Maurer über Transfers: "Da sträuben sich mir die Haare"

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Ruhender Pol in bewegten Zeiten: Reiner Maurer.

München - 1860-Trainer Reiner Maurer blickt im großen Interview mit dem Münchner Merkur auf ein äußerst turbulentes Jahr zurück. Außerdem spricht er über die immerwährenden Münchner Aufstiegsambitionen und was dazu noch fehlt.

Das komplette Interview

Der TSV 1860 hat wieder einmal ein aufregendes Fußball-Jahr hinter sich. Mit bedrohlicher Finanzkrise, Lohnverzicht, Existenzängsten, glücklicher Rettung, Einstieg eines Investors aus Jordanien, weiteren Differenzen in der Chefetage. Vor dem Hintergrund dieser Turbulenzen hielt sich das Zweitliga-Team durchaus respektabel. Mit Platz 6 geht die Mannschaft in die Winterpause. Nach einer Serie mit vier Siegen und einem Remis herrscht ungewöhnliche Ruhe im Löwen-Lager. Wir unterhielten uns mit Trainer Reiner Maurer, 51, über die extremen Stimmungsschwankungen beim TSV 1860, den bestandenen Charaktertest der Mannschaft und die Aussichten auf das nächste Jahr.

Reiner Maurer, die sportliche Lage beim TSV 1860 ist derzeit verhältnismäßig entspannt. Es scheint so, als sei vorweihnachtliche Ruhe eingekehrt . . .

Maurer: Stimmt. Ich darf momentan stressfrei arbeiten. Ich erlebe gerade eine angenehme Woche vor Weihnachten, in der ich einen ganz normalen Alltag habe wie einer, der jeden Tag ins Büro geht.

Das war in dieser Saison nicht immer so. Wie haben Sie es geschafft, trotz der enormen Probleme des Vereins die Mannschaft einigermaßen auf Kurs zu halten?

Maurer: Ich habe vor allem darauf geachtet, dass wir uns auf das Sportliche konzentrierten. Jedes Spiel war ja von enormer Bedeutung und von einer hohen Erwartung begleitet. Für uns als Team war wichtig, alle externe Dinge auszublenden. Das ist in München nicht gerade einfach. Bis zum Sommer wussten die Spieler nicht, wie es weitergeht mit dem Klub. Wenn sich das in den Köpfen festsetzt, hat das schlimme Folgen. Ich habe versucht, die Mannschaft zu motivieren und so ins Fahrwasser zu bringen, dass sie nicht darüber nachgedacht hat: Was wäre wenn? Das hat insgesamt ganz gut geklappt.

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Ist Ihnen nicht manchmal angst und bange geworden?

Maurer: Ach, ich habe ja schon einiges mitgemacht beim TSV 1860. Und dann war ich auch einige Jahre in Griechenland . . .

Sie sind also chaoserfahren?

Maurer: (lacht) Ja, kann man so sagen – chaoserprobt. Ich hatte sogar mit Leuten wie den Vereinspräsidenten von AO Kavala, Makis Psomiadis, zu tun; der wurde wegen Spielmanipulationen, Geldwäsche und Wettbetrug verhaftet.

So schlimm ist es bei 1860 noch nicht . . .

Maurer: Nein, natürlich nicht. Aber schon in meinen sechs Jahren als Spieler bei 1860 ist es immer um sehr viel gegangen. Aufstieg, Abstieg, Klassenerhalt. In jeder Saison ging es bis zur letzten Sekunde um alles oder nichts. Als Trainer war es dann ähnlich. Jedes Jahr bei 1860 hat seine einprägsame Geschichte.

Muss man da nicht ein wenig masochistisch sein, um solche Extreme aushalten zu können?

Maurer: Ich bin überhaupt kein Masochist und brauche das auch gar nicht. Mich freut es umso mehr, dass ich derzeit in Ruhe arbeiten kann.

Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Maurer: Sechster Platz, 32 Punkte, damit kann ich ganz gut leben. Auch wenn wir noch keinen Grund zum Schulterklopfen haben. Es wäre auch noch etwas mehr drin gewesen. Andererseits wusste ich, dass es ein ganz schweres Jahr wird. Schließlich haben wir im letzten Winter den Kader reduziert und wertvolle Spieler wie Moritz Leitner oder Mate Ghvinianidze verloren. Auch Mathieu Beda hatte seine Qualitäten. Oder wenn ich an Stefan Bell und Aleksandar Ignjovski denke . . .

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Die Mannschaft hat sich aber überwiegend achtbar geschlagen. Wie erklären Sie sich die – unter diesen schwierigen Bedingungen – nicht ganz selbstverständliche Stabilität?

