Lizenz entzogen wird. © sampics
Schäfer ging zum Amtsantritt gleich mit gutem Beispiel voran und kürzte das eigene Gehalt um 20 Prozent. Wir zeigen, wo die Löwen im vergangenen Jahr den Rotstift ansetzten. Sogar mit Schampus wird gespart ... © sampics
Schäfers Vor-Vorgänger Manfred Stoffers (l.) hatte es mit einem Finanzkonstrukt, der Löwen-Anleihe, versucht. Mehrere Millionen Euro sollten die Fans dem Verein für fünf Jahre zur Verfügung stellen, dafür sechs Prozent Zinsen pro Jahr kassieren und sich derweil eine Schmuckurkunde an die Wand hängen können. Stand Mitte Dezember wurde laut "Bild" nicht mal eine Million Euro erzielt. © sampics
In der vergangenen Saison wurden unter Stoffers die Dauerkarten zwar teurer, aber dafür mit Geld-zurück-Garantie ausgegeben. Sollten die Löwen am Saisonende auf Platz zehn oder darunter landen, erhalten Jahreskarten-Käufer fünf Prozent des Ticketpreises zurück. Die Löwen wurden Achter und sparten sich eine Stange Geld. © sampics
Kommen wir zum personellen Aderlass: Teammanager und Pressesprecher Robert Hettich musste im Dezember 2010 seine Sachen packen. Der Posten des Teammanagers wurde nicht nachbesetzt, die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt. Lil Zercher, die als Praktikantin bei den Löwen begann, stieg zur Pressesprecherin auf. © sampics
Finanz-Controller Wolfgang Blumenröder, der von Ex-Geschäftsführer Robert Niemann engagiert worden war, erhielt während der Probezeit die Kündigung. „Das stimmt“, sagte Blumenröder, „ich bin jetzt Ex-Controller…“ © dpa
Ewald Lienen und Co-Trainer Abder Ramdane verließen die Löwen im Sommer 2010, um Olympiakos Piräus trainieren zu dürfen. Zähneknirschend erteilten die Löwen dem Trainer die Freigabe. Ob und wieviel Geld dabei als Entschädigung geflossen ist, bleibt unklar. © dpa
Sicher ist: Mit Reiner Maurer kam ein vergleichsweise preiswerter Ersatz. © sampics
Lienen lotste auch José Holebas zu Piräus. "Für uns ist der Transfer wirtschaftlich sinnvoll", erklärte Löwen-Sportdirektor Miki Stevic damals. © sampics
Lienens Griechenland-Intermezzo endete zwar schon nach zwei Monaten, er heuerte danach aber bei Arminia Bielefeld an. Dorthin holte er für die Rückrunde zwei weitere Löwen: Sandro Kaiser ... © sampics
... und Eke Uzoma. Beide sind somit bis auf Weiteres von der Löwen-Gehaltsliste. © sampics
Auf der schlug auch Savio Nsereko Anfang der Saison voll zu Buche. Doch Savio glänzte mehr mit Abwesenheit, denn mit tollen Aktionen. Nachdem er sich wochenlang nicht gemeldet hat, wurde ihm gekündigt. © dpa
Aleks Ignjovski ist noch da, hat aber einen Vorvertrag beim AC Florenz unterschrieben, der allerdings nichtig wird, sofern ein anderer Verein mehr bietet. © sampics
Moritz Leitner wurde für eine Million Euro an Borussia Dortmund verkauft, sollte aber ursprünglich auf Leihbasis bis zum Start der Saison 2010/11 bei den Löwen bleiben. Nur sparen sich die Löwen auch das Rückrundengehalt des Youngsters, der lieber für den FC Augsburg spielt. © sampics
Juan Barros (l.) wurde in der Winterpause wieder weggeschickt, weil er sich nicht durchsetzen konnte. Gehalt gespart! © sampics
Peniel Mlapa wurde im vergangenen Sommer für kolportierte 1,3 Millionen Euro zur TSG Hoffenheim geschickt. Wieder war ein Stück Tafelsilber futsch. © Getty
Alle verbliebenen Spieler sollten eine zehnprozentige Kürzung ihres Gehalts hinnehmen. Daniel Bierofka (links) ging mit gutem Beispiel voran und akzeptierte die Sparmaßnahme als einer der Ersten. © sampics
Wie die tz herausfand, sollte es für Spieler, deren Vertrag am Saisonende ausläuft, noch dicker kommen. Unter anderem haben Gabor Kiraly, Benjamin Lauth (r.) und Daniel Bierofka (M.) eine Verlängerung zur Hälfte der bisherigen Bezüge angeboten bekommen. Haken daran: Die neuen Verträge sollten bereits ab Januar gelten. Diese Idee wurde von der Vereinsführung aber wieder verworfen. © Getty
Insgesamt rund zwei Millionen Euro hat Immobilienhändler Nicolai Schwarzer aus Berlin seit Anfang 2009 in die Löwen gesteckt – als Darlehen und als Investment in die Löwen Sportrechte Vermarktungs GmbH (LSV). Zuletzt überwies er Ende Oktober einen sechsstelligen Betrag nach München, um die Löwen und seine Einlage vor dem Insolvenzverwalter zu retten. „Ich habe 'ne Menge Kapital drin bei 1860 und bin daran interessiert, dass ich das Geld möglichst mit Rendite zurückbekomme“, sagte Schwarzer zur tz. © fkn
Zu den Auswärtsspielen geht's bei weiten Strecken fortan mit dem Bus statt mit dem Flugzeug. © sampics
Auch das Wintertrainingslager musste leider ausfallen. Reiner Maurer sagte in der "Sport Bild", dass die Planungen für ein Trainingslager in der Türkei bereits weit fortgeschritten waren und das Hotel günstig gewesen wäre. Trotzdem: gestrichen! © sampics
Am 30. November richteten die Löwen einen Comedyabend in der Muffathalle aus. Die nicht ganz billigen Karten dafür gingen weg wie die warmen Semmeln. Präsident Rainer Beeck scherzte bereits, dass die Löwen künftig öfter kulturelle Veranstaltungen bieten sollten ... © al.
Die teuren Mietpflanzen an der Grünwalder Straße wurden abbestellt. Kostenpunkt laut "Kicker": 50.000 Euro. © sampics
Vor den Auswärtsspielen wie gegen Ingolstadt wird, sofern möglich, kein Teamhotel mehr bezogen. © sampics
Auch die Weihnachtsfeier im großen Kreis fiel diesmal aus. © sampics
Mate Ghvinianidze (r.) spülte mit seinem Schampus-Umtrunk am Tag vor dem Laktattest Geld in die Kassen der Löwen. Miki Stevic sagte dazu süffisant: „Eine kleine Flasche hätte nicht so viel gekostet, aber auf den Fotos habe ich Mate mit einer Magnumflasche gesehen – und Magnum ist halt immer teurer. Mal ganz abgesehen von Mates Dekoration…“ © Partygaenger.de
Auch Emanuel Biancucchi muss für seine eigenmächtige Urlaubsverlängerung einen Obulus in die Löwen-Kasse entrichten. © sampics
Nicht zu vergessen ist der Mietnachlass, den der FC Bayern den Löwen gibt. Um welche Summen es sich dabei exakt handelt, bleibt wohl ein rot-blaues Betriebsgeheimnis. © Getty
Daniel Bierofka (r.) bleibt den Löwen zu verringerten Bezügen treu. Er verlängerte bis 2013. „Daniel hat mit seiner Vertragsverlängerung einen substantiellen Beitrag für die Sanierung geleistet und damit große Solidarität gezeigt", dankt Robert Schäfer. © sampics
Kevin Volland wechselt zu 1899 Hoffenheim, bleibt den Löwen aber auf Leihbasis eineinhab Jahre treu. Nach tz-Informationen bringt der Deal den Löwen 700.000 Euro Ablöse. © sampics
Kenny Cooper geht zurück in die USA, spielt zukünftig für Portland. Die Löwen sparen eine Menge Gehalt. © sampics
Ende Januar drückte Trainer Reiner Maurer allen Spielern eine Schneeschaufel in die Hand - Räumdienst gespart! „Das ist doch eine ­gute Teambuildungsmaßnahme, die noch dazu nichts kostet“, sagte Maurer. © TSV 1860
Mathieu Béda
Mathieu Béda stand schon seit geraumer Zeit auf der Löwen-Transferliste. Pünktlich zum Transferschluss wurden die Löwen den Großverdiener an den FC Zürich los. © sampics
Mate Ghvinianidze: Der Wechsel des Innenverteidigers in die Ukraine zum PFK Sevastopol dürfte einiges an Geld in die Kassen gespült haben. Wieviel? Das bleibt geheim. © sampics
Gabor Király hat seinen Vertrag verlängert - und dabei offenbar auch auf Geld verzichtet. Wie groß der Gehaltsverzicht gegenüber dem alten Kontrakt ausfällt, wurde nicht bekanntgegeben. Der 34-Jährige selbst erklärt, dass es von beiden Seiten ein Entgegenkommen gab. "Wir haben eine Lösung gefunden, die für den Verein und für mich zufriedenstellend ist", so Király. "Dabei haben wir uns in der goldenen Mitte getroffen." © dpa
Kushtrim Lushtaku wechselte am 2. März zu Örebro SK nach Schweden - er war zwar kein Großverdiener. Aber immerhin sparen die Löwen sein Gehalt © sampics

„Münchens Große Liebe“, wie 1860 sich selbst anpreist, geizt auch in dieser Saison mit Toren (23 in 18 Spielen – nur sieben Zweitligisten treffen noch seltener), und was den Zuschauerzuspruch betrifft, so jammert der Verein zwar auf vergleichsweise hohem Niveau. Dennoch ist nicht zu übersehen, dass der Besucherschnitt seit Jahren dramatisch in den defizitären Bereich absinkt. Kein Erfolg, keine Zuschauer, kein Geld und seit Samstag wohl keine sportliche Perspektive mehr – das ergibt ein düsteres Gesamtbild. Wie es auf den vielen Baustellen des Vereins aussieht, wo sich im Hinblick auf eine bessere Zukunft welche Maßnahmen abzeichnen, zeigt unsere Übersicht.

Die Mannschaft

Viele Profis, die am Samstag zum Einsatz kamen, werden nächste Saison nicht mehr da sein. Die einen sind zu teuer, andere zieht es fort, zudem laufen etliche Verträge aus. Als Löwen-Fan kann man das bedauern, weil die Mannschaft eigentlich Potenzial hat. Man kann den Umbruch aber auch begrüßen, weil die Mannschaft das vermutete Potenzial zu selten abruft. Sicher ist eigentlich nur, dass Kapitän Bierofka bleibt, er hat zu reduzierten Bezügen bis 2013 verlängert. Auch Torhüter Kiraly ist zum Verzicht bereit, er ließ bereits eine Klausel streichen, wonach sich sein opulenter Vertrag (40 000 Euro/Monat) ab dem 25. Einsatz verlängert hätte.

Aigner will sein Glück im wahrscheinlichen Fall des Nichtaufstiegs in der Bundesliga versuchen, Lovin (Vertrag bis 2012) und Ludwig (läuft aus) sind sportlich nicht unumstritten, und Lauth wird seinen letzten großen Vertrag nur dann bei 1860 unterschreiben, wenn Geld und Perspektive stimmen – Augsburg lockt, man will ihn als Thurk-Nachfolger. Rukavina und Ignjovski schließlich stehen weiter zum Verkauf, das serbische Duo soll den Löwen die dringend benötigten Transfererlöse bringen.

Leihgabe Bell muss im Normalfall zurück nach Mainz. Bleiben (neben Kiraly und Bierofka): Bülow und Buck – sie stellen zumindest eine halbe Viererkette. Von den drei Eingewechselten ist Volland bereits an Hoffenheim verkauft (und für ein weiteres Jahr ausgeliehen), Ghvinianidze nach diversen Eskapaden durchgefallen und der torlose Rakic dauerfrustriert. In den nächsten Spielen, in denen einige Stammkräfte ausfallen, werden die Fans wohl die U 23-Akteure Hofstetter (18), Ratei (22) und Ziereis (18) kennen lernen. Sie sind jetzt – zusammen mit Christopher Schindler (20) – die Zukunft des Vereins.

Trainer und Sportchef

Die Verträge von Reiner Maurer und Miroslav Stevic laufen im Sommer aus – mit beiden ist die Vereinsführung nicht restlos zufrieden. Dazu kommt: Der Allgäuer und der Serbe sind erwiesenermaßen nicht die allerbesten Freunde, zudem in fachliche Fragen oft konträrer Meinung. Dass die beiden einträchtig zusammen sitzen und das Team für eine bessere 1860-Zukunft planen, ist eine bizarre Vorstellung. Die Auftritte der kommenden Wochen werden Aufschluss darüber geben, wie es mit Trainer und Sportchef weitergeht. Maurer braucht nach zwei Heimpleiten dringend eine Trendwende, für eine Verlängerung mit Stevic sprechen seine Kontakte und sein Verhandlungsgeschick.

Finanzen/DFL

Nach der ersten DFL-Hürde, die der Verein letzten Freitag genommen hat, tut sich im März bereits die nächste auf: Stichwort Lizenzierung. Intern ist man sich einig, dass die Suche nach einem Investor forciert werden muss. Als Sanierungsfall ist es zwar schwer, gutes Geld für KGaA-Anteile zu erzielen, doch ohne Finanzspritze von außen wird sich der Verein schwer tun, vor den DFL-Kontrolleuren zu bestehen. Wie kritisch die Löwen gesehen werden, deutete Vizepräsident Dieter Schneider an, als er mahnte: „Beim nächsten Bescheißen ist die Lizenz weg.“ Dass 1860 keine Lobby mehr bei den deutschen Fußball-Instanzen hat, war zuletzt auch auf dem Platz zu sehen, wo Schiedsrichter im Zweifel gegen die Löwen entschieden.

Zuschauer

Dass 1860 die Zuschauer davonlaufen, ist nicht mehr zu leugnen. 13

Lesen Sie dazu:

Zuschauerzahlen: Mit 1860 geht's abwärts

600 waren es gegen Paderborn, unwesentlich mehr zum Rückrundenstart gegen Bochum. Der Schnitt sinkt bedrohlich – von 41 720 (2005/2006) zum Start des Arena-Zeitalters über 28 135 (2008/09) und 21 985 (letzte Saison) auf aktuell unter 20 000. Der Schwund summiert sich zu einem Millionenbetrag, der im Etat fehlt. Schneider: „Die Zuschauer kommen letztlich dann, wenn attraktiver Fußball gespielt wird.“ Nicht der einzige Teufelskreis, der den Löwen das Leben schwer macht. Positiv sind im Moment eigentlich nur: die Tooooore von Benny Lauth. Doch wie lange noch.

Von Uli Kellner

Auch interessant

Kommentare