Maurer: Wir haben ein sehr gutes Klima im Team, da ist schon Spaß da. Das ist wichtig in diesem schwierigen Münchner Umfeld. Die Spieler setzen sich auch zu hundert Prozent für den Verein ein. Die Mannschaft hat einen guten Charakter und einen großen Zusammenhalt.

Zwischendurch gab es auch auch Rückschläge . . .

Maurer: Auf dem Platz fehlt uns noch der eine oder andere Führungsspieler. Noch verliert unsere Mannschaft schnell mal den Faden. Man hat diese Problematik auch gemerkt, als der lange verletzte Necat Aygün zurückkehrte. Seine Erfahrung, seine Ruhe haben sich auf die Mannschaft übertragen. Mit ihm lief vieles dann leichter.

Zu den Leistungsträgern zählte auch Daniel Bierofka – und das in einer neuen Rolle im defensiven Mittelfeld. Hat Sie das überrascht?

Maurer: Ich kenne den Daniel ja schon seit meiner Zeit als Co-Trainer. Ich weiß, wie engagiert er ist und dass er in jedem Training eine sehr gute Leistung abliefern will. Damit ist er auch Vorbild. Für ihn war es vielleicht auch ganz gut, dass er in dieser Saison nicht mehr Kapitän ist. Andere beflügelt dieses Amt, aber der Daniel will sich mehr auf seine Leistung konzentrieren. Seine Qualitäten hat er auch auf einer ungewohnten Position eingebracht. Er hat die ganze Runde überdurchschnittlich gut gespielt.

Hervorragend geschlagen hat sich auch der erst 19-jährige Kevin Volland. Wie beurteilen Sie seine Entwicklung?

Maurer: Kevin ist ein ganz schwerer Stand prophezeit worden. Schon in der Rückrunde ist er unheimliche Wege gelaufen, hat sich oft ausgepumpt. Dann musste er auch noch in die Türkei mit der U 19-Nationalmannschaft zur EM-Qualifikation und hat danach mit den Junioren um die deutsche Meisterschaft gespielt. Da war natürlich ein Kräfteverschleiß da. Er hat das aber ganz hervorragend gemeistert. Das liegt zum einen an seiner Natur. Er ist robust und er hat die richtige Einstellung. Das ist einer, der sieben Tage die Woche seinen Körper hegt und pflegt. Das hat sich für ihn dann auch ausgezahlt. Er hat in der Hinrunde auf einem absoluten Topniveau gespielt. Kevin wird sicher ein ganz hervorragender Erstligaspieler werden. Man muss immer vorsichtig sein mit solchen Prophezeiungen, aber er bringt alles mit.

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Zu einem Aufstiegsplatz sind es noch sieben Punkte. Eine Menge Holz. Sehen Sie da noch Chancen heranzukokmmen?

Maurer: Ich bin mir natürlich im Klaren darüber, dass hohe Ziele für 1860 normal sind. Aber ich würde es jetzt nicht als sonderlich produktiv sehen, nun gleich wieder vom Aufstieg zu reden. Die vier Mannschaften, die vorne liegen, also Frankfurt, Düsseldorf, Fürth und St. Pauli verfügen über hervorragende Qualität. Grundsätzlich bin ich der Meinung: Man muss die Latte so hoch legen, dass man die Möglichkeit hat, drüber zu kommen. Sonst kommt es schnell mal zu einer Überforderung.

Wie hoch liegt also die Latte?

Maurer: Das nächste Ziel ist, den fünften Tabellenplatz anzugreifen. Also Paderborn. Auch die liegen sieben Punkte vor uns. Das ist schwer genug. Man will bei Sechzig natürlich immer die Hoffnung auf noch mehr haben. Diese Hoffnung wird seit 40 Jahren geschürt – aber meistens ist es schief gegangen . . .

Die Hinrunde hat auch gezeigt, dass die Spielerdecke des TSV 1860 zu dünn ist. Wird es in der Winterpause zu Verstärkungen kommen?

Maurer: Unser Sportdirektor Florian Hinterberger arbeitet mit Hochdruck daran. Wir wissen aber noch nicht: Kann man was holen? Wir wissen noch nicht: Bleibt die Mannschaft zusammen? Wir wissen noch nicht: Müssen wir was einsparen?

Wie sind denn die entsprechenden Signale von der Vereinsführung?

Maurer: Das ist schwierig zu sagen. Ich höre jetzt eigentlich seit 18 Monaten, also seitdem ich hier wieder Trainer bin: „Im Moment können wir nicht.“ Dieses „im Moment“, das ist ein Ausdruck, der mir nicht so gefällt. Wenn ich das höre, dann sträuben sich meine letzten Haare.

Das Interview führte Armin Gibis

Das ganze Interview - und was Reiner Maurer zum Thema Vertragsverlängerung sagt - lesen Sie hier

Löwen intern - hinter den Kulissen des TSV 1860

